Von Ingrid Gerstbach

Jam Sessions, Präsentationen, Kantinen-Smalltalk, Visitenkartenparty, Brainstormingrunden: Ein herrliches Feld für extrovertierte Menschen. Denn: Berufliche Leistungen scheinen meistens erst dann zu zählen, wenn sie ins rechte Licht gerückt werden. Aber wo bleiben da die Introvertierten?

Sieht man sich Karriereratgeber an, so kommt schnell der Verdacht auf, dass ohne Selbstvermarktung kein beruflicher Aufstieg möglich ist. Wir leben in einer auf Außenwirkung ausgerichteten Arbeitswelt. Ein Biotop für extrovertierte Menschen, der reinste Albtraum für introvertierten Persönlichkeiten. Letzteren sind gute Ergebnisse, konzentriertes Arbeiten und präzise Vorlagen lieber als scheinbar rhetorische Schaumschlägerei und große Redenschwinger.

Dabei haben gerade Introvertierte Qualitäten, die andere brauchen: So sind sie zum Beispiel oft ausgezeichnete Zuhörer - eine wertvolle Eigenschaft bei Verhandlungen und bei Kundenkontakten. Eine Studie der Wharton School of Business der University of Pennsylvania zeigt, dass Unternehmen erfolgreicher sind, die von introvertierten Chefs geführt werden. Sie lassen ihren Mitarbeitern meist viel Freiraum.

Über Stärken und Schwächen

Der Wiener Psychoanalytiker C.G. Jung hat die Unterscheidung in „nach außen gerichtete“ und „nach innen gerichtete“ Menschen bereits 1920 geprägt. Spannend dabei: Eine Neigung in die eine oder andere Richtung lässt sich hirnphysiologisch nachweisen: Bei extrovertierten Personen sind andere Neurotransmitter im Hirn aktiv, die Nervenbahnen sind unterschiedlich lang und auch die Intensität elektrischer Aktivität in bestimmten Hirnregionen unterscheidet sich.

Introvertierte haben nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes eine lange Leitung und reagieren eher langsam, sie schätzen auch mehr die Sicherheit und Beständigkeit, während Extrovertierte auf Belohnung reagieren.
In der Kommunikation, in der Arbeitsweise und auch in der bevorzugten Lebensweise finden sich die meisten Unterschiede: Introvertierte Menschen reflektieren und lernen aus der Beobachtung. Entscheidungen werden vorbereitet und Probleme nach Erfahrungswerten gelöst.
Extrovertierte investieren ihre Zeit lieber in den Austausch mit anderen - das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie sich leichter mit anderen Menschen tun. Sie erreichen ihre Ziele einfach mit anderen Stärken.
Introvertierte gelten als schüchtern, manchmal auch arrogant oder distanziert. Dabei hat das nichts mit der Angst, sich vor anderen bloßzustellen, zu tun, sondern stille Menschen konzentrieren sich einfach lieber, denken analytisch und sicherheitsorientiert. Aber Angst ist dennoch bei den sicherheits- statt belohnungsorientierten Menschen ein Thema. Ihr Angstzentrum im Hirn schlägt schneller Alarm.

Gemischtes Doppel

Doch in den Unternehmen geistern viele Stereotype umher. Ein gut funktionierendes Team braucht  beide Typen, auch wenn die Zusammenarbeit von Lauten und Leisen nicht immer einfach ist. Während zum Beispiel die einen bei Brainstormingrunden erst aufwachen, denken die anderen lieber nach, als vorschnell zu antworten.
Extrovertierte beeindrucken zwar schneller. Sie wirken selbstsicher und kontaktfreudig und scheinen andere mit ihrer Energie regelrecht anstecken zu können. Eine Studie zeigt aber, dass Extrovertierte ihr Team weit weniger voranbringen als erwartet. Sie gehen seltener in Details, sie oft nicht so gute Beobachter und unkonzentrierter.  

Umgang mit leisen Menschen

Wenn die Energie zu neige geht, bezieht ein Extrovertierter durch den Austausch mit seiner Umwelt neue Kraft, während der Introvertierte in der Ruhe und im Rückzug seinen Akku auftankt.

