Von Ingrid Gerstbach

Design Thinking im Speziellen und Kreativität im Allgemeinen setzt eines voraus: Mut. Den Mut zu haben, über den Tellerrand zu blicken, offen für Neues und Anderes zu sein und sich zu trauen, die eigene Komfortzone auch mal zu verlassen. Das klingt in der Theorie oft so einfach, in der Praxis stehen wir dann aber schnell unseren Ängsten, Unsicherheiten und Kritikern gegenüber. Wie können wir das überwinden? Indem wir zugeben, verletzlich zu sein.

Gestatten? Ich bin ich.

Eine gesunde Beziehung zu seiner eigenen Verwundbarkeit zu haben, ist eine der bewundernswertesten Eigenschaften, die ein Mensch ausmachen kann. Verletzbarkeit bereichert das ganze Leben, wenn sie richtig eingesetzt wird. Das bedeutet für mich nicht, sich auf die eigenen Ängste zu konzentrieren und nur die Schwächen zu sehen - das führt ganz schnell zu noch mehr Unbehagen und Angst. Aber nichts spricht gegen eine gesunde, solide Beziehung Ihrer verletzbaren Seite. Auf diese Weise machen Sie sich den Weg frei, um sich selber besser kennenzulernen. Es stellt eine tolle Chance für Wachstum dar und bereichert unglaublich viele wichtige und unterschiedlichste Bereiche des täglichen Lebens. Die eigene Verletzbarkeit zu kennen und unsere Grenzen zu wissen, hat durchaus viele Vorteile.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch - es geht mir wirklich nicht darum, dass man sich bestimmten Schwächen bewusst sein sollte und diese einfach so zu akzeptieren. Was uns Menschen ausmacht, ist letztlich die Einzigartigkeit: Auch unserer persönlichen Verletzbarkeit. Was aber immer gilt und bei allen gleich ist: Wir können besser darin werden, unsere Stärken zu finden, das Wesentliche zu erkennen und durch Reflexion wachsen. Darin besteht immer eine Chance und viel Wachstumspotential, egal ob fürs Berufs- oder fürs Alltagsleben.

Verstecken Sie sich nicht

Es ist relativ einfach, eine einseitige Sicht auf die eigene Verletzbarkeit zu haben. Dazu müssen wir nur unsere Ängste betrachten, die wir seit der Kindheit aufgebaut und wie einen Schatz gehütet und versteckt haben: Mit welchen Ängsten sind Sie aufgewachsen? Welchen Teil von Ihnen verstecken Sie vor sich selbst seit einer peinlichen Begebenheit? Bei welchen Gelegenheiten zucken Sie zusammen, sind angespannt oder hören Ihr Herz laut klopfen? Die meisten von uns können stillschweigend diese Bereiche nennen, aber nur selten schreiben wir sie auf, sprechen Sie offen an oder wollen sie bewusst erforschen, um sie zu verstehen und letztlich auch zu überwinden. Warum eigentlich? Weil wir uns sagen, dass wir das nicht können. Immer und immer wieder. Bis wir es selbst glauben. Es ist kein Wunder, dass das in den Bereichen ist, bei denen wir denken, dass wir uns darin nicht mit anderen messen können.

Schauen Sie ruhig hin!

Seine eigenen Schwächen anzuerkennen, ist wirklich alles andere als einfach. Die meisten von uns haben nicht den direkten Bezug dazu und müssen tief graben bis sie die Wahrheit finden. Das ist auch der Grund, warum es so schwierig ist, Angst und Unbehagen abzubauen. Außerdem lernen wir, unsere Ängste zum Schweigen zu bringen und unsere Schwächen zu verstecken, um die Entblößung dieser zu vermeiden. Das wiederum hilft unserer Angst  sich zu verfestigen und unsere Untätigkeit entzieht uns die Macht. Viele entscheiden sich dafür, sich nur auf die Stärken zu konzentrieren und auf Nummer sicher zu gehen. Schade eigentlich.

