Von Ingrid Gerstbach

Gestern habe ich noch ein wenig gesurft, als mir ein Eintrag von einer Freundin in die Augen fiel, der mich erschreckte "Noch eine Menge Arbeit bis morgen zu erledigen, aber wenigstens bin ich jetzt Zuhause...". Der Eintrag wurde um 19.32h gepostet. Mein erster Gedanke war: Ups, nicht gut. Aber Hand aufs Herz: Wem geht es nicht ab und an auch so? Wie lange sind Sie nach Feierabend noch für Ihren Chef, Mitarbeiter oder den Kunden erreichbar? Dank Smartphones, Tablets und mobilem Internet befinden wir uns längst in einer Verschmelzung von Arbeitsplatz und -zeit mit Privatleben.

Laut einer Bitkom-Studie sind 88 Prozent der Angestellten auch in den eigenen vier Wänden für Arbeitsangelegenheiten erreichbar, ein Drittel sogar rund um die Uhr. Die Folgen sind fatal: Das Schreckgespenst Burnout hinterlässt längst in Arbeit und Haushalt seine Spuren.

Aus meinen Coachings weiß ich, dass für viele Führungskräfte ab dem mittleren Management und Selbstständigen 14h Arbeitstage die Regel sind. Aber auch vielen Angestellten ergeht es so: Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist die Angst, als entbehrlich abgestempelt zu werden, groß.

Dass zu lange Arbeitszeiten und zu wenig Regeneration auf Dauer schlecht sind, gilt als allgemein bekannt und gemeinhin akzeptiert. Dennoch werden die ersten Alarmzeichen oft verharmlost oder erst nicht wahrgenommen: chronische Müdigkeit, fehlende Energie, Konzentrationsstörungen, ständige Kopfschmerzen, innere Unruhe, Bauchschmerzen etc. Viel zu wage und dennoch beeinträchtigen sie unseren Alltag enorm.

Trotzdem: Nicht alle Mitarbeiter oder Führungskräfte erkranken an einem Burnout. Ein Burnout kann somit keine ansteckende Krankheit sein oder ein Virus, den man sich mal "eben einfängt". Es ist eine schleichende Krankheit, die erst erarbeitet werden muss.

Burnout-Patienten sind oftmals Wiederholungstäter

Viele Menschen leisten viel. Egal, ob Hausfrau, Angestellter oder Manager. Aber dennoch gibt es unter ihnen welche, die mehr auf eine gute Work-Life-Balance achten als andere: Sie schaffen sich die notwendigen Rückzugsmöglichkeiten, um sich rechtzeitig zu erholen und neue Energie zu tanken. Menschen, die ständig nahe an einem Burnout sind, können das schlecht bis gar nicht. Auch wenn sie öfters den gutgemeinten Ratschlag vom Chef, dem Partner oder auch ihrem Arzt, mal Pause zu machen, hören: Viel zu oft wird dieser Ratschlag nicht ernst genommen oder im schlimmsten Fall wittern sie Eigennutz dahinter.

Viele, die bereits an einem oder mehreren von den oben genannten Symptomen über einen längeren Zeitraum bereits leiden, nehmen den Schuss vor den Bug nicht ernst und ändern weder ihr Verhalten noch ihre Einstellung. Nach einer Therapie und eventuell einem Jobwechsel, machen sie mit neuen Kräften dort weiter, wo sie vorher aufgehört haben.

Denn die Probleme, die ein Burnout erst entstehen lassen, liegen nicht im Chef, im Konkurrenzangebot, in der Krise, in der Arbeitsauslastung, im Kollegen - sie liegen alleine in uns selber.
Natürlich ist es leichter in diesen Umständen die Schuld zu suchen und auch zu finden. Sie sind auch zweifelsohne wichtige Faktoren, die das begünstigen. Aber: Sie sind nicht Ursache. Warum sonst hat der nette Kollege, der genauso viel arbeitet, nicht auch ein Burnout? Oder Ihre Bekannte, die neben Job und Familie auch noch die Zeit findet, einen Malkurs zu besuchen? Wenn Sie erkennen, dass Sie Ihre Einstellung, Ihre Werte und Verhaltensweisen ändern müssen, um sich wieder zu erholen und das auf Dauer, dann sehen Sie, dass Sie alleine und zwar sofort durch Umgestaltung alles zum Besseren wenden können. So erschreckend und brutal die Aussage, dass nur sie alleine Täter und Opfer gleichzeitig sind, im ersten Moment auch klingen mag, es steckt doch die ungeheure Chance darin sofort etwas zu ändern und nicht hilf- und machtlos zu sein!

