Von Ingrid Gerstbach

"Wenn ich es nicht visualisieren kann, kann ich es nicht verstehen."  (Albert Einstein)

Zusammenhänge sichtbar machen, Statistiken Leben einhauchen, gemeinsame Sprache finden: All das schaffen Visualisierungen. Warum sie in Design Thinking wichtig sind und welche Schritte zu beachten sind, erfahren Sie hier.

Was bedeutet Visualisieren?

Visualisierung bezieht sich auf Aktivitäten, die Informationen über Texte und Zahlen in Bildern und Geschichten wiedergibt. Ideen werden so Leben eingehaucht, macht sie fassbar und gibt dort Farbe und Vorstellung, wo sonst leere Worte oder nichtssagende Zahlen stehen würden.

In ihrer einfachsten Form erschafft Visualisierung einen Abstand weg von den nackten Zahlen und Fakten, indem Bilder in unserem Kopf erstellt werden . Auf einer tieferen Ebene beginnen wir mit unserem geistigem Auge zu sehen: Unsere Vorstellungen und Erkenntnisse über unsere Kunden und deren Erfahrungen werden in einer Weise dargestellt,  sodass diese plötzlich viel menschlicher und überzeugender scheinen.

Bei Visualisierung geht es aber nicht bloß um Zeichnen oder Fotografieren: Es ist mehr ein Zauber, in dessen Mittelpunkt Geschichten und Vorstellungen liegen.

Betrachten Sie mal das bekannte Sprichwort "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“: Bilder helfen uns, die Dinge viel schneller und effektiver als Worte allein es könnten, zu fassen. Sie können komplexe Systeme einfach darstellen und deren  Bedeutung in einem einzigen Augenblick begreifbar machen. Bilder ermöglichen Menschen Emotionen, Geschichten, Gedanken zu teilen und gemeinsam Ideen zu entwickeln.

Visualisierung bringt einen neuen Teil unseres Denkens ins Spiel: Es ist eine Art des Wissens und der Wissensvermittlung. Neueste Studien aus der Hirnforschung zeigen, warum das so ist: Durch unsere Spiegelneuronen, die einzig Menschen und Orang-Utans besitzen, werden Aktivitäten, die wir ausschließlich beobachten, in physikalische Formen umgewandelt, ohne dass ein Ausführungsbefehl an unsere Muskeln zuvor gesendet wurde. Deshalb empfinden wir beim bloßen Zusehen von Kollisionen bereits Schmerzen: Dank der fleißigen, neurologischen Verbindungen. Folglich lernt der Mensch dann, wenn er etwas sieht.

Dabei müssen Visualisierungansätze überhaupt nicht kompliziert oder anspruchsvoll sein. Im Gegenteil: Einfachste Zeichnungen geben bereits eine hervorragende Möglichkeit, Dinge fassbar und begreifbar zu machen.

Vorteile der Visualisierung

Nicht nur in Ihrer täglichen Arbeit auch bei Projekten (vor allem in interdisziplinären Teams) senken Sie mit Visualisierungen deutlich das Risiko eines Scheiterns: Worte können viel schneller interpretiert werden als einfache Bilder. Nachdem Sie oft bedacht Ihre Idee in Sprache gekleidet haben, hat jede der angesprochenen Personen vollkommen eigenständige Vorstellungen davon, die wir in der Regel durch unsere Erfahrungen und Ausbildungen uns angeeignet haben.

Ein Wort bedeutet zig unterschiedliche Vorstellungen dazu

Wenn Sie sagen: "Wir brauchen eine Veränderung", wird der IT-Spezialist Server und Codes sehen, der Marketing-Guru hat bereits eine neue Werbekampagne vor Augen, der Produktionsleiter  bastelt gedanklich schon an einem neuen Produkt. Und wir alle denken: "Ich bin mir sicher, jeder von ihnen versteht das, was ich auch darunter verstehe. Die Details können wir nachher noch in Ruhe besprechen." So logisch und natürlich das klingen mag, die meisten von uns haben bereits auf mehr oder minder schmerzvolle Art erkennen müssen, dass dem nicht so ist. Jeder hat seine eigene Vorstellungen und Erfahrungen, jeder hat seine eigene Interpretation von Worten. Meistens kommt es später zu dem berüchtigten Ausspruch „Das war nicht das, was ich gemeint habe!“ Wenn Sie stattdessen Ihre Idee in einem Bild präsentieren, reduzieren Sie eine Vielzahl an möglichen mentalen Modellen. Natürlich gibt es dafür keine Garantie, aber meistens sind sich dann alle einig, wovon die Rede ist.

In Action

Visualisierung ist die "Mutter aller Design-Tools": Der gemeinsame Nenner aller Phasen im Design Thinking. Es ist auch Kernelement von vielen der anderen Tools wie zum Beispiel beim Journey-Mapping, Prototyping, Co-Creation und Storytelling.

Die Initialkosten für diese Technik sind sehr bescheiden bzw. müssen Sie in den seltensten Fällen noch viel extra einkaufen: Sie brauchen ein Whiteboard und Marker, Flipcharts und Post-it-Notizen sind auch äußerst nützlich. Auch der gute alte Stift und das Papier leisten wertvolle Dienste bei der Visualisierung. Anspruchsvollere Hilfsmittel wie Powerpoint-Software, Digitalkameras, Camcorder können auch praktisch sein, sind aber definitiv keine Must-haves. Designer verwenden komplexere Software-Tools wie den Illustrator oder Photoshop, aber die Beherrschung dessen ist in den meisten Fällen wirklich nicht so wichtig (wobei ein guter Grafiker ist in jedem Team Gold wert!).

Das Wie

  1. Keep it simple: Machen Sie Ihre visuelle Darstellungen so einfach wie möglich, setzen Sie Farben zum Beispiel intuitiv und nicht abstrakt ein. Vermeiden das Durcheinander von mehreren Schriftarten oder ausgefalleneren Effekten. Denken Sie daran: Es geht nicht darum zu zeigen, was Sie alles mit einem Programm oder auf Papier anstellen können, es geht um Ihre Phantasie. Weniger ist oft mehr.
     
  2. Die Ws: Starten Sie, indem Sie Ihr Problem in verschiedene Teile zerlegen. Sie brauchen im Grunde nur überprüfen, ob diese Kernkomponenten dabei sind: wer, was, wie viel, wo, wann, wie und warum?
     
  3. Training macht den Meister: Lernen Sie in Metaphern und Analogien zu denken. Finden Sie für jedes Schlüsselwort ein geeignetes Bild? Machen Sie in Meetings oder bei Telefonaten keine Notizen mehr, sondern zeichnen Sie sich Sketchnotes. Das macht Spaß und fokussiert die Aufmerksamkeit.
     
  4. Verwenden Sie Fotos: Fotos können enorm hilfreich sein - sowohl für die Datenerfassung als auch in der Kommunikation mit anderen. Versuchen Sie den Unterschied selbst: Stellen Sie sich vor, Sie lesen in einer Powerpoint-Präsentation von einem Finanzdienstleister die Aussage "Unsere Kunden haben im Durchschnitt mehr als fünf verschiedene Konten.". Okay? Gut. Und jetzt ein Bild einer Brieftasche, gefüllt mit diversen Bankomat- und Kreditkarten, und im Anschluss ein anderes Bild, in dem ein Schreibtisch übersät ist mit Positionspapieren einer Bank: Welche Wirkung erzielt der Text im Vergleich zu den Fotos? Wie können Bilder und Worte maximal zusammenarbeiten?
     
  5. Arbeiten Sie mit Personas: Personas sind fiktive Charaktere, die Sie bestimmte Kundenattribute veranschaulichen. Sie helfen Ihnen, Ihre Kunden zu visualisieren. Personas machen abstrakte Konzepte vom "Kunden“ sehr persönlich und menschlich, sie verbessern Ihre Fähigkeit den Kunden empathisch zu verstehen. Durch Fotos und Beschreibungen wecken sie graue Gedanken zu Leben.

Sehr wahrscheinlich können Sie nicht ändern, WAS die Kernaussage sein soll, aber die Art und Weise, WIE Sie diese kommunizieren und WAS dabei verstanden wird, sehr wohl.