Akzeptieren und schätzen Sie Ihre Verletzlichkeit als Teil Ihres Abenteuers "Leben": Es erweitert unendliche unsere eigene Geschichte: Jeder Erfolg, den wir haben, geht auf die Entwicklung einer gesünderen Beziehung mit unseren Ängsten hervor. Zunächst haben wir die Angst entdeckt und entlarvt, um dann mutig die eigene Komfortzone zu verlassen. All das mit einer Kraft, die wir vielleicht nicht kannten, aber mit Sicherheit schon immer in uns tragen. Ich bin mir sicher, dass wir nicht deswegen auf der Welt sind, um ständig auf der sicheren, beschützten und bewachten Seite zu sein. Das kann nicht der Zweck des Lebens sein. Um gehen zu lernen, muss man zunächst hinfallen können.

Unfaire Bewertung

Jeder Mensch fühlt sich in einem bestimmten Grad unsicher bezogen auf unterschiedliche Dinge. Dieses Gefühl ist aber meistens viel zu hoch angesetzt. Oft fühlen wir uns verletzt, dabei haben wir nur Angst davor. Warum? Vielleicht weil wir uns doch nicht so gut kennen wie wir glauben und wir bestimmte Grenzen für uns selbst ziehen. Manches Mal müssen wir zuerst älter und weiser werden, bevor wir erkennen, dass in unseren vermeintlichen Schwächen auch unsere größten Stärken liegen können.

Ich sagt zu Ich "..."

Der schwierigste Teil ist dabei der Dialog mit sich selber. Dabei sollten Sie es tunlichst vermeiden zu lügen. Wir sind dazu ganz gut in der Lage, machen Sie mal selbst den Test: Welchen ursprünglichen Glaubenssatz können Sie aus heutiger Sicht als völlig falsche Überzeugung abtun? Die Antwort erhalten Sie nur, wenn Sie mutig genug sind, Ihre Komfortzone zu verlassen.

Die Gefahr verletzt zu werden ist überall und ständig da - es ist Teil des natürlichen Lebens und es ist in Ordnung so. Stehen Sie zu Ihrer Verletzbarkeit und wachsen Sie in den Bereichen, vor denen Sie so Angst haben.

Wenn Verwundbarkeit keck wird

Was passiert, wenn man seine Schwächen erkennt und sicher sein kann, dass die Angst davor so gut wie verschwunden ist? Angst, Unbehagen, Stress, Scham etc. sind die besten Unterstützer. Wenn Sie keine Angst haben, setzen Sie Ihren Angst-Mechanismus Schach matt. Plötzlich melden sich Mut und Kühnheit. Sobald wir der Angst die Kontrolle entziehen, eröffnet sich uns eine wunderbare, phantastische Welt: Mut und Kühnheit können durchaus süchtig und vor allem viel Spaß machen.

Schauen Sie dem Monster in die Augen

Es ist so wichtig, dass wir die Quellen und Ursprünge unserer eigenen Verletzbarkeit finden, denn nur so können wir sie effektiv bekämpfen. Warum haben wir so Angst vor etwas? Ist es unser Instinkt? Unsere Umwelt? Vielleicht eine psychische Narbe aus der Kindheit? Eine aktuelle Beziehung? Bleiben Sie dran - Sie werden an den Punkt kommen, an dem Sie die Quelle finden. Das hilft enorm, um die Verwundbarkeit richtig einzuordnen und manchmal reicht das auch schon, damit die Schuppen von den Augen fallen und das Monster unter unserem Bett sich in Wahrheit als ein Schattenspiel des kleinen Bruders entpuppen kann.

Versuchen Sie mal: Schreiben Sie Ihre größte Angst auf ein Blatt Papier auf. Klar, präzise, nüchtern. Welche Überzeugungen liegen dahinter? Wovor schützt die Angst Sie? Stellen Sie bohrende Fragen und zeigen Sie mit dem Finger auf sie. Genau auf den Punkt, wo es wehzutun beginnt. Bis zu einem gewissen Grad können wir so die eigenen Schwächen schwächen. Überwinden Sie sich und akzeptieren Sie, dass das, was Sie glauben, auch falsch sein könnte. Erst diese Einsicht macht Fortschritte in allen Lebenslagen möglich.

