Von Ingrid Gerstbach

Nehmen wir an, Sie betreten einen Raum, in dem zehn erwachsenen Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen und lautstark diskutieren. Weiter angenommen haben sich diese Menschen zu einem so genannten „Meeting“ zusammengefunden, um an einer neuen Marketingstrategie zu basteln. Der Wille ist da: Gemeinsam ringen sie um das bestmögliche Ergebnis. Viele Köpfe sind gemeinsam doch gemeinhin klüger als einer. Oder?

Glauben wir psychologischen Studien, wird das Meeting darin enden, womit es begonnen hat: Die Gruppe wird intern polarisieren und einzelne, teilweise durchaus sehr vernünftige und nachvollziehbare Argumente auseinandernehmen und zerpflücken. Danach folgt eine Entscheidungspräferenz, der nicht alle sofort folgen, aber der sich immer mehr anschließen bis zum Schluss alle zufrieden ihres Weges gehen.

Trittbrettfahren und andere Verlockungen

Menschen lassen sich von anderen beeinflussen aufgrund rationaler Argumente oder passen sich an, um sich an Gruppenwerte und –normen zu halten und sich dem sozialen Druck zu beugen.

Wissenschaftler haben sich solche Situationen näher angesehen und soziale und emotionale Ansteckungen näher betrachtet. Dabei haben sie mehrere Entdeckungen gemacht:

  • Soziales Faulenzen (Social Loafing): Dabei fahren Mitarbeiter unbewusst ihre Leistungen soweit hinunter, dass der individuelle Beitrag im Gesamtergebnis untergeht. In der Regel folgt auf prompten Fuße der Verlust der Motivation. Diesem Effekt kann die Führungskraft entgegensteuern, indem Einzelleistungen sichtbar gemacht werden oder Ziele individuell und klar definiert werden. Auch herausfordernde Aufgaben schützen vor social loafing.
     
  • Ein weiterer Kollege in so einem Team ist der Trittbrettfahrer (free rider): Dabei profitieren Mitarbeiter vom Einsatz andere ohne sich selbst bemühen zu müssen. Das Ergebnis? Engagierte Kollegen fahren wiederum ihre Leistung hinunter, um nicht ausgenützt zu werden. Dabei hilft auch hier wieder das Sichtbarmachen des Individuellen.
     
  • kollektives Harmoniedenken: Die eigene Meinung wird zum Schutz der Gruppenharmonie zurückgehalten. Das stört aber nicht nur das Denken und Handeln der Gruppe, sondern führt im schlimmsten Fall zu Fehlentscheidungen. Seien Sie mutig und sagen Sie Ihre eigene Meinung dazu! Riskieren Sie ruhig einmal den Widerspruch und polarisieren Sie! Arbeitsgruppen sollten auch immer wieder neu zusammengestellt werden, um out of the box Denken zu fördern.
     
  • Köhler-Effekt: Schwächere Mitarbeiter strengen sich mehr an, um nicht für die niedrigere Gruppenleistung verantwortlich zu sein. Beim social compensation Effekt dagegen bemühen sich stärkere Mitarbeiter, die Leistung ihrer schwächeren Kollegen auszugleichen. Das fördert den Zusammenhalt einer Gruppe.

Zugegeben: Bei weitem agieren nicht alle Meetingteilnehmer so und nicht jede Sitzung endet mit zu nutzlosen Ergebnissen. Allerdings handelt es sich bei der Gruppendynamik um einen unterschätzten Effekt, der fatale Auswirkungen wie Fehlentscheidungen, Verlust der Motivation, etc. haben kann. Achten Sie einfach mal bewusst in Ihrem nächsten Meeting darauf.