Von Ingrid Gerstbach

Das Trolley-Dilemma oder Warum uns Hineinversetzen in andere hilfsbereiter macht

Ein Klassiker der moralischen Gedankenexperimente: Stellen Sie sich vor, Sie sehen wie eine Eisenbahn auf fünf Personen zurast. Der einzige Ausweg: Eine Weiche, die den Zug auf ein anderes Gleis umleitet, wenn sie umgelegt wird. Dort würde der Zug nur einen einzigen Menschen überfahren. Hand aufs Herz: Würden Sie den Schalter betätigen?

Wenn Sie jetzt ja zur Schalterbetätigung sagen, handeln Sie wahrscheinlich generell utilitaristischer, also den größeren Nutzen im Hinterkopf. Dahinter steckt, so vermuten Psychologen, ein höheres Maß an Gedächtniskapazität. Wird die Situation genau durchdacht und Vor- und Nachteile des Handelns abgewogen, wird auch wahrscheinlicher nutzenethisch geantwortet.

Aber ist dem wirklich so?

Zwei Forscher der Universitäten Yale und Grenoble stellen diese Aussage infrage. Für ihr Experiment haben sie Menschen unter Alkoholeinfluss vor das sogenannte Trolley-Dilemma gestellt. Durch den Alkohol schalteten sie die höheren kognitiven Fähigkeiten bewusst aus.
Dazu gingen die Forscher in Bars und präsentierten mehr als hundert angetrunkenen Personen das Dilemma. Allerdings in einer wesentlich verschärfteren Version: Der Proband steht gemeinsam mit seinem dicken Begleiter auf einer Brücke und beobachtet, wie der Zug darunter auf die fünf Personen zurast. Einzige Rettungsmöglichkeit: Seinen Bekannten vor den Zug zu schubsen.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Je betrunkener die Probanden waren, umso schneller würden sie ihren Begleiter von der Brücke vor den Zug stoßen.

Warum?

Der Grund: Alkohol senkt die Hemmschwelle, andere zu verletzen. Wenn Sie nüchtern große Skrupel haben, jemanden bewusst in den Tod zu schicken, geht dieser mit steigendem Alkoholpegel zusehends verloren. Utilitaristisches Handeln ist somit keine Sache von Intelligenz und Abwägung - sondern vielmehr von weniger emotionalem Einfühlungsvermögen.

Empathie: Einflussfaktor für soziales Verhalten

Dafür sprechen auch Ergebnisse einer anderen Studie aus Wien. Bei diesem untersuchten Entscheidungsprozesse spielte Empathie, also das Mitfühlen mit anderen, eine wesentliche Rolle.
Das Ergebnis: Hatten sich die Testpersonen vorher in die Person hineinversetzt, wurde diese viel seltener vor den Zug geschubst. Außerdem stieg der Stressspiegel bei der Entscheidung deutlich in die Höhe. Unser soziales Verhalten wird also deutlich beeinflusst, ob wir andere mit ihren Gedanken und Gefühlen wahrnehmen.

Wie empathisch ist Ihr Gegenüber?

Um zu testen wie emphatisch Ihre Mitmenschen  sind, brauchen Sie sie nicht zu einem Bahnhof bringen. Es reicht schon ein kleines, einprägsames Experiment: Bitten Sie sie, dass sie sich - so schnell wie möglich - den Buchstaben E auf die Stirn schreiben.
Die Lösung: Diejenigen, die das E spiegelverkehrt zeichnen, wollen, dass ihr Gegenüber es lesen kann. Andersherum gezeichnet, denkt derjenige mehr an sich und seine eigene Perspektive und ist damit weniger emphatisch.

Übrigens: Die meisten Menschen entscheiden sich dafür, den Schalter umlegen. Getreu dem Motto: Fünf Leben sind wichtiger als eines.