Von Ingrid Gerstbach

In einem früheren Post habe ich bereits über den sogenannten "Trotteleffekt" geschrieben. Ein wenig anders funktioniert der Gruppenzwang bzw. die Gruppendynamik.

Querdenker versus Herdentier

Wie geht es Ihnen, wenn Sie das Wort „Querdenker“ hören? Für viele ist der Begriff Sinnbild für Kreativität und Impulse, bei den meisten jedoch stößt das Wort auf Widerstand. Warum? Ganz einfach: Querdenker können unbequem sein und bedrohen für viele den eigenen Status Quo. Der Mensch ist aber von Natur aus ein Herdentier. Und Querdenker passen in den seltensten Fällen in Herden hinein, sondern zählen eher zu den schwarzen Schafen, die am Wiesenrand stehen, beobachten und vor sich hinkauen...

Viele Personen berichten aus eigener Erfahrung, dass in Situationen wie Meetings, in denen viele Menschen zusammentreffen, um Entscheidungen zu treffen, Machtspiele und Eitelkeiten auf der Tagesordnung ganz oben stehen. Die Palette von Nebenwirkungen solcher Zusammenkünfte reicht von schlechten über schwachsinnigen Ideen bishin zu selbstverleugnenden Maßnahmen.

Kollektive Identität als Risiko

Die kollektive Identität zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen einer gewissen Ähnlichkeit der Angehörigen einer Gemeinschaft im Unterschied zu Außenstehenden begegnen. Während das Individuum geformt ist aus den eigenen Erfahrungen, Erwartungen, Werten, Erziehung, Umwelt etc. und uns von anderen genau darin differenzieren, rechnen wir uns gleichzeitig wiederum mehreren Gemeinschaften zu und überschreiten soziale Grenzen.

Das soziale Empfinden einer Gruppe wird vor allem durch die sozialen Beziehungen und Kontakte untereinander geprägt, aber auch durch gemeinsame Werte und Interesse, durch die wechselseitige Wahrnehmung, durch die Anwesenheit der Beteiligten, aber auch durch abgestimmte soziale Rollen. So gibt es in jeder Gruppe neben dem (informellen) Gruppenführer, der die Gruppe zusammenhält und Ziele bestimmt, die wichtigen Mitläufer, die sich vor allem am Verhalten des Gruppenleiters orientieren. Auch ohne dem Opponenten als Gegenspieler zum Führer, der (un)bewusst die Führerrolle streitig macht und oft dafür sorgt, dass soziale Konflikte auftreten, funktioniert eine Gruppe nicht.
Der Sündenbock als schwächstes Mitglied einer Gruppe, muss für die Nicht-Erreichung von Gruppenzielen herhalten.

Schwarmintelligenz? Das Asch-Experiment

Im legendären Asch-Experiment aus dem Jahre 1951 zeigte der Psychologe Solomon Asch eindrucksvoll, wie Gruppendruck sich auf Einzelpersonen auswirkt. Dazu hat er Gruppen so zusammengesetzt, dass bis auf einen Teilnehmer alle anderen eingeweiht waren. Danach ließ er aus 3 Stäben den längsten (der eindeutig mit bloßem Auge zu erkennen war) wählen. Die Eingeweihten behaupteten geschlossen, dass das tatsächlich kürzeste Stäbchen das längste und damit das richtige wäre.
Auch wenn alle Teilnehmer sahen bzw. wussten, dass diese Angabe falsch war, gaben

  • über 50% der Teilnehmer eine offensichtlich falsche Antwort und schlossen sich damit der Mehrheit an.
  • 5% zeigten absoluten Gehorsam und schlossen sich gleich kategorisch der Mehrheit an.
  • Lediglich 25% der Probanden meinten, dass eine Mehrheit wohl versuche, das Ergebnis zu beeinflussen.

