Von Ingrid Gerstbach

Es scheint, als würden Startups wie die Pilze aus dem Boden schießen. Für viele wirken sie gar wie eine hippe Modeerscheinung direkt aus Amerika, die in den nächsten Jahren genauso schnell wieder verschwinden wird, wie sie aufgetaucht ist. Dabei könnten sich gerade etablierte Unternehmen eine große Scheibe Wissen und Mindset von Startups abschneiden.

Etablierte Unternehmen werden dank steigendem Konkurrenzdrucks mehr und mehr gezwungen, neues und noch unbekanntes Terrain zu erschließen. Als wäre das nicht schon Herausforderung genug, lassen sich dort bereits bewährte Vorgehensweisen und Strukturen nicht mehr einfach übernehmen.  Während einige Unternehmen die Vogel-Strauß-Taktik bevorzugen, versuchen andere wiederum zu reagieren, indem sie ihre Fühler in die Startup-Welt ausstrecken. Sie investieren beispielsweise in Form von Corporate Venture oder fördern Accelerator-Programme, manche gehen sogar noch einen Schritt weiter und gründen gar unternehmensinterne Corporate Startups.

Aber kann eine Startup-Kultur überhaupt mit gut etablierten und bereits langbestehenden Unternehmen zusammenpassen? Was kann ein solches Unternehmen aus der Startup-Welt lernen? Vier Ideen dazu:

Lernen von den Kleinen

1. Ausprobieren

Etablierte Unternehmen arbeiten, während Startups gerade zu Beginn ihres Bestehens ausprobieren und sich mittels der trail-and-error-Methode an ein passendes Geschäftsmodell herantasten. Ein Riesenvorteil, da der sowohl der Markt als auch das Produkt meistens unbekannt sind. So bleiben Startups offen und können wesentlich entspannter und flexibler auf Feedback von außen reagieren.

Offen zu bleiben, neugierig und spielerisch sich Unbekanntem zu nähern, ist eine hervorragende Möglichkeit, um auch eine weitere wichtige Eigenschaft zu trainieren: Nämlich im richtigen Augenblick die richtige Entscheidung zu treffen.

2. Kundenfokus

Erfolgreiche Innovationen ziehen immer die Sicht ihres Kunden mit in ihre Überlegungen und Entwicklung ein und schaffen dadurch einen echten Mehrwert für den Endanwender. Gerade im Design Thinking beziehen wir die Nutzerperspektive von Anbeginn mit ein und kreieren darauf aufbauend passende Lösungen. Um echte Empathie für die Kundengruppen zu erarbeiten und herauszufinden, was die Nutzer wirklich wollen, müssen die Unternehmen aber auch tatsächlich echte Kunden befragen. Dass diese in den meisten Fällen nicht in den eigenen vier Wänden zu finden sind, versteht sich von selbst. Deshalb sollten gerade etablierte Unternehmen viel öfters der Aufforderung „get out of the house“ nachkommen und (potenzielle) Kunden befragen.
Denn Fakten über die wahren Bedürfnisse des Kunden werden Sie nicht im Büro oder in der R&D-Abteilung finden. Je unbekannter der Markt ist, desto weniger Studien und Meinungen sind vorhanden. Durch engen Austausch mit den wirklichen Nutzer können Schritt für Schritt die notwendige Bausteile des neuen Geschäftsmodells getestet werden.

Dieses iterative Vorgehen lässt sich hervorragend auf sämtliche Innovationsbereiche übertragen. Mittels emphatischer Interviews und Beobachtungen des Kundenverhaltens werden die existierenden Bedürfnisse und Probleme entdeckt und verstanden. Die daraus herausgeleiteten, möglichen Lösungsansätze werden danach gleich wieder vom Kunden selbst getestet. Diese sogenannten Prototypen helfen dabei, schneller und billiger mögliche Lösungen zu verifizieren. Das ist insofern wichtig, da Nutzer nur dann für ein Produkt oder eine Dienstleistung zahlen wollen, wenn etliche Personen diesen Prototypen als wirkliche Problemlösung anerkennen.

3. Lernkultur einführen

Ein Projekt ist gescheitert? Gratulation! Während ein Scheitern in großen Unternehmen meistens einen gewaltigen Rückschlag bedeutet, ist es genau das, was Startups zum Erfolg führen kann. Projekte in etablierten Organisationen fokussieren sich darauf, ihr Projektziel am Ende der Projektlaufzeit innerhalb eines vordefinierten Budgets und Ressourcen zu erreichen. Manches Mal kann aber das Ziel nicht im Vorhinein definiert werden, weil es noch zu viele Unbekannte gibt.
Deswegen verfolgen Startups eine explorative Strategie, um Unwissenheit in sicheres Wissen zu verwandeln. Das funktioniert allerdings nur, wenn viel experimentiert und herumgetüfftelt wird. Voraussetzung dazu ist wiederum, dass Unternehmen auch bereit sind, auf Basis des Erlernten neue Pfade einzuschlagen und gegebenenfalls auch Kursanpassungen vorzunehmen.

4. Agil und iterativ agieren

Komplexe Organisationsstrukturen und standardisierte Prozesse erschweren es Unternehmen, wirklich agil zu agieren. Viele glauben, dass Effizienz per se eine hohe Zuverlässigkeit verlangt, die wiederum der agilen Herangehensweise im Weg steht. Es ist sicherlich schwierig, aber mit der richtigen Mischung können auch etablierte Unternehmen agiler agieren.

Um auf die rasenden und unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Märkte zu reagieren, müssen Unternehmen flexibel sein, gleichzeitig dürfen sie aber nichts an Effizienz verlieren. Um das zu bewerkstelligen, greifen Organisationen auf Bestehendes zurück (Effizienz), lassen sich aber gleichzeitig auf Neues ein (Flexibilität). Um langfristig profitabl zu sein, sind Unternehmen gezwungen, neue Geschäftsfelder in neuen Märkten zu erschließen. Das wiederum bedeutet hohe Ungewissheit hinsichtlich Produktanforderungen, Geschäftsmodell und Marktdaten. Um mehr Flexibilität und Agilität zu schaffen, eignet sich dadurch ein langsames Herantasten - ein iteratives Vorgehen in kleinen Schritten.

Das Beste aus beiden Welten vereinen

Ein Startup sollte niemals als kleine Version eines großen, etablierten Unternehmens verstanden werden. Auch eine eigene Innovationsabteilung innerhalb eines Unternehmens ist kein Abklatsch eines völlig unabhängigen Startups. Im Idealfall wird das Beste aus beiden Welten miteinander vereint: Die Fähigkeit des agilen Denkens und Handelns in unbekannten Märkten wird kombiniert mit dem Ausspielen von Technologie, Ressourcen und Erfahrungen. Gelingt dies, sind Wachstum und gelungene Innovationen vorprogrammiert.