Von Ingrid Gerstbach

Ich bin wirklich davon überzeugt, dass meine Arbeit auch meine Berufung ist. Wenn ich zum Beispiel an meinen Kindheitsberufswunsch zurückdenke, wollte ich immer Detektiv werden. Nicht, weil ich es als besonders spannend empfinde, Stunden im Auto zu verbringen und dabei auf verschlossene Türen zu starren, sondern weil ich immer schon verstehen wollte, wie Menschen ticken und warum sie sich verhalten, wie sie es eben tun.
Generell fällt es mir leichter, mich auf einzelne Personen als auf Massen zu fokussieren. Bei letzteren fühle ich mich schnell erschöpft. Das ist deswegen der Fall, weil ich ständig versuche, die Gefühle und Motivationen der Menschen um mich herum zu verstehen. Würde ich nur durch das Leben gehen, ohne zu beobachten, nur selber zu sprechen, ohne auf Gesagtes zu reagieren oder zu verarbeiten, wären Gruppen sicher weniger anstrengend. Aber ich kann nicht einfach damit aufhören oder diese Eigenschaft abstellen - und ich glaube auch nicht, dass es gut wäre, wenn ich damit aufhören würde.

In meinem Beruf als Design Thinking Berater verbringe ich sehr viel Zeit damit, Menschen zu verstehen. Ich arbeite täglich bewusst und konsequent daran, das zu verbessern, was allgemein „Einfühlungsvermögen“ oder Empathie genannt wird. Für mich bedeutet Empathie, dass es mir möglich ist, ein Verständnis für die Gefühle, Gedanken und Erfahrungen anderer Menschen aus deren Vergangenheit oder Gegenwart aufzubauen und stellvertretend zu erleben, ohne diese selber objektiv in vollem Umfang erklären zu können. Es ist eine Art Denkeinstellung, anderen gegenüber aufmerksam und empfindlich für deren Bedürfnisse zu sein.

So anstrengend das manches Mal mit Sicherheit ist, so dankbar bin ich für diese Fähigkeit. Ich glaube, dass sie der Hauptgrund für den Erfolg und das Glück ist, das ich bis jetzt in meinem Leben hatte.

Warum sich Empathie lohnt

Wenn Sie emphatisch sind, werden Sie mit ein wenig Übung und großer Wahrscheinlichkeit…

... die Menschen, die Ihnen in Ihrem Leben wichtig sind, eher so behandeln, wie diese es sich wünschen und brauchen.
... besser die Bedürfnisse der Menschen um Sie herum verstehen.
... sehen und wahrnehmen, welche Reaktionen Ihre eigenen Worte und Handlungen bei anderen bewirken.
... zwischen den Zeilen lesen und auch unausgesprochene Wörter hören.
... ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse Ihrer Kunden und Kollegen aufbauen.
... weniger Probleme mit zwischenmenschlichen Konflikten sowohl zu Hause als auch bei der Arbeit haben.
... in der Lage sein, Aktionen und Reaktionen der Menschen, mit denen Sie gerade interagieren, genauer vorherzusehen.
... lernen wie Sie Menschen motivieren können.
... andere einfacher von Ihrem eigenen Standpunkt überzeugen können.
... die Welt in ihrer Vielfalt und auf andere Weisen erleben und viele verschiedene Perspektiven, nicht nur ihre eigene, wahrnehmen.
... es einfacher finden, mit negativen Aussagen oder Gedanken von anderen umzugehen, weil Sie deren Motivationen und Ängste plötzlich verstehen können.
... ein besserer Freund sein.

Wie Sie Empathie aufbauen können

Hier sind ein paar Möglichkeiten, wie Sie Ihre Fähigkeit, Empathie zu entwickeln, verstärken können.

Hören Sie aufmerksam zu

Hören Sie aufmerksam zu, wenn Menschen mit Ihnen sprechen. Gerade bei Gesprächen, die emotional ein wenig aufgeheizt sind, folgt schnell ein Wort dem anderen und es fällt uns oft schwer, zuzuhören und nicht in der Zwischenzeit Argumente zu überlegen, die wir dann dem anderen nur noch vorwerfen müssen. Versuchen Sie das nächste Mal lieber bewusst zu entschleunigen. Zwingen Sie sich dazu, den Worten, die Sie hören, wirklich Aufmerksamkeit zu schenken. Denken Sie über die Motivation Ihres Gegenübers nach, über das, was er oder sie sagt und nicht sagt, aber durch Körpersprache vielleicht ausdrückt. Achten Sie auf Ihr Gefühl und sprechen Sie diese auch offen an.

Reagieren Sie in Gesprächen („aha“, „ja?“, „wirklich?“), aber lassen Sie sich mindestens eine Sekunde mit der Reaktion Zeit. Stellen Sie follow-up Fragen, um wirklich besser zu verstehen, was der Sprecher beabsichtigt oder wie er oder sie sich fühlt, bevor Sie Ihren Senf dazugeben. Versuchen Sie weniger Sprechzudenken, sondern bewusster Ihre Argumente vorzubereiten. Sprechen Sie gerade bei Diskussionen offen Ihre Gefühle an und fragen Sie den anderen nach dessen Wahrnehmungen.

Werden Sie zum neugierigem Beobachter

Sie haben richtig gelesen: Das ist eine Aufforderung zum Gaffen! Legen Sie Ihr Handy weg, hören Sie auf, Ihre Mails im Minutentakt zu checken und beobachten Sie lieber bei der Haltestelle oder im Zug die Menschen um Sie herum. Versuchen Sie sich vorzustellen, wer das sein mag, was er oder sie gerade denken könnte, wohin er oder sie gleich gehen wird. Wie fühlt sich diese Person? Wirkt sie frustriert oder glücklich? Single oder in Partnerschaft? Worüber könnte er oder sie gerade denken? Wie war der Tag dieser Person? Ist es eher ein Stadt- oder ein Landmensch? Üben Sie, neugierig zu sein und in Geschichten zu denken.

Versetzen Sie sich öfters in andere Perspektiven

Sehr wahrscheinlich hatten Sie vor nicht allzu langer Zeit selber die Situation, dass Sie mit jemanden diskutiert haben oder einfach anderer Meinung als der- oder diejenige waren. Nun stellen Sie sich die gesamte Situation aus der Sicht dieser Person vor: Dieser Mensch ist wahrscheinlich nicht böse oder ein Idiot, sondern hat selber Ängste oder Gründe so zu denken und zu reagieren. Fragen Sie sich, was diese Gründe sein könnten: Wie können Sie dieser Person mögliche Ängste nehmen? Oder den Umgang in dieser Situation vereinfachen? Welche guten Absichten hat diese Person? Was sind positiven Beweggründe, die Sie gerade nur schwer erkennen können?

Diese Übung hilft dabei, die eigenen Frustrationen und Ängste kennenzulernen und zu erfahren, dass solche Gefühle zwischenmenschlichen Situationen am stärksten belasten. Wenn Sie die andere Seite verstehen, erscheinen Argumente plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Fazit

Üben Sie bewusst Empathie zu Ihren Mitmenschen aufzubauen. Das ist durchaus eine Fähigkeit, die sich wirklich erlernen lässt. Ich hoffe und wünsche Ihnen, dass Empathie Ihr Leben und das Leben der Menschen in Ihrer Umgebung verbessert und bereichtert!