Strukturliebe

Sind Abläufe voraussehbar gestaltet und hat der introvertierte Mitarbeiter genügend Zeit zur Vorbereitung, kann er Erstaunliches leisten. So ist dann auch ein Vortrag aufgrund seiner Planbarkeit und Struktur durchaus machbar, im Gegensatz zu einem sozialen Anlass.

Beharrlichkeit

Die Fähigkeit, an einer Sache auf Teufel komm raus dranzubleiben, ist eine tolle Voraussetzung zur Bewältigung schwieriger Aufgaben. Dort, wo andere schnell aufgeben, behalten Introvertierte den längeren Atem. Unterbrechungen und Lärm ist dabei wenig hilfreich, genauso wie ein Terminkalender voller Meetings. Neue Abläufe, ungeplante Dienstreisen oder ungewohnt Arbeitszeiten unterbrechen die liebgewonnene Routine und bringen einen Leistungsabfall: Selbstentschiedenes blockiert weniger als Fremdbestimmtes.

In der Ruhe liegt die Kraft

Introvertierte Menschen sind keine Crocodile Dundees, sondern meiden lieber das Abenteuer. Statt dessen gehen sie lieber behutsam vor, beobachten aufmerksam, denken vor dem
reden und gehen spärlich mit Informationen über sich selbst um. Dadurch fühlen sie sich aber auch befangener und unsicherer im Umgang mit anderen.

Diese innere Ruhe dient auch als Basis für Konzentration, Klarheit und Substanz. Dort finden leise Menschen aber auch einen Zufluchtsort, bei dem sie sich vor manchen Situationen und Aufgaben verstecken können.

Kommunikation durch Inhaltstiefe und Empathie

Inhalte vermitteln sie mit Tiefe, Qualität und Bedeutung. Dafür bleiben sie gerne an Details haften und sehen vor den vielen Einzelteilen das große Ganze nicht mehr. Als perfekte Zuhörer, die sie sind, filtern sie aus den Aussagen ihres Gegenübers Informationen und erahnen so auch wirkliche Bedürfnisse. Dabei wirken sie aber passiv, es fehlen eigene Impulse.

Empathie ist eine tolle Eigenschaft, mit der sich Personen schnell in die Lage ihres Gegenübers versetzen. Konflikte werden so vermieden, dafür lieber Gemeinsamkeiten gefunden und diplomatisch vermittelt.

Konzentration, bitte!

Eine große Stärke liegt in der Konzentration: Die Energie wird zielgerichtet eingesetzt und der Fokus geschärft. So bleiben Sie bei einer Sache, mit ihrer vollen Aufmerksamkeit und fühlen sich schnell überfordert durch zu viele, laute oder schnelle Sinneseindrücke.

Analytisch und strukturiert geplant, sehen sie in komplexen Zusammenhängen die Einzelheiten und leiten daraus Lösungen und Maßnahmen herbei. Zu viel Analyse blockiert nur leider manches Mal die Gefühle.

Sie können unabhängig und selbstständig, losgelöst von der Meinung anderer mit ihren eigenen Prinzipien leben. Das führt allerdings schnell zu einer Art Selbstverleugnung, in der Bedürfnisse unterdrückt werden können.

Tipps für introvertierte Menschen

* Seien Sie laut, wenn es sich lohnt, und verlassen Sie ab und an auch bewusst einmal Ihrer Komfortzone.

* Finden Sie die Kraft in der Ruhe und suchen Sie für private und berufliche Bereiche Ihre persönlichen Rückzugsmöglichkeiten.

* Finden Sie Ihre Stärken und leben Sie sie aus. Entwickeln Sie einen Blick für Ihre Bedürfnisse und Ihre Potenziale.

* Seien Sie ein leiser Gewinner. Nutzen Sie Ihr Sicherheitsbedürfnis, Ihre Konzentration, Ihre Beharrlichkeit und Ihre Empathie, um Ihre Ziele zu erreichen.

* Lernen Sie von Extrovertierten wie man Konflikt aussteht, spontan ist und andere begeistern kann. Sehen Sie die Dinge manchmal gelassener und werden sie offener für Neues.