Wenn Menschen wieder Mensch sein dürfen

Verwundbar zu sein ist einer der schönsten Möglichkeiten, um uns als Menschen zum Ausdruck zu bringen und uns mit anderen Menschen zu verbinden. Menschen, die zugeben verletzlich zu sein, werden bewundert. Wir vertrauen solchen Menschen mehr, die auch mal scheitern und Fehler machen und diese zugeben können. Viele Menschen versuchen, eine Wahrnehmung zu schaffen, in der sie unfehlbar und perfekt sind, niemals schwach, sondern stets stark, souverän und eloquent. Dabei ist so befreiend zuzugeben, dass man selbst auch ein Mensch ist - mit Fehlern, Ecken und Kanten. Seine eigenen Narben zu zeigen und perfekt unvollkommen zu sein. Sie werden sehen wie viel Anerkennung Sie dafür bekommen werden :)

Der Kritiker in uns

Ehrlichkeit macht verwundbar. Wer neigt nicht dazu, manche Dinge zu überdramatisieren und sich selbst als Nabel der Welt zu betrachten? Was denken bloß andere, wenn wir dieses oder jenes tun? Was werden die anderen sagen, wenn sie mich sehen? Das macht es uns aber enorm schwer, uns mit anderen zu verbinden, Vertrauen zu schaffen, Demut zu zeigen, authentisch zu sein und nimmt den Raum, dass andere uns wertschätzen und bewundern - als Mensch. Versuchen Sie mal einfach Sie selbst zu sein und sich nicht für sich und ihre vermeintlichen Schwächen zu schämen. Ganz ehrlich? Wen interessiert es wirklich, dass Sie sich verhaspelt haben oder bei Ihrer Präsentation Aufstoßen mussten? Es kräht ihn Wahrheit kein Hahn danach. Die Menschen sind für gewöhnlich zu sehr mit ihren eigenen Ängsten beschäftigt ;)

Spieglein, Spieglein an der Wand...

Wie schön ist es, wenn man selber von sich ablenken und mit den Finger auf andere zeigen kann? Und, Hand aufs Herz, wer von uns macht das nicht ab und an? Aber achten Sie darauf, was Sie wann an anderen kritisieren. Oft steckt dahinter die eigene Angst und Verletzbarkeit. Entweder sind wir dann neidisch über das, was der andere hat und gerade demonstriert wie Mut oder Selbstbewusstsein etc. oder wir sehen darin uns selber, unsere eigenen Fehler und Ängste.

Fahren Sie Ihre Ernte ein

Wenn Sie Ihre Verletzbarkeit zu lassen, werden Sie es nicht bereuen. Im Gegenteil, Sie werden so

  • mehr Abenteuer in Ihr Leben lassen
  • großartigen Wachstum erfahren
  • einen schöneren, süßeren Blick auf Ihr Leben haben
  • tiefere Freundschaften eingehen
  • ehrlicher und mit ganzer Seele lieben können
  • als Mensch geachtet und bewundert werden, etc.

Jeder kennt Bereiche in seinem Leben, in denen man sich verwundbar, klein und ängstlich fühlt.Seien Sie sicher, Sie und wir alle anderen auf der Erde werden sich immer wieder dann und wann so verletzlich fühlen. Das ist das Leben, das ermöglicht erst Fortschritt.

Den wichtigste Rat, den ich Ihnen mitgeben kann, ist: Seien Sie sich Ihrer Verletzlichkeit bewusst und stellen Sie ein gesundes Gleichgewicht von positiven und negativen Bildern von sich selbst her. Es ist immer gut zu wissen, wo wir unsere Schwächen haben, aber es gibt auch viele, viele positive Stärken - vergessen Sie das nicht. Ein gesünderer Umgang mit Verletzlichkeit vertieft das eigene Verständnis und lässt uns Grenzen überschreiten, die wir nie für überwindbar glaubten.