Von Ingrid Gerstbach

Ein Unternehmensmythos, über den ich bei einem Kunden erst wieder vor ein paar Tagen gestolpert bin, ist, dass sowohl Frauen als auch Männer jeweils besser mit dem anderen als mit dem eigenen Geschlecht zusammenarbeiten würden.

Kooperationen decken das Problem zwischen Einzel- und Gemeinschaftsinteressen auf. Im Unternehmensalltag begegnet uns Kooperation immer dann, wenn mindestens zwei Personen ein gemeinsames Ziel verfolgen. Oft ist es für beide der bessere Weg, zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander zerstörend vorzugehen. Team bedeutet dabei nicht: Toll, ein anderer machts, sondern: Totaler Einsatz aller Mitwirkenden.

Frau versus Mann: Mythos oder Wahrheit?

Ist das wirklich typisch Frau? Frauen kämpfen auf der emotionalen Ebene, indem sie in ihrer Kritik mehr auf das Privatleben und auf Intrigen setzen. Sie machen andere lieber hinter deren Rücken lächerlich oder streuen Gerüchte aus.

Und das typisch Mann? Männer andererseits sind mit offenen Kämpfen mehr vertraut. Im Arbeitsbereich äußert sich das ganze, in dem offen Drohungen ausgesprochen werden oder sie den Gegner in seiner Arbeit blockieren.

Oben zitierte These stammt aus einer Studie, in der Forscher 272 Studien mit insgesamt 31.642 TeilnehmerInnen aus über 50 Jahren Arbeit ausgewertet haben. Das Ergebnis dürfte also insgesamt signifikant und somit aussagekräftig sein ;)

In einer dieser Studien wurden (ähnlich dem Gefangenendilemma) die Probanden dazu aufgefordert zwischen einem guten Ergebnis für sich selbst und einem guten Ergebnis für die Gruppe zu wählen. Die Hypothese dahinter ist nicht überraschend: Wenn jeder Einzelne zunächst das beste Ergebnis für sich selbst wählt, steht es um das Interesse des Unternehmens schlecht. Rein statistisch gesehen gibt es zwar keinen eindeutigen Hinweis darauf, aber bei genauerer Betrachtung der einzelnen Forschungen hat sich herausgestellt, dass es einen Unterschied im Geschlecht bezogen auf die Zusammenarbeit und eben jenen Wahlmöglichkeiten gibt: So haben Frauen öfter kooperiert, wenn Männer ihre Kooperationspartner waren, Männer haben jedoch in der Wahl ihres Kooperationspartners kaum auf das Geschlecht geachtet.

Auch wenn wir wissen, dass es das beste für alle wäre, zusammenzuarbeiten, so tun es doch die wenigstens, um einen Erfolg für sich zu erzielen. Warum das? Das ganze scheint einen evolutionstechnischen Hintergrund zu haben: Sowohl Krieg als auch die Jagd sind soziale Dilemmata, bei denen es aber nicht um Einzel-, sondern um die Gemeinschaftsinteressen geht: Sonst wäre keine Nahrung vorhanden und der Krieg verloren. Solche Dilemmata zu überwinden bedeutet aber, dass Strategien zur Kooperation nötig sind.

Frauen wurden (zumindest früher) so aufgezogen, dass sie Männern gefallen. Die Folge daraus war, dass sie ihr Selbstwertgefühl großteils aus der Anerkennung von Männern bezogen haben. Andere Frauen mutieren dementsprechend schnell zur vermeintlichen Konkurrentin: Welche ist die Schönere, Klügere etc. von uns beiden? Welche bekommt schneller den "Versorger" unter die Haube? Der Erfolg eines Mannes war vielleicht deswegen vielen Frauen nicht so wichtig wie der Erfolg einer Frau.
Männer lernten dafür bereits in ihrer frühen Kindheit um Einfluss zu kämpfen. Aber eben auch, dass in einem Kampf auch immer einer verlieren muss. Daher können sie besser zwischen Leistung und ihrem Wert als Mensch trennen als Frauen das können.

Im Laufe der Zeit hat sich aber der gesellschaftliche Einfluss von Frauen verändert: Während sie zunächst gemeinsam für eine bessere Position der Frauen allgemein in ihrer Gesellschaft gekämpft haben und als gemeinsamen Feind in Sachen Gleichberechtigung den Mann sahen, sind in der Zwischenzeit Frauen beruflich weiter vorangekommen. Die Anzahl der in Frage kommenden Positionen ist geringer geworden - aus den damaligen Kooperationen sind Einzelkämpfer geworden.

Nach wie vor gibt es also Konkurrenz sowohl zwischen Männern unter Männern als auch zwischen Frauen unter Frauen. Sie wird nur anders ausgelebt: Das Ansteigen von Mobbing ist ein starkes Indiz dafür.

Auch wenn Konkurrenz bekanntlich das Geschäft belebt, ist es für das Klima und das eigene Wohlergehen das Beste, wenn mehr miteinander kooperiert wird. Denken Sie an den Ausgang des Gefangenendilemmas: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kooperation sich letzten Endes auszahlt, ist höher, als die Wahrscheinlichkeit, dass Konkurrieren belohnt wird...