Von Ingrid Gerstbach

In einer meiner letzten Beratung ging es darum, dass das Unternehmen in ein neues Büro umgezogen ist - ohne die Mitarbeiter über diese Entscheidung zu informieren. Das Management hat die Entscheidung in dem Glauben getroffen, dass es das beste für alle sei und dass das neue Büro besser auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten wäre. Prompt haben sie die Chance ergriffen und den Mietvertrag unterzeichnet. Das Team war dementsprechend sauer, weil es sich nicht ausreichend wertgeschätzt gefühlt haben.

Das Büro existiert bereits seit ein paar Jahrzehnten am momentanen Standort, die meisten Mitarbeiter kommen aus der direkten Umgebung und schätzten unter anderem den kurzen Weg in die Arbeit. Der neue Standort ist nun viel weiter weg und es gibt keine guten öffentlichen Anbindungen mit den Verkehrsmitteln. Viele Mitarbeiter sind frustriert, fühlen sich hintergangen und einige überlegen sogar zu kündigen. Das bewirkt wiederum, dass die Produktivität und Arbeitsmoral unter den Mitarbeitern stark sinkt.

Dieses Beispiel zeigt, wie weitreichend Entscheidungen sein können. Die falsche Entscheidung kann gravierende Folgen für ein Unternehmen haben. In diesem Artikel möchte ich auf die 10 häufigsten Fehlern bei Entscheidungen eingehen und Ideen anbieten, mit der Sie Ihre Entscheidungsfähigkeit stärken können.

Fehler 1: Aufschieberitis

Wenn Sie Ihre Entscheidung aufschieben, verweilt sie trotzdem im Hinterkopf, auch wenn Sie in der Zwischenzeit andere Aufgaben erledigen oder sich versuchen abzulenken. Das Aufschieben einer Entscheidung kann Ihre Situation im Gegenteil sogar verschlimmern. Ein Sprichwort sagt dazu „Auch wenn du den Kopf in den Sand steckst, ist dein Hintern noch zu sehen.“

Eine Strategie ist, sich ein kleines Zeitfenster zu suchen, indem Sie sich nur dieser Entscheidung widmen. Aufschieber wissen oft nicht, wo sie anfangen sollen und finden Entscheidungen überwältigend. Wenn Sie die Entscheidung aber in überschaubare Zeitblöcke gliedern, reduzieren Sie den eigenen Druck. Das ist eine einfache Methode, die Ihnen hilft, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und produktiver zu sein.

Fehler 2: Das "größte-Entscheidung-deines-Lebens" Denken

Jeder hatte schon mal solche Situationen, bei dem er das Gefühl hatte, dass die Last der Welt auf den eignen Schultern ruht, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu treffen. Egal, ob Sie einen neuen Job annehmen oder eine teure Anschaffung tätigen wollten. Während es zu diesem Zeitpunkt wirkte, als wäre es die größte Entscheidung Ihres Lebens, können Sie meistens zu einem späteren Zeitpunkt nur noch darüber lächeln. Wenn Sie die Art und Weise, wie Sie Entscheidungen betrachten, ändern, gewinnen Sie dadurch neue Perspektiven.

Ein Ansatz ist daran zu denken, was am allerschlimmsten passieren würde, wenn Sie die „falsche“ Wahl treffen würden. In einigen Fällen sind Menschen oder große Summen beteiligt - eine falsche Entscheidung kann dann wirklich verheerende Auswirkungen haben. Bei solchen Szenarien lohnt es sich, ganz genau hinzusehen und mögliche Risiken und Folgen sehr sorgfältig zu erkunden. Aber in den meisten Situationen ist der schlimmste Fall eigentlich nicht wirklich so schlimm wie Sie denken. Und selbst wenn Sie in einem solchen Fall eine schlechte Entscheidung treffen, werden Sie zumindest einige wertvolle Lektionen mitnehmen können.

Fehler 3: Fehlendes systematisches Vorgehen

Wenn Sie eine wichtige Entscheidung treffen wollen, wie z.B. ob Sie ein neues Produkt auf den Markt bringen möchten oder ein bestehendes vielleicht abziehen wollen - wie sieht Ihre Vorgehensweise aus? Vertrauen Sie da auf Ihr Bauchgefühl oder wiegen Sie sorgfältig jede Option ab?

Eine Entscheidung kann aufregend und anstrengend sein, deswegen hilft es, wenn Sie auch mit den Emotionen, die dabei eine Rolle spielen, so objektiv wie möglich umgehen. Das schaffen Sie, indem Sie einen strukturierten Ansatz anwenden. Ein logischer und geordneter Prozess kann Ihnen helfen, alle kritischen Elemente, die Sie für ein erfolgreiches Ergebnis benötigen, richtig anzugehen und die Wahrscheinlichkeit eines Misserfolgs zu reduzieren.

Fehler 4: Die verschiedenen Perspektiven nicht miteinbeziehen

Viele von uns sind schuldig im Sinne der Anklage, dass sie zu schnell Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen - vor allem dann, wenn eine Frist droht oder wir unter Druck stehen. Aber anstatt eine schnelle Entscheidung zu fällen, treten Sie lieber einen Schritt zurück, atmen Sie tief durch und betrachten Sie vorsichtshalber noch andere Perspektiven.

Bevor Sie versuchen, ein wichtiges Problem zu lösen, verwenden Sie z.B. die CATWOE Technik. Durch die Berücksichtigung der Situation von sechs sehr unterschiedlichen Perspektiven (Kunden, Akteure, Transformation, Weltanschauung, Eigentümer und Umgebung) bekommen Sie vielmehr Informationen, die Ihre Entscheidungsfindung unterstützen.

Fehler 5: Alleine statt gemeinsam

Bei einer wichtigen Entscheidung, die auch andere Menschen betrifft, müssen Sie diese auch miteinbeziehen! Das mag banal klingen, vergessen aber die meisten. Helfen Sie den Beteiligten dabei, einen guten Einblick und Informationen über die Situation zu bekommen - das wird Ihnen wiederum dabei helfen, eine bessere Entscheidungen zu treffen. Außerdem lohnt es sich für Sie, wenn Sie andere miteinbeziehen, weil Sie dadurch das gegenseitige Vertrauen stärken. Stellen Sie sicher, dass Sie die richtigen Personen ansprechen und ermutigen Sie diese, auch mal kreativ zu denken.

Fehler 6: Gruppendenken

Zwar ist es wichtig, andere Menschen in Ihrer Entscheidungen zu beteiligen, vor allem, wenn das, was Sie sich entscheiden, sich auch auf diese auswirkt, aber Sie seien Sie sich dabei immer der Gefahr des Gruppendenkens bewusst! Das ist dann der Fall, wenn Menschen keine Alternativen präsentieren wollen, sich nicht trauen, sich kritisch zu einer Position zu äußern oder eine vielleicht unpopuläre Meinung verschweigen, weil sie Angst davor haben, dass sie negativ auffallen können oder von der Gruppe nicht akzeptiert werden.

Gruppendenken verdrängt gute Entscheidungsfindung und Problemlösung, weil Sie dadurch nicht alle Möglichkeiten gründlich prüfen könnten. Um dies zu vermeiden, hilft es, wenn Sie einen guten Moderator miteinbeziehen, der von Beginn an sorgt, dass Gruppendenken erst gar nicht auftritt.

Gruppendenken ist aber nur eine von vielen verschiedenen psychologischen Fallen, die uns bei der Entscheidungsfindungen einen Haken schlagen können. Es gibt noch viele andere wie z.B. willkürliche Schlussfolgerungen (= ohne relevante Fakten Annahmen machen), den Tunnelblick (= Fakten ignorieren oder nur negative Aspekte einer Situation einbeziehen); das Personalisieren (= Ereignisse werden ohne erkennbaren Grund auf sich selbst bezogen) bzw. Externalisieren etc.

Fehler 7: Übermut

Viele von uns glauben, wir würden meistens objektiv und fair agieren und immer alle uns zur Verfügung stehenden Informationen miteinbeziehen. Vor allem, wenn es darum geht, eine gute Entscheidung zu treffen. Allerdings ist es einfach, schlechte Entscheidungen zu treffen, wenn Sie Ihr eigenes Wissen zu hoch einschätzen. Noch gefährlich wird es, wenn Sie und andere glauben, Sie wären ein absoluter „Experte“ in dem speziellen Gebiet und müssten die Antwort aus dem Effeff kennen.

Wenn Sie sich zu sehr auf Ihre eigene Meinung verlassen, könnten Sie Gefahr laufen, nur mehr nach Informationen zu suchen, die Ihre vorhandene Überzeugung unterstützt, und Fakten, die dagegen sprechen, abzulehnen. Achten Sie deswegen darauf, dass Ihre Vermutungen auf Informationen basieren, die Sie zunächst sorgfältig geprüft haben.

Fehler 8: Mögliche Folgen ignorieren

Wir können uns manches Mal das Leben selber schwer machen, indem wir uns zu sehr über langfristige Folgen und was-wäre-wenn Szenarien den Kopf zerbrechen. Andererseits vergessen manche generell zu prüfen, wie ihre Entscheidungen die Zukunft beeinflussen könnte und konzentrieren sich zu sehr nur auf das „Hier und Jetzt“.

Eine Möglichkeit, die verschiedenen Ergebnisse abzuwiegen, ist der Entscheidungsbaum. Dabei ergründen Sie die möglichen Auswirkungen einer Entscheidung und wiegen Sie gegen die Risiken und Chancen von Alternativen ab.
Sie können auch eine Szenarioanalyse durchführen, die Ihnen hilft, Entscheidungen im Rahmen der verschiedenen möglichen Zukünfte zu machen und diejenigen zu identifizieren, die entweder die am wahrscheinlichsten zustande kommen oder die, die den größten Einfluss auf Ihre Entscheidung hat. Indem Sie Ihre Planungen und Entscheidungen auf der Grundlage der wahrscheinlichsten Szenarien treffen, können Sie sicher sein, dass sie auf der sicheren Seite sind, auch wenn sich die Umstände ändern.

Fehler 9: Schlechte Kommunikation

Es mag selbstverständlich klingen, aber, wenn Sie eine Entscheidung, die andere betrifft, vorgenommen haben, müssen Sie den Betroffenen reinen Wein einschenken. Einer der schlimmsten Fehler ist, Entscheidungen nicht fristgerechten und angemessen zu kommunizieren. Das führt nur zu Gerüchten und schlechter Stimmung im Team.

Achten Sie auf die Menschen, auf die Ihre Entscheidung Auswirkungen hat. Welche Informationen brauchen sie und wie können Sie diese kommunizieren? Überlegen Sie auch, wie Sie Menschen, die nicht direkt von der Entscheidung betroffen sind, die aber dennoch ein Interesse an dessen Ausgang haben könnten, miteinbeziehen. Oft reicht eine kurze Zusammenfassung Ihrer Entscheidung in einer Mail sein.

Fehler 10: Angst vor Richtungswechsel

Niemand mag es, zuzugeben, dass er oder sie die falsche Entscheidungen getroffen hat, vor allem, wenn man dafür gekämpft hat oder wenn es politische, emotionalen, moralischen oder finanziellen Auswirkungen hat.

Menschen entscheiden oft zu emotional, weil sie einen optimistischen Blick in die Zukunft haben, in der Hoffnung, dass ihre ursprüngliche Entscheidung schließlich doch noch die gewünschte Auswirkung haben wird. Vor allem, wenn Sie bereits viel harte und emotionale Arbeit in ein Projekt gesteckt haben, fällt es schwer, zuzugeben, dass etwas schief gegangen ist.

Bei der Abwägung, ob man von einer Entscheidung ablässt, ist es wichtig, dass man bereits investierte Zeit und Geld, als „sunken costs“ enttarnt, die Sie nie wieder bekommen können, aber die Ihnen zumindest dabei geholfen haben, etwas dazuzulernen. Versuchen Sie objektiv zu bleiben und den Tatsachen in die Augen zu schauen.

Fazit

Es gibt eine Reihe von Fallen, in die Menschen hineintappen, wenn es um Entscheidungen geht. Wenn Sie eine komplizierte Entscheidung treffen müssen, behalten Sie einen klaren Kopf und beteiligen Sie die wichtigsten Stakeholder, um verschiedene Perspektiven rechtzeitig miteinbeziehen zu können.

Seien Sie sich Fallen wie Gruppendenken bewusst und betrachten Sie auch die langfristigen Konsequenzen Ihrer Handlungen. Stellen Sie sicher, dass Sie Ihre Entscheidungen an alle kommunizieren, die davon betroffen sind. Und haben Sie keine Angst, zuzugeben, wenn Ihre Entscheidung sich doch noch als falsch erweist: Wir sind alle Menschen, die Fehler machen können und dürfen!