Mögliche Ursachen für ein Burnout

Perfektionismus
Es gibt selten Fälle, in denen die Ergebnisse wirklich 100% perfekt sein müssen: Wenn Sie ein Chirurg sind, der einen operativen Eingriff vornehmen muss, oder ein Pilot, der seine Passagiere sicher zum Zielort bringen soll, dann sollte wirklich jeder Schritt exakt passen. Für alle anderen Lebensbereiche reicht es vollkommen aus, wenn die Lösung nicht perfekt ist. Oft werden die Dinge mit der Zeit auch besser. Im Design Thinking gilt deswegen der iterative Prozess: Ein Prototyp wird erstellt, dieser dann dem Nutzer gezeigt und aufgrund des Feedbacks nachgebessert. Perfektionismus wird also nicht einmal angestrebt!

Die Menschen, die zu Perfektionismus neigen, glauben oft sich oder anderen etwas beweisen zu müssen: Dass auch sie etwas Außerordentliches leisten können, dass sie besonders klug sind, dass sie strapazierfähig sind etc. Nicht selten hat Perfektionismus seine Wurzeln in unseren Unsicherheiten und Ängsten und versucht etwas anderes zu kompensieren.
    
Nein sagen
Grenzen aufzuzeigen ist keine einfache Angelegenheit. Es ist schwierig auch mal "Nein" zu sagen oder zuzugeben, dass etwas nicht Möglich ist. Nur sind wir allen Grenzen unterworfen: Wir haben nur eine begrenzte Energie, begrenzte Zeit, begrenzte Kraft und auch begrenzte Aufmerksamkeitsspannen. Menschen, die zu Burnout neigen, kann es passieren, dass eigene Grenzen missachtet oder gar als Schwäche von ihnen selbst empfunden werden. Körpersignale wie Erschöpfungssymptome werden nicht als eine wertvolle Information empfunden, sondern meistens erst gar nicht wahrgenommen. Eher denken sie dann an ein persönliches Versagen, das lieber verschwiegen wird.

Geringes Selbstwertgefühl
Menschen mit eher geringerem Selbstwertgefühl geben sich oft ihrem Glauben hin, dass sie sich die Anerkennung und Zuneigung von anderen verdienen müssen. Bitten werden selten ausgeschlagen, aus Angst, der andere könnte dann böse sein oder einen als unsympathisch und unkollegial empfinden. Vor Konflikten scheuen sie zurück und versuchen aufgrund ihres Harmoniebedürfnisses sich lieber anzupassen als irgendwo anzuecken.

Privatleben
"Wir trennen das Privatleben strikt vom Beruf!", ist eine Aussage, die ich oft in Coachings höre. Allerdings wirken sich die beiden gegenseitig aufeinander aus: Wenn zu viel gearbeitet wird, fehlt die Zeit für die Familie, für Freunde und eigene Hobbies. Vieles wird auf das Wochenende verschoben, doch meistens ist der Trott schon so eingefahren, dass am Wochenende nur noch schnell "die eine Mail" beantwortet werden muss oder das eine Telefonat. Aus 10 min. ist dann schnell mal 1-2h geworden - der Job hat nun mal höchste Priorität, alles andere muss sich gezwungenermassen unterordnen.

Menschen, die allerdings zufrieden und glücklich in ihrem Privatleben sind, haben meist andere Werte und Vorstellungen bezüglich Arbeit und Work-Life-Balance.

Funktionieren müssen
Vielleicht geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie das Gefühl haben, Sie müssen jetzt einfach funktionieren, Sie dürfen nicht ausfallen? Die Stärke von Menschen, die viel arbeiten, ist, dass sie jahrelang mehr oder minder klaglos funktionieren. Als Ursache dahinter kann eine unbewusste Strategie in Frage kommen, die bereits in der Kindheit entwickelt worden ist. Vor allem in Elternhäusern, in denen nur Leistung zählt und die Schwäche oder Beschwerden bestrafen anstatt als Teil des Lebens zu integrieren, lernt das Kind früh, hart zu sich selbst zu sein und viele vermeintliche Schwachstellen zu unterdrücken. Für diese Entfremdung zahlt der Mensch allerdings früher oder später einen hohen Preis.
    
Morgen ist auch noch ein Tag
Die Zeit, die Sie mit der Arbeit verbringen, können Sie nicht mehr nachholen. Wenn Ihr vollgefüllter Terminkalender wieder einmal keinen freien Platz für das Essen mit Ihrem Partner oder das Fußballspiel Ihres Sohnes frei hat, dann wird es höchste Zeit kurz mal Innezuhalten. Ziele sind wichtig und es ist auch in Ordnung, wenn die Arbeit eine Zeit lang einen hohen Stellenwert innehat. Aber das sollte einfach nicht zur Dauerlösung werden. Das Leben läuft weiter, die Zeit bleibt nun mal nicht stehen. Wenn - dann Gedanken sind sehr gefährlich und wohl einer der meist verbreitetsten Denkfehler unserer Gesellschaft. Wenn ich das erledigt habe, dann kann ich die Reise endlich machen. Wenn ich die zehn Kilo abgenommen habe, dann bin ich glücklich. Wenn ich mehr Geld habe, dann werde ich nicht mehr so viel arbeiten.
Oft steht aber hinter dem ersten Wenn-dann noch ein zweites und dahinter noch ein drittes. In Wahrheit zählt aber nur der Moment - denn wir wissen nicht, was auf uns wartet und wie viel Zeit uns noch bleibt.

 

Mir ist durchaus bewusst, dass viele diesen Dingen ein: Ja, aber entgegengesetzt werden kann. Ja, aber der Chef macht Stress! Oder: Ja, aber ich muss das jetzt machen, sonst verlier ich meinen Job! Oder, ja, aber ich muss meine Eltern pflegen, sie haben doch sonst niemanden! Es gibt allerdings in Wahrheit mehr Handlungsmöglichkeiten und Auswege, als wir selbst im ersten Moment erkennen.

Nehmen Sie Ihr Leben wieder selber in die Hand und lassen Sie sich nicht von Ihrem Terminkalender, Ihrem Chef oder anderen Verpflichtungen treiben - bis Sie nicht mehr können! Gönnen Sie sich bewusst eine Auszeit, beginnen Sie damit jeden Tag ein paar Minuten zu meditieren oder spazieren zu gehen. Ganz für sich alleine. Ohne Handy. Hören Sie dem Vogelgezwitscher zu, beobachten Sie, was um Sie herum gerade passiert. Auch wenn Sie dieser Gedanke im ersten Moment nervös macht: Sie werden sehen, die Welt dreht sich weiter. Ganz sicher.

 

Selbsttest

Sind Sie burnout gefährdet?
Hier finden Sie ein paar Aussagen über arbeitsbezogene Gedanken und Empfindungen. Wenn das jeweils angesprochene Gefühl im letzten Monat bei Ihnen überwiegend aufgetreten ist, kreuzen Sie bitte dieses an. Wenn Sie am Ende mehr als 4 mal die Fragen für sich mit Ja beantwortet haben, halten Sie bitte kurz inne und denken Sie darüber nach, ob es nicht gut wäre, sich an dieser Stelle Unterstützung zu suchen.

  • Morgens komm ich kaum aus dem Bett raus.
  • Ich fühle mich oft krank und geschwächt und/oder habe Schmerzen.
  • In letzter Zeit reagiere ich oft gereizt.
  • Es fällt mir schwer, mich zu entspannen.         
  • In letzter Zeit sind mir Kontakte zu anderen Menschen (Kunden, Klienten, Kollegen, Freunde etc.) oft zuwider.         
  • Ich habe das Gefühl, dass ich die Freude an meiner Arbeit verloren habe.
  • Ich fühle mich oft psychisch erschöpft und müde.         
  • Ich habe des Öfteren Konzentrationsschwierigkeiten.
  • Ich fühle mich körperlich ausgepowert.         
  • Ich habe das Gefühl, dass meine Aufgaben mich überfordern.
  • Es passieren mir momentan immer wieder viele Fehler.
  • Ich habe Schwierigkeiten dabei, Entscheidungen zu treffen.
  • Ich schlafe in letzter Zeit schlecht und wache mehrfach auf.         
  • Ich würde am liebsten alles hinwerfen.