Von Ingrid Gerstbach

Das Ziel einer Gesellschaft sollte sein, mehr Vertrauen ineinander aufzubauen. Allerdings müssten wir zunächst verstehen, was Vertrauen genau ist und ob wir nicht einfach mehr Vertrauenswürdigkeit brauchen. Sensible Menschen versuchen meistens ihr Vertrauen bewusst zu verteilen. Auch ihr Misstrauen verstreuen sie nicht wahllos, sondern platzieren es gezielt dort, wo es ihrer Meinung nach hingehört.

Vertrauen ist notwendig, wenn es um Dinge geht wie z.B. politische Wahlen: Ist die eine Partei, der ich meine Stimme anvertrauen will, auch zuverlässig, kompetent und ehrlich genug? Ist sie für mich vertrauenswürdig? Kann ich bei dem Fleischer wirklich um teures Geld Qualität kaufen? Kann ich der Kollegin ein Geheimnis anvertrauen oder tratscht sie es gleich weiter? Stell ich den richtigen Mitarbeiter ein, wird er mit den Aufgaben nicht doch überfordert sein?
Vertrauen richtet sich demnach daran, ob wir jemand anderen als ehrlich, kompetent und zuverlässig einschätzen oder eben nicht. Vertrauen steht immer in einen Kontext.

Unbewusst vergleich wir die verschiedenen Fälle untereinander: Einigen Menschen trauen wir Tätigkeiten zu, anderen misstrauen wir - bei der gleichen Aufgabe. Wir vertrauen bestimmten Unternehmern, Fachexperten oder eben Politiker, dass sie ihren Job gut machen und erfüllen. Andererseits trauen wir genau diesen Personen nicht andere Tätigkeiten zu wie, dass der Politiker gutes Brot backen kann, der Unternehmer kein gutes Busfahrer ist oder der Physikexperte original Augustinus Texte perfekt übersetzen kann.

Wenn wir wollen, das andere uns vertrauen, ist der erste Schritt selbst vertrauenswürdig zu sein: Bleiben Sie ehrlich und authentisch, versuchen Sie niemals jemanden zu täuschen oder etwas vorzumachen, das sie nicht sind!
Der zweite Schritt ist, dass wir objektive Beweise für unsere Kompetenz, unsere Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit in der relevanten Fragestellung aufzeigen. Am besten zeigen Sie das dadurch, dass Sie die Dinge, die Sie versprechen, auch einhalten. Dass Sie Referenzen angeben, die der andere überprüfen kann. Dass Sie Ausbildungen oder Praxis in dem Feld vorweisen können, in dem Sie Experte sein wollen etc. Die meisten von uns suchen nach Beweisen für Vertrauenswürdigkeit - Kompetenz, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit - in der betreffenden Angelegenheit.

Wir vertrauen Ärzten, die sich die Mühe machen, Fragen stellen und unsere Fragen im Gegenzug mit Sorgfalt beantworten, und zeigen, dass sie verstehen, was das Problem ist. Wir vertrauen Journalisten, die sich die Mühe machen, Beweise und Quellen für ihre Behauptungen anzugeben und die auch einmal Korrekturen veröffentlichen, wenn etwas falsch verstanden und publiziert haben. Wir vertrauen Unternehmen, die genaue Aussagen über ihre Produkte zu machen und die einen Kundenservice anbieten, wenn die Qualität mal nicht unseren Erwartungen entspricht. Wir vertrauen Lehrern, die uns erklären, was sie tun, die auf das Feedback der Eltern und Schüler auch tatsächlich eingehen und diese behandeln und die Rückmeldungen geben. Wir vertrauen Politikern, die unkompliziert sprechen und nicht leichtsinnig Dinge versprechen, die sie nicht einhalten können.

Vertrauen wird schwieriger, wenn die dahinterliegenden Aufgaben komplexer werden. Die meisten von uns können nicht die Arbeit von einem Mechaniker beurteilen. Oder die Technologie eines supermodernen Staubsaugers, der Unsummen kostet. Die wenigsten können alle wissenschaftlichen Ansprüchen kennen oder die neuesten medizinischen Verfahren. In diesen komplexeren Fällen können wir zunächst unser Vertrauen verweigern und nach ersten Beweisen für die Vertrauenswürdigkeit des Unternehmens/Produktes suchen. Im besten Fall gibt es bereits Erfahrungsberichte, Gutachter, Experten, Regulatoren, die die Vertrauenswürdigkeit beurteilen können. Diese bieten uns dann eine verständliche Zusammenfassung an.

Diejenigen, die das Vertrauen anderer gewinnen wollen, müssen im wesentlichen zwei Dinge tun: Erstens müssen sie anstreben als vertrauenswürdig, kompetent, ehrlich und zuverlässig gesehen zu werden. Zweitens müssen sie nachweisen, dass sie unser Vertrauen auch verdienen, indem sie, wenn sie komplexere Tätigkeiten anbieten, die sie für Nicht-Experten verständlich machen.

Überlegen Sie sich kurz: Wem vertrauen Sie und warum? Wer ist Ihrer Meinung nach vertrauenswürdig und wer hat Ihr Vertrauen bereits missbraucht. Aber vor allem: Wie vertrauenswürdig sind Sie und Ihre Dienstleistung anderen Gegenübern? Machen Sie hier den Test. Dieser beruht auf der Vertrauensformel, die ich in dieser Podcastfolge gemeinsam mit meinem Mann bespreche.