Von Ingrid Gerstbach

“Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig. Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen.” Albert Einstein

Eine der wichtigsten Regeln im ganzen Design Thinking Prozess heißt „Fail early and often to succeed sooner.“ Wie schwer das ist, erlebe ich in jedem Design Thinking Projekt. Denn der Teufel liegt ja bekanntlich im Detail und wie viel besser könnten die Ergebnisse nicht sein, wenn an alles gedacht werden würde? Und wie groß die Anerkennung und das Lob...

Die hohen Ansprüche an sich selbst, die wir unserem größten Feind oft nicht zumuten würden, führen zu großem Druck, Stress und Angst. Das wiederum führt genau zum Gegenteil dessen, was wir eigentlich angestrebt haben: Das Ergebnis besteht aus noch mehr Fehlern und einer großen Portion Enttäuschung.

Diesem Teufelskreis zu entgehen, ist ein langer, teilweise harter Weg voller Verwirrungen: Wann ist es notwendig, perfektionistisch zu denken und wann ist ein gutes Ergebnis mehr als in Ordnung?

Protoyping - Imperfektion im Design Thinking

Design Thinking fordert zunächst Imperfektion durch die Entwicklung eines Prototyps ein: Der Prototyp ist im Grunde genommen eine Idee, die aus Ihrem Kopf heraus in die reale, physische Welt geschickt und getestet wird. Das kann alles mögliche sein, was eine physische Form annimmt - auch wenn es „nur“ eine Wand voller Post-it Notes ist, ein Rollenspiel, ein Raum, ein Objekt, ein User-Interface oder ein Storyboard. Die Umsetzung des Prototyps sollte aber immer im Einklang mit den Fortschritten in Ihrem Projekt stehen: In frühen Erkundungen sollte Ihr Prototyp deswegen sehr einfach und schnell sein, damit Sie sich auch selbst erlauben schneller zu lernen und eine Menge von verschiedenen Möglichkeiten zu untersuchen. Kurz gesagt: Der Prototyp muss imperfekt sein.

7 Tipps für leichtere Imperfektion im Alltag

Zunächst ist es wesentlich zu erkennen, dass die eigenen Erwartungen oft unrealistisch und meistens auch noch unzumutbar sind. Wer nicht perfekt ist und dazu stehen kann, ist kein Loser, sondern zeigt wahre Größe. Fünf auch mal gerade sein zu lassen, ist schwierig, aber wenn Sie einmal entdeckt haben, wie die Welt wirklich darauf reagiert und wie weit weg davon die Horrorszenarien in Ihrem Kopf sind, erscheint die Welt in weit mehr Farben als nur schwarz-weiß.

  1. Behalten Sie das große Ganze im Blick: Viele Perfektionisten verzetteln sich unnötig in winzigen Details. Dadurch dauert alles viel länger und im schlimmsten Fall wächst das ganze noch über dem Kopf.
  2. Vergleichen Sie sich nicht mit anderen: Jeder Mensch ist einzigartig. Es gibt nur einen, der so ist wie Sie - alle anderen sind schon vergeben. Ihre Aufgabe liegt darin, Ihr eigenes Talent zu finden und damit die Welt zu verbessern.
  3. Seien Sie liebevoller zu sich selbst: Und hören Sie auf, sich zu zerfleischen. Werden Sie sich vielmehr Ihren eigenen Stärken bewusst und unterstreichen Sie diese. Wenn Sie sich dauernd selber runter putzen, werden Sie mit jedem Mal unsicherer - bis Sie sich irgendwann selbst gar nichts mehr zutrauen.
  4. Fragen Sie gezielt nach Feedback: Ein Glaubenssatz hinter Perfektionismus lautet, dass Vollkommenheit vor Kritik schützt. Aber es allen recht machen zu wollen und nichts zu vergessen, gelingt erstens meistens nicht und wirkt dazu noch zweitens unauthentisch und wird deswegen drittens schnell unbeliebt. Das führt zu harten Urteilen, die manchmal nicht mehr gerechtfertigt sind. Aber durch die eigene Perfektion führen Sie anderen deren eigene Unfähigkeit vor Augen. Und das mag niemand.
  5. Denken Sie realistisch: Kein Mensch erwartet Wunder von anderen. Oft reicht es, wenn wir die Dinge zu 70 oder 80% gut machen. Für andere ist das oft schon perfekt bzw. das Ziel erreicht. Außerdem: Wenn Sie dauernd immer alles perfekt machen wollen, verlieren Sie schnell mal das Ziel aus den Augen und es wird nie etwas passieren. Einfach, weil die Zeit für anderes fehlt.
  6. Bitten Sie um Hilfe: Design Thinking ist interdisziplinär, denn erst in der Perspektivenvielfalt liegt die Chance auf die wirklich passende Lösung. Außerdem ist es unmöglich, in allem perfekt zu sein. Stehen Sie lieber zu Ihren eigenen Schwächen und konzentrieren Sie sich auf diese - dann zählen Sie schnell zu den Experten und andere holen ebenfalls bei speziellen Fragen Ihren Rat ein.
  7. Starten Sie simpel: Beim Prototyping geht es darum, gleich mit dem ersten Modell raus in die Welt zu gehen und loszustarten. Perfektioniert wird mithilfe des Feedbacks. Das motiviert andere, macht Spaß, gibt Energie und neue Ideen. Noch ehe Sie es sich versehen, haben Sie gemeinsam die Lösung gefunden, die die (eigene) Welt ändert.

Auch die größten Genies sind fehlbar und machen Fehler. Aber: Sie lernen daraus. "Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.", sagte einst Einstein.

Die 23 größten Fehlschläge Einsteins

Wussten Sie, dass Albert Einstein ein Vorreiter von Design Thinking war? Ja, ernsthaft! Schauen Sie sich doch mal nur seine Chronik der Misserfolge an! Hat er sich davon abbringen lassen? Aber nein! Vielmehr ist er immer wieder zurück zum Verstehen gegangen und hat das Feedback weitereingebaut. Wenn das kein Vorbild ist...

1905 Mistake in clock synchronization procedure on which Einstein based special relativity
1905 Failure to consider Michelson-Morley experiment
1905 Mistake in transverse mass of high-speed particles
1905 Multiple mistakes in the mathematics and physics used in calculation of viscosity of liquids, from which Einstein deduced size of molecules
1905 Mistakes in the relationship between thermal radiation and quanta of light
1905 Mistake in the first proof of E = mc2
1906 Mistakes in the second, third, and fourth proofs of E = mc2
1907 Mistake in the synchronization procedure for accelerated clocks
1907 Mistakes in the Principle of Equivalence of gravitation and acceleration
1911 Mistake in the first calculation of the bending of light
1913 Mistake in the first attempt at a theory of general relativity
1914 Mistake in the fifth proof of E = mc2
1915 Mistake in the Einstein-de Haas experiment
1915 Mistakes in several attempts at theories of general relativity
1916 Mistake in the interpretation of Mach’s principle
1917 Mistake in the introduction of the cosmological constant (the “biggest blunder”)
1919 Mistakes in two attempts to modify general relativity
1925 Mistakes and more mistakes in the attempts to formulate a unified theory
1927 Mistakes in discussions with Bohr on quantum uncertainties
1933 Mistakes in interpretation of quantum mechanics (Does God play dice?)
1934 Mistake in the sixth proof of E = mc2
1939 Mistake in the interpretation of the Schwarzschild singularity and gravitational collapse (the “black hole”)
1946 Mistake in the seventh proof of E = mc2
— http://discovermagazine.com/2008/sep/01-einsteins-23-biggest-mistakes