Von Ingrid Gerstbach

Wenn die Schale mit Süßigkeiten lockt, die eine Stunde mehr auf dem Stundenzettel niemanden wehtut, die Mittagspause etwas länger ausgedehnt oder wenn Kugelschreiber und anderes Büromaterial mit nach Hause genommen werden: Solches Verhalten kann unterschiedliche und vielfältige Gründe haben. Dahinter stecken psychologische Muster.

Die Ursachen des Verlangens, sich am Eigentum anderer zu bereichern, beginnen bei Schlaflosigkeit, geht über mangelnde Kontrolle im Unternehmen, schlechter Erziehung, falsch verstandener Nutzenmaximierung, Neid, Entfremdung und endet bei Gier. Aber auch mangelnde Selbstkontrolle kann ausschlaggebend für unethisches Verhalten am Arbeitsplatz sein.

Deines? Meines? Nicht so wichtig

Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians Universität in München, nennt dieses Verhalten das Prinzip der Selbstlosigkeit. Die Grenzen des eigenen, ethischen Verständnisses verschwimmen, die Verlockungen werden immer lauter und verführerischer. Laut Frey vollzieht sich dieses Verlangen, sich zu bereichern, in vier Phasen:

  1. Das macht doch jeder: Nagt das schlechte Gewissen im Inneren, brauchen wir zu unserem Selbstschutz eine gute Ausrede. Ob wirklich jeder im Büro mal eine Stunde mehr schreibt als arbeitet, kann niemand mit Sicherheit sagen. Aber es klingt nach einer guten Rechtfertigung.
  2. Das habe ich mir verdient: Jemand, der das Gefühl hat, sich für das Unternehmen aufzuopfern, auf Abruf verfügbar zu sein und ständig in Gedanken sich mit dem laufenden Projekt auseinanderzusetzen, kommt schnell mal in Versuchung, sich selbst zu belohnen und einen Ausgleich in Sachen Büromaterial zu suchen.
  3. Der weiß doch gar nicht, was er an mir hat: Klar: Wer viel und hart arbeitet, darf sich am Ende was gönnen. Aber der Schritt zur Arbeitsflucht ist eine Nummer größer. Ein kurzer Plausch mit der Kollegin oder schnell mal privat was ausloten ist etwas anderes, als während der Arbeitszeit Besorgungen für Zuhause zu tätigen oder das Unternehmen mit dem Supermarkt zu verwechseln.
  4. Ehrlichkeit wird bestraft: Wer solche Gedanken hegt und sich dementsprechend verhält, hat sein Unrechtsbewusstsein wohl bereits verloren.

Ethisches Handeln erfordert Selbstkontrolle...

Mit Selbstdisziplin können wir Reizen widerstehen und verlieren längerfristige Ziele nicht aus den Augen. Allerdings handelt es sich dabei um eine begrenzte kognitive Ressource, die schnell aufgebraucht sein kann. Brauchen wir viel Selbstkontrolle, um nicht von den Süßigkeiten zu naschen, kaufen wir kurz danach deutlich mehr ein.

Auch um kurzfristig verlockendem unmoralischem Verhalten widerstehen zu können, brauchen wir ebenfalls viel Selbstkontrolle. Studien der Verhaltensforscher Gino und Ariely zeigen, dass Erschöpfungen der Ressource Selbstkontrolle unethisches Verhalten erhöhen. Dazu haben die Forscher ein Experiment aufgesetzt, in dem sie die Probanden baten, bestimmten Reizen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Das erforderte einiges an Selbstkontrolle. Probanden, denen diese Anweisung nicht gegeben wurde, verhielten sich im darauf folgenden Test wesentlich moralischer als diejenigen, die sich bereits vorher sehr beherrschen mussten.

... und moralisches Bewusstsein

Aber nicht nur Selbstkontrolle ist notwendig, um sich moralisch einwandfrei zu verhalten. Auch ein moralisches Bewusstsein ist dafür notwendig. Aber alleine die Fähigkeit, ethische Fragestellungen zu erkennen, benötigt ebenfalls kognitive Ressourcen.  Auch hier zeigt sich: Ist die Selbstkontrollkapazität aufgebraucht, wirkt sich das erheblich auf das moralische Bewusstsein aus.

Mitarbeiter, die nun häufig selbstkontrollintensiven Situationen ausgesetzt sind, fehlen nicht nur die notwendige Selbstkontrolle, sondern auch die Fähigkeit, moralisches Fehlverhalten als solches zu enttarnen. Treffen Sie also ethisch relevante Entscheidungen besser nicht gleich nach selbstkontrollintensiven Situationen wie Meetings oder Verhandlungen. Auch eine Kommunikationsatmosphäre, in der Mitarbeiter nicht ihre Meinung äußern können, oder ein enger Zeitplan bedürfen viel Selbstkontrolle.

Statt also mit einer Süßigkeitenschale zu versuchen, das Klima im Büro zu verbessern, setzen Sie lieber auf eine gute Unternehmenskultur und bieten Sie weniger Anreize und Möglichkeiten für ethisches Fehlverhalten.