Von Ingrid Gerstbach

Wie definieren Sie Innovation? Ich persönlich verstehe unter diesem Begriff einen Prozess der Vorstellung und Realisierung von neuen Wegen, die Unternehmen dabei unterstützen, mehr Wert für sich und seine Kunden zu schaffen. Dabei geht es also um weit mehr als "nur" um die Erfindung von neuen Produkte oder Dienstleistungen.

Nachdem ich schon einige Innovationsprojekte begleiten durfte, ist mir aufgefallen, dass immer wieder dieselben Erfolgsfaktoren den Ausschlag gaben:

1. Überzeugende Argumente für Innovation

Oft ist es die große Ausnahme, wenn Menschen in Unternehmen von sich aus verstehen, dass es Zeit für Veränderung ist. Im Kampf um Ressourcen verliert Innovation deswegen fast immer gegen das laufende, bereits bestehende Geschäft. Auf den ersten Blick greifen Neuerungen zunächst in die Handlungsfreiheit der Betroffenen ein und bedrohen scheinbar die eigenen Interessen. Es ist also völlig normal, dass die meisten Menschen auf Veränderungen nicht mit spontaner Begeisterung reagieren, sondern mit Ängsten und Widerstand. Für erfolgreiche Innovationen gibt es genau deswegen nichts Wichtigeres als das übergeordnete Ziel und den Nutzen für alle klar und deutlich zu vermitteln. Vor allem auch für Durststecken und Krisen, die früher oder später auftauchen werden.

2. Eine inspirierende, gemeinsame Vision

Die meisten Unternehmen wählen die Vergangenheit als Grundlage für ihre Zukunft. Dieses deduktive Modell hat durchaus seine Daseinsberechtigung und wird nach wie vor für viele Unternehmen relevant sein. Wenn Sie jedoch das induktive Modell verwenden, zählt die ganzheitliche Sicht auf die Zukunft. Vergangenes ist zweitrangig, vielmehr wird kontinuierlich nachjustiert, wohin sich der Markt bewegt, Trends werden verfolgt und zur rechten Zeit agiert.

3. Eine strategische Innovationsagenda

Kennen Sie die Grinsekatze von Alice im Wunderland? Alice fragte sie nach dem Weg: „Das hängt zum größten Teil davon ab, wohin du möchtest“, sagte die Grinsekatze. „Ach wohin ist mir eigentlich gleich.“, sagte Alice. „Dann ist es auch egal, wie du weitergehst“, erwiderte die Katze.
Innovation ist ebenso eine Reise ins Unbekannte und es gibt viele Abzweigungen und mögliche Wege, die beschreitet werden können. Deswegen ist es so wichtig bereits vor dem Reisestart sich drei Sachen bewusst zu machen:

  1. Welches Unternehmen sind wir jetzt und welches wollen wir in Zukunft sein?
  2. Wie hoch ist unsere Risikotoleranz, um bahnbrechende Ideen mit Leib und Seele zu verfolgen? und
  3. kritische strategische Fragen wie auch die Rahmenbedingungen.

Meistens scheitern bahnbrechende Innovationen daran, dass sich niemand bereits im Vorfeld die Zeit genommen hat, das Unternehmen strategisch auszurichten und sich auf Innovationen vorzubereit.

4. Sichtbares Engagement des Managements

Inkrementelle Innovation lässt sich leichter in Unternehmen umsetzen, wo es eine klare strategische Ausrichtung, klare Entscheidungsmetriken und ein klares Unternehmensmodell vorhanden ist. Doch bei disruptiven oder radikalen Innovationen ist genau das Gegenteil der Fall. Die Strategie ist oft unklar oder noch nicht greifbar, die ansonsten funktionierende Metriken lassen sich in diesem Fall nicht wie gewohnt anwenden, weil alles so neu ist und der Bezugsrahmen meist noch fehlt. Das Streben nach disruptiven Innovationen ist nur dann erfolgreich, wenn auch dabei das Management mitspielt, sich proaktiv an der Arbeit beteiligt und die Ressourcen auch dementsprechend freischaufelt - getreu dem Motto: Je höher das Ziel, desto höher die Hierarchieebene.

5. Ein leidenschaftliches Entscheidungsmodell

Disruptionen können nicht funktionieren, wenn keine Entscheidungsmodell existiert, das sich komplett konträr zum früheren Entscheidungsmodell verhält. Dabei geht es eben nicht um Metriken, die versuchen Fakten in Zahlen zu gießen. Aber auch Entscheidungen, die kritische Stimmen nicht miteinbeziehen, hinterlassen im besten Fall nur einen schalen Nachgeschmack, oft stoßen sie auf offenen Widerstand. Umso wichtiger ist es für den Erfolg von Innovationen, einen begeisterten Fürsprecher zu finden, der sich mit Leidenschaft für die Ziele einsetzt und auch beim kleinsten gemeinsamen Nenner noch einen gemeinsamen Konsens findet. Ohne Leidenschaft funktioniert keine Innovation. Es braucht dazu eine Person, die alle anderen anzündet und nicht abfackelt.

6. Ein kreatives, interdisziplinäres Team

Das beste Team besteht immer aus drei Komponenten: 1. Eine Person, die das Team motiviert und durch Durststrecken führt 2. Personen mit dem notwendigen Fachwissen und Know-how und 3. naive, scheinbar vollkommen irrelevante Vielfalt und Neugierde. In den meisten Fällen initiieren die Naiven die Innovation, während es die Experten auf den Boden bringen und umsetzen.

7. Das Wissen um die vier Markttreiber

Unternehmen ändern sich nicht deswegen, weil sie es wollen. Keiner verlässt gerne seine Komfortzone. Unternehmen aber ändern sich dann, wenn sie es wirklich müssen. Vier unkontrollierbare Faktoren zwingen sie dazu: Kunden, Wettbewerb, gesetzliche Regulierungen und wissenschaftliche bzw. technische Entwicklungen. Dank der Erforschung dieser vier Faktoren erkennt das Unternehmen, was zukünftig nötig ist, um im Spiel zu bleiben und zu gewinnen.

8. Die Bereitschaft, Risiken einzugehen und den Wert im Absurden erkennen

Für manche Ideen, die vorher als abstrus abgetan wurden, ist die Welt vielleicht noch nicht reif. Wer weiß aber, wo wir ohne die Mutigen geblieben wären? „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ (Henry Ford).
Innovatoren müssen Risiken eingehen, das Große vorwegnehmen und absurde bzw. scheinbar irrelevante Ideen verfolgen, um Wettbewerbsvorteil zu schaffen, solange die Konkurrenz noch schläft.

9. Ein klar definierter und gleichzeitig flexibler Innovationsprozess

Der größte Mythos in Bezug auf Innovationen ist, dass es reicht ein paar großartige Ideen zu haben und einen ungefähren Plan aufzustellen. Falsch! Was Unternehmen in Wahrheit erfolgreich macht, ist nicht DIE bahnbