Von Ingrid Gerstbach

Im Jahr 1666 saß einer der brillantesten Köpfe unserer Geschichte im Schatten eines Apfelbaums, als ein Apfel zu Boden fiel. Jener unschuldiger Apfel sollte mit seinem Aufprall die ganze Welt verändern. Nicht nur das Konzept der Schwerkraft wurde durch jene Begegnung zwischen Sir Isaac Newton und dem Apfel geboren, sondern auch ein ikonisches Beispiel kreativer Momente. Das Bild steht symbolisch für das inspirierte Genie, das durch die richtigen kreativen Bedingungen einen Aha-Moment erlebt.

Was die meisten Leute vergessen (und was sich sicher nicht so schön in eine Geschichte verpacken lässt), ist, dass Newton danach mehr als zwanzig Jahren an der Idee über die Schwerkraft werkte, bevor er 1687 den Apfel in seinem bahnbrechenden Werk "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica" verarbeitete.  Der fallenden Apfel stand in Wahrheit nur am Anfang einer Gedankenreihe, die sich zwei Jahrzehnte lang fortsetzte.

Kreatives Denken ist ein Prozess, der nicht nur Newton, sondern uns alle betrifft. Dabei werden Verbindungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Gedanken geschaffen. Dass Kreativität eine erlernte Fähigkeit ist, wurde in mehreren Tests bereits erfolgreich bewiesen. Um sich keinen kreativen Bemühungen aussetzen zu müssen, ist es demnach eine sehr schwache Entschuldigung, zu sagen, man wäre einfach nicht so der kreative Typ. Natürlich, es gibt immer Menschen, denen Kreativität mehr liegt als anderen. Aber das ist eben eine Sache des Trainings und der Vorlieben und weniger eine Sache der Genetik.

Wie können Sie Ihr kreatives Potenzial entfesseln?

Hören Sie auf, sich selbst ständig vom Gegenteil überzeugen zu wollen

Starre Glaubensmuster führen dazu, dass wir unhinterfragt an den Gedanken festhalten, wir hätten Talente - oder eben nicht - egal wie viel wir üben. Viel besser ist dann doch der wachsende Glaube, dass wir durch die Praxis unser Wissen vergrößern und unsere Fähigkeiten verbessern können.
Meistens gibt es allerdings einen inneren Kritiker, der hartnäckig behauptet, dass wir nie gut genug sein werden. Dieser gewiefte Kritiker lässt uns glauben, dass er im Grunde unser Bestes will und uns nur vor unnötigen Peinlichkeiten schützen will.

Um ihn und seinen gut gemeinten Ratschlägen zu entkommen, müssen Sie beginnen, sich selber mehr zu loben - auch Ihre vielleicht anfangs noch wackligen Bemühungen. Loben Sie den Aufwand, die Strategien, die Hartnäckigkeit und Ausdauer. Holen Sie sich ehrliches Feedback von außen, lernen Sie von und mit anderen - bleiben Sie vor allem dran!

Peinlichkeiten und Kreativität

Den meisten Menschen ist es unangenehm, eine neue Fähigkeit zu erlernen und diese öffentlich und ungeschützt vor den Augen anderer in der Praxis erstmalig anzuwenden. Niemand gibt gerne zu, dass er etwas nicht kann und erst am Anfang aller Lernerfahrungen steht.

Aber: Die Liste der Fehler, von denen Sie sich nie wieder erholen werden, ist wirklich äußerst kurz. Überlegen Sie doch mal: Sie wissen, dass die Welt nicht untergehen wird, wenn Sie einen Termin vergessen haben oder wenn der Artikel vielleicht nicht ein reißender Hit wird. Die Welt dreht sich auch dann noch weiter, wenn Ihnen bei einer Präsentation der rote Faden verloren geht oder Sie Kaffee über den Chef schütten.
In Wahrheit bereitet uns allerdings nicht das, was nach dem Ereignis passieren wird, unbedingt Sorgen. Vielmehr ist es der Gedanke an die Möglichkeit, dass uns jemand blöd oder lächerlich finden könnte und sich vor anderen lustig über uns macht, das, was von Anfang an alles verhindert.

Wenn Sie bereit sind, sich auf ein Abenteuer einzulassen und Ihre Kreativität verbessern wollen, müssen Sie sich diesen Ängsten und Gefühlen stellen, die uns zwar schützen, aber dadurch so oft davon abhalten, wirklich erfolgreich zu sein.

Wie Sie zu mehr Kreativität finden

Unter der Annahme, dass Sie bereit sind, sich Ihren Ängsten wirklich zu stellen, finden Sie hier ein paar praktische Strategien, die Sie bei Ihrem Unterfangen, kreativer zu werden, unterstützen können.

Schränken Sie sich ein. Sinnvolle Beschränkungen sind einer der besten Wege für mehr Kreativität. Beschränken Sie sich z.B. darauf, einen Artikel mit nur 50 Wörtern zu schreiben oder verwenden Sie ein A4 Blatt für Ihre Skizzen statt dem Riesen-Whiteboard. Je mehr wir uns selbst begrenzen, um so findiger werden wir in der Lösungsfindung.

Denken Sie gleich mehrere Lösungen. Wenn Sie genau eine Lösung für Ihr Problem suchen, kommen Sie im besten Fall nach vielem Denken auf eine halbwegs passable Idee. Je mehr Lösungen Sie aber entwickeln, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eine dabei ist, die wirklich passt, oder, dass dadurch Ihre Kreativität neuen Brennstoff bekommt.

Erweitern Sie Ihr Wissen. Einer meiner erfolgreichsten kreativen Strategien ist es, in scheinbar langweiligen Themen nach Interessantem zu suchen. Nehmen Sie sich dazu bewusst Zeit und schlagen Sie z.B. den Wirtschaftsteil mit den Börsenachrichten auf. Vertiefen Sie sich in einen Absatz und beginnen Sie mit Ihrer Recherche. Welches Unternehmen ist genau betroffen? Wie sieht deren Entwicklungsgeschichte aus? Wer sind die Menschen dahinter? Welche Motivationen treiben sie an? Etc.

Schlafen Sie mehr. Schlaf ist kumulativ. Wenn Sie also sechs Stunden zwei Wochen täglich schlafen, sinkt Ihre geistige und körperliche Leistungsfähigkeit genauso schnell, wie wenn Sie für 48 Stunden am Stück wach wären. Wie alle kognitiven Funktionen, ist kreatives Denken wesentlich durch Schlafentzug beeinträchtigt.

Genießen Sie die Sonne und Natur. Eine Studie untersuchte 56 Wanderer vor und nach einer viertägigen Wander-Tour. Das Ergebnis: Die Forscher fanden heraus, dass sich die kreative Leistung um 50% nach der Wanderung erhöht hat. Die Natur bietet eine Menge Inspiration und das Gehen stimuliert gleichzeitig unser Denken. Versuchen Sie es einfach mal und lassen Sie sich von der Schönheit der Natur verzaubern!

Denken Sie positiv. Zugegeben, das klingt zunächst nach esoterischer Binsenweisheit. Aber die Forschung hat ergeben, dass wir dazu neigen, weiter und breiter zu denken, wenn wir glücklich sind. Das wiederum ermöglicht uns kreative Verbindungen zwischen Ideen zu finden. Umgekehrt begrenzt Traurigkeit und Depression unser Denken maßgeblich.

Machen Sie sich einen Plan. Die Wahrheit ist, dass Kreativität nichts anderes als harte Arbeit ist. Denken Sie an den Apfel, der zwar vom Baum gefallen ist, aber sein Fall alleine nur Anstoß war. Versuchen Sie ein Tempo für sich zu finden, das Sie dauerhaft durchziehen können und bleiben Sie dran!

Fazit

Kreativität ist ein Prozess, kein einmalig Ereignis. Sie müssen mentale Barrieren und internen Blockaden durchbrechen, um erfolgreich kreativ zu sein. Um Ihr Handwerk zu verbessern, müssen Sie üben, üben und nochmals üben. Und bleiben Sie dran, damit eines Tages vielleicht wie einst Newtons auch Ihr kreatives Genie blühen darf.