Der Minoritätseffekt

Asch befragte nach dem Experiment die Beteiligten, warum sie ihre eigene Meinung zurückgestellt und sich der anderen angeschlossen haben. Während die meisten angaben, unsicher gewesen zu sein und sich deswegen der Mehrheit angeschlossen zu haben, gaben andere wiederum zu, aus Angst vor möglichen Sanktionen, wenn sie sich gegen die Mehrheit stellten, so gehandelt zu haben. Wiederum andere wollten nicht aus der Gruppe hervorstechen und nur wenige behaupteten, dass sie es genauso wie die Mehrheit gesehen zu haben.

Der Psychologe Serge Moscovici hat folgendes Experiment dazu angestellt: Er zeigte seinen Probanden Dias, die eine Palette an verschiedensten Blautönen widerspiegelten. Anschließend fragte er nach den Farben, die die Probanden wahrgenommen haben. Klingt nicht schwierig, oder? Was den Versuchspersonen allerdings nicht bekannt war, war, dass es in der Gruppe 2 eingeweihte Opponenten gab, die beharrlich auf das Gegenteil pochten, nämlich, dass das gesehene Dia eindeutig grün und nicht blau ist.
Obwohl die Sehfähigkeit der teilnehmenden Personen bereits im Vorfeld getestet wurde, stieg die Zahl derjenigen signifikant an, die glaubten, tatsächlich grüne Dias gesehen zu haben (8,4% waren sich sicher, dass das Dia grün war, 32% meinten, zumindest eines der Dia wäre sicherlich grün gewesen).

Verhalten und Anpassung

Unsere Neigung zur Gruppenzugehörigkeit wird maßgeblich von unserem Verhalten beeinflusst. Wenn wir dieses hinterfragen, fällt der Schritt zur Eigenständigkeit bedeutend leichter:

  • Gruppengröße: Ist der wichtigste Grund, warum sich Menschen den Überzeugungen anderer anpassen - auch wenn diese den eigenen widersprechen.
  • Dazugehörigkeit: Um jemanden zu überzeugen und seine Meinung durchzubringen, muss man schlicht und ergreifend zur Gruppe gehören. Dabei geht es vor allem um Vertrauen und Kompetenz.
  • „Wie du mir, so ich dir“ oder "Eine Hand wäscht die andere": Wir fühlen uns zu Gegenleistungen verpflichtet, nachdem wir von jemand anderen einen Gefallen, ein Geschenk, ein Kompromiss etc. erhalten haben.
  • Selbstvertrauen: geht Hand in Hand mit Anpassungsbereitschaft. Menschen mit weniger ausgeprägter Persönlichkeit neigen eher dazu, Gruppendruck nachzugeben und sich der Mehrheit anzuschließen. Aber auch Personen, die ein großes Harmoniebedürfnis haben, zeigen sich anpassungsbereiter als andere.
  • Laune: Aber auch die eigene Stimmung prägt unser Verhalten und damit auch die Bereitschaft, uns Gruppenmeinungen mehr oder weniger anzuschließen, maßgeblich. Wer gerade in bester Laune ist, ist auch gleich viel anpassungsgewillter, während schlechte Stimmung zu mehr Widerstand aufruft.
  • Autorität: Stanley Milgrams berühmtes Elektroschock-Experiment zeigt deutlich, dass die Bereitschaft zur Unterwürfigkeit drastisch zunimmt, wenn Menschen eine gewisse Autorität ausstrahlen.
  • Kultur: spielt eine nicht zu verachtende Rolle. Während in westlichen Gebieten mehr Wert auf Individualität gelegt wird, lebt Asien eine regelrechte Kultur der Anpassung.
  • Widerspruch: Sobald auch nur ein einziger vehement gegen eine Aussage widerspricht, sinkt die ungeteilte Bereitschaft zuzustimmen.

„Wenn zwei Personen der gleichen Meinung sind, dann ist eine davon überflüssig.“, sagte bereits Winston Churchill. Das ist auch der Grund, warum ich im Design Thinking mit der Macht der einzelnen Meinung arbeite.