Von Ingrid Gerstbach

"When I use a word," Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, "it means just what I choose it to mean—neither more nor less."

Worte haben einen verblüffenden Einfluss auf unser Denken und Handeln: Die eigene Muttersprache bestimmt wie wir die Welt sehen. Im Lateinischen sind zum Beispiel Begriffe wie Baum oder Fluss mit weiblicher Deklination versehen, denn Dryaden bewohnen als gute Naturgeister die Bäume und diese werden von Natur aus als „weiblich“ aufgefasst.
Wörter können aber auch manipulieren.

In vielen Unternehmen hat sich bereits ein Trend aus Amerika durchgesetzt: Powerpoint Folien mit sogenannten Bullets werden durch „Sprachbilder“ ersetzt. Dazu werden aussagekräftige Bilder gewählt, die bereits eine Geschichte in den Köpfen der Zuhörer entstehen lassen, und die nur mehr durch wenige Worte unterstrichen werden.
Zahlen und Fakten erreichen die Menschen nicht, im schlimmsten Fall können sie sogar Wählerstimmen kosten. Das zeigt sich gerade in der Debatte um die Flüchtlingsaufnahme in Österreich: Schwierige abstrakte Gesetzte allgemeinverständlich zu vermitteln gelingt selten - in unserer Wissensgesellschaft haben jene die Macht, die das Talent haben, Metaphern in der Gesellschaft nachhaltig zu verankern.

Der Einfluss der Muttersprache

Wörter und Sprache beeinflussen uns aber tagtäglich, auch in dem, was wir wahrnehmen und woran wir uns erinnern. Doch ob unsere Sprache durch unser Denken bestimmt ist und Menschen in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich denken oder ob Denken von der Sprache weitgehend unabhängig ist, führt seit einigen Jahren unter Linguisten zu heißen Debatten. Nicht zu unrecht, denn bei dieser Fragestellung geht es schließlich um das grundlegende Wesen des Menschen und seine Wahrnehmung.
Psychologen und Hirnforscher sind sich da schon einiger: Immer mehr Hinweise finden sich darauf, dass wir uns mit der Muttersprache bereits bestimmte Denkmuster anlegen, die unser Leben beeinflussen.

Schlagen Sie nur mal ein Roman auf und lassen Sie sich in die Welt des Protagonisten ein - Sie werden schnell merken, wie Sprache wirken kann.  Lesen wir Wörter wie „Geruch aus der Bäckerei“ oder „Kaffee“, werden im Hirn jene Areale, die zuständig für Gerüche sind, aktiviert. Bewegungen wiederum aktivieren den Motorkortex. Dadurch können wir unser Handeln selber beeinflussen. Durch die Aussprache „greifen“ während der Handlung, werden Bewegungen zum Beispiel gleich viel flüssiger.

Worte können aber auch tief verletzen und hängen einem mitunter tage-, wenn nicht sogar jahrelang nach. Auch Tabuwörter, die wir selber aussprechen, führen zu Stresssituationen. Forscher glauben dahinter eine emotionale Konditionierung. Kinder lernen, dass bei gewissen Wörtern ihre Eltern böse reagieren.

Alltagsgeschichten

Gerade im Alltag bekommen wir den Einfluss der Worte gar nicht mit. Metaphern aktivieren im Gedächtnis ein ganzes Netz an Assoziationen, das wiederum unsere Gedanken beeinflusst. Dadurch denken wir dann oft auch nicht mehr an Informationen, die nicht ins Konzept passen. Das birgt die Gefahr, dass wir wichtige Fakten übersehen und andere überbewerten.
Menschen mit ausländischem Akzent werden für weniger glaubwürdig erachtet. Und dieses Vorteil ist hartnäckig: Eine Studie ergab, dass selbst nachdem die Versuchsleiter auf die Verzerrung aufmerksam gemacht hatten, die Probanden den Sprecher mit starkem Akzent immer noch für unglaubwürdig hielten.

In einem Experiment der Stanford University wurden Probanden zwei Versionen eines Textes vorgelegt, der das Kriminalitätsproblem einer fiktiven Stadt beschrieb. Diese Versionen unterschieden sich allerdings nur im ersten Satz. Im ersten Text wurde die Metapher des „wilden Tieres“ für die Umschreibung von Kriminalität gewählt, im zweiten Text hieß es dann „Virus“. Die Aufgabe für die Probanden lag darin, Vorschläge zu machen, wie die Verbrechensrate in der Stadt gesenkt werden könnte.
Das Ergebnis war verblüffend: Die Teilnehmer, die Kriminalität als wildes Tier sahen, schlugen mehrheitlich die Jagd, Gefängnisse und härtere Gesetze vor, während die „Virus-Gruppe“ Ursachen erforschen, Armut bekämpfen und die Bildung verbessern wollte. Dabei gaben beide Gruppen als Referenz für ihren Vorschlag die Kriminalitätsstatistik im Text, die immer gleich waren, an.

Worte helfen uns grundsätzlich beim Denken und ermöglichen komplexe Gedankengänge. Dadurch können wir immer neue Ideen kreieren und so sogar über Dinge, die es gar nicht gibt, sprechen. Sprache ermöglicht so ein unendliches Repertoire an Kreativität. Sprache ist der Motor fürs Denken, Worte das Benzin dazu.