Von Ingrid Gerstbach

Ein ganz wichtige Phase im Design Thinking Prozess ist das Prototyping: Auf - teilweise noch gar nicht - gestellte Fragen bekommen Sie Antworten, die Ihnen dem Weg zur tatsächlichen Bedarfsbefriedigung ebnen. Das Motto beim Prototyping lautet "Fail often - to succeed sooner". Frei übersetzt ist damit gemeint, dass gerade zu Beginn dieser Phase das Augenmerk nicht auf Perfektion, sondern auf Funktion gelegt werden sollte: Schließlich geht es darum zu testen, ob die Idee dahinter überhaupt sinnvoll ist oder ob das Problemfeld vielleicht doch nochmals untersucht werden sollte.

Gerade am Anfang ist die Versuchung groß, den ersten Entwurf des Prototyps Freunden und Verwandten zu zeigen. In unserer Beratung geht es in 99% der Fälle um die Optimierung von Prozessen bzw. das Aufsetzen neuer Abläufe. Dabei kommt es nicht selten vor, dass Bekannte oder wir selber Teil der Zielgruppe/Nutzer sind. Warum wir bei der Auswahl unserer Testpersonen trotzdem immer auf Freunde und Verwandte verzichten, erfahren Sie in diesem Blog.

Auf der Suche nach Antworten

Wenn Sie in der Prototyping Phase angelangt sind, haben Sie bereits eine Menge über Ihre Zielgruppe, deren Verhalten, Ihre Bedürfnisse und Denken erfahren. Nun ist es endlich an der Zeit, die ersten Lösungsansätze zu visualisieren und dem Nutzer zu präsentieren.

Zielgruppe gut selektieren

Zunächst ist es wichtig, dass Sie sich selbst bewusst werden, was Sie mit Ihrem Prototyp eigentlich erreichen wollen. Welche Fragen versuchen Sie zu beantworten? Was wollen Sie testen? Was wissen? Je genauer Sie in diesem Schritt Ihre Fragen und damit die Zielgruppe definieren, desto besser und hilfreicher werden die Antworten sein.

Vorteile versus Nachteile unbekannte Testpersonen

Generell gilt: Bei Fragen über die Bedürfnisse der Kunden, Workflow, Motivationen, Gewohnheiten etc. fragen Sie am besten bestehende bzw. potentielle Nutzer. Bei grundlegenden Usability-Fragen (Ist das Vorhaben verständlich? Haben wir einen wesentlichen Schritt übersehen?) ist die Zielgruppe noch nicht so eng.
An dieser Stelle können Sie im Notfall- also, wenn Sie schnell Feedback brauchen, weit und breit kein anderer Mensch zu sehen ist, der Handyempfang wieder mal weg ist, Sie einen Bandscheibenvorfall haben und sich kaum bewegen können - Feedback von Freunden und Familien einholen - solange diese ähnliche Eigenschaften wie Ihre Zielgruppe besitzen. Diese Ausnahme endet aber spätestens dann, wenn Sie spezifisches Fachwissen oder Erfahrung mit einem gewissen Programm voraussetzen müssen. In diesem Fall ist es unumgänglich, dass die Testperson dieses Know-how ebenfalls hat. Andernfalls riskieren Sie irreführende Aussagen.

Selbst wenn Ihre Bekannten und Verwandten dieses Know-how besitzen und tatsächlich 1:1 in die Zielgruppe fallen, ist es ratsam, Feedback von außerhalb zu holen. Warum? Weil fremde Menschen in der Regel ehrlicher (und brutaler) als Menschen sind, die Sie länger und besser kennen, die Ihnen vielleicht einen Gefallen tun wollen oder die mit gut gemeinten Ratschlägen aushelfen möchten. Bei fremden Menschen ist die Hemmschwelle einfach niedriger, weil uns keine persönliche Geschichte mit ihnen verbindet.

Weil's so nett war, gleich nochmal...

Vermeiden Sie Inzucht, indem Sie Tests niemals mit den gleichen Personen mehrfach wiederholen. Auch hier kommt es zwar darauf an, was Sie in erster Linie herausfinden wollen. In der Regel geht es aber darum, eine Stichprobe aus einer Vielzahl von repräsentativen Nutzern zu erhalten. Und die bekommen Sie eben nur dann, wenn Sie auch viele verschiedene Personen fragen.

Ganz allgemein ist die Idee beim Prototyping, dass wir herausfinden möchten, wie Menschen auf unseren Lösungsvorschlag reagieren. Wenn Sie repräsentativen Nutzer finden, die begeistert von der Idee sind, dann stehen die Chancen verdammt gut, dass es andere auch sind. Je mehr Sie die Tester bereits bei der Gestaltung miteinbeziehen, desto mehr können die ihre Sicht und ihr Verständnis einbringen. Das wiederum bedeutet, dass Sie die Lösung bekommen, die wirklich etwas bewirkt. Und nebenbei wird die Benutzerfreundlichkeit um ein Vielfaches erhöht.

Testen Sie aber Ihren Prototyp immer wieder mit denselben Leuten, die womöglich nicht mal wirklich repräsentativ sind, war all die Mühe vorher umsonst. Denn: Wiederholung macht betriebsblind. Die Menschen werden mit dem Prozess vertraut und reagieren (unbewusst) nur mehr auf die Neuerungen. Damit untergraben Sie Ihre eigenen guten Absichten und Arbeit.

Keine Ausreden mehr

Ich gebe es zu: Es ist manches Mal wirklich eine Herausforderung, ausreichend Tester und Nutzer in bestimmten Gebieten zu finden. Aber dafür gibt es eine einfache Lösung: Sehen Sie sich neue Methoden und Tools an, die Ihnen helfen, Feedback von räumlich entfernten Menschen einzuholen. Gerade bei allgemeineren Themen ist es einfach, eine Vielzahl an Teilnehmern zu finden, die gerne Live-Interviews über GoToMeeting, iChat oder Google Hangouts Rede und Antwort stehen. Auch wenn Sie mobile Prototypen testen wollen, gibt es dazu Lösungen. Bitten Sie Ihre Teilnehmer, Screensharing oder Webcams zu erlauben. Oder Sie verwenden Tools wie usertesting.com, um direkt am Desktop zu testen.

Fazit

Die Suche nach realen Zielkunden und Nutzern ist vielleicht ein wenig mehr Arbeit, als wenn Sie Ihre Ideen gleich mit Freunden und Familie besprechen. Aber es lohnt sich! Denn am Ende wird Ihre Studie viel bessere Ergebnisse liefern. Nehmen Sie sich also besser die zusätzliche Zeit und machen Sie es von Anfang an richtig.