Von Ingrid Gerstbach

Sei kreativ! Lautet der Imperativ unserer Zeit. Ideen bestimmen, wer an der Unternehmensspitze ist und bleiben wird. Doch diejenigen, die kreativ sind, wissen, wie unmöglich es ist, auf Knopfdruck kreativ zu sein. Die Sternstunden des Geistes, jene Momente, in denen urplötzlich ein genialer Einfall uns durchschießt, eine neue Idee Gestalt annimmt, ein nie zu träumen gewagter Gedanke, der sich seinen Weg bahnt: Geniale Einfälle haben eines gemeinsam - sie lassen sich nun einmal nicht planen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Wenn wir versuchen, sie herbeizuzwingen, können wir sicher sein, dass wir vollkommen ideenlos weiter herumirren werden.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Inspirierende Momente werden gerne auf äußere Einwirkung zurückgeführt. Bis ins 17. Jahrhundert gingen die Menschen davon aus, dass Kreativität göttlichen Ursprungs sei. Das Wort „Inspiration“ bedeutet schließlich nicht umsonst „Einhauchung“. Der von der Muse Geküsste oder von Gott unerwartet mit genialen Ideen Bedachte, erfuhr sich im wahrsten Sinne des Wortes als begeistert.

Heutzutage wird die Hoffnung auf gute Ideen weniger im Außen, sondern mehr im eigenen Inneren gesucht. Hirnforscher verorten die Quelle kreativer Gedanken in unserem Erfahrungsschatz, dem sogenannten „impliziten Wissen“. All jene mehr oder minder zufällig aufgeschnappten und wieder vergessenen Informationen hüten wir darin und tragen sie unbewusst mit uns mit. Um diese Quelle anzuzapfen und neue Einsichten daraus zu gewinnen, muss der Mensch paradoxerweise aufhören, zielgerichtet zu denken: Unser bewusstes Denken folgt meistens nur altbekannten, liebgewonnenen und ausgetretenen Trampelpfaden. Geniale Geistesblitze jedoch entstehen aber genau jenseits dieser gewohnten Denkstrecken.

Den Ideen Beine machen

Steve Jobs war bekannt für seine "walking meetings". Auch Mark Zuckerberg hält viele seiner Meetings auf spaziergehende Weise ab. Eine Studie der Stanford Universität gibt den beiden Recht: Schon einfaches Gehen reicht aus, um Assoziationen zu wecken und bessere Ideen zu haben. Dafür experimentierten die Forscher ausgiebig: Probanden wurden aufgefordert, in einem kleinen weißen Raum zu grübeln, was sie mit einem vorgegebenem Objekt (zum Beispiel einem Schalter) alles anstellen könnten. Während die einen dabei stillsitzen mussten, durften die anderen herumspazieren. Und siehe da: Alle (!) Spaziergänger kamen danach nicht nur entspannter, sondern mit wesentlich mehr und vor allem kreativeren Ideen zurück.
Um herauszufinden, ob die kognitiven Fähigkeiten alleine durch die Bewegung beflügelt wurden oder ob es doch auch an der frischen Luft lag, schickten die Forscher eine weitere Gruppe auf ein Laufband, auf dem die Personen einfach langsam gehen sollten. Das Ergebnis: Auch diese Personen hatten im Schnitt doppelt so viele Einfälle wie die Stubenhocker. Aber nicht nur das: Die Ideen kamen nicht nur wortwörtlich am laufenden Band, sondern auch im Nachhinein.

Kreativität braucht Assoziationen

Jeder Geistesblitz sorgt für neue Verbindungen zwischen den Gehirnhälften. Dadurch stuft unser Hirn das Neue als passend ein und wir selber haben das Gefühl, dass sich die Sache „rund anfühlt“. Forscher glauben dafür hauptsächlich den chemischen Botenstoff Dopamin  verantwortlich machen zu können. Dieser macht uns nicht nur euphorischer, sondern er übermittelt auch Befehle des Nervensystems an die Muskulatur und fördert unsere Assoziationskraft. All das sind notwendige Zutaten für unsere Kreativität.
Die Ausschüttung von Dopamin wiederum, glaubt man der Wissenschaft, ist abhängig vom Umfeld, in dem wir uns bewegen. Der Grund, warum wir beim Duschen, Joggen oder sogar am stillen Örtchen oft die besten Ideen haben, liegt daran, dass wir mit diesen Orten positive Dinge assoziieren. Der Gedanke an unserem Schreibtisch erinnert uns eher an Arbeit, Stress und Zeitdruck. Und das hemmt schnell mal. Wobei manches Mal ist es auch genau das Gegenteil der Fall: Je näher die Deadline rückt, desto schneller wird der vor sich hin Grübelnde aus seiner Lethargie gerissen und alle seine Kräfte mobilisiert.

Vom exzessiven Bleistiftspitzen übers Riechen an Maggi-Kräutern - alles ist erlaubt, wenn es nur der Kreativität Flügel verleiht. Es wäre auch zu langweilig, wenn wir uns einfach hinsetzen, nachdenken und die Geistesblitze zählen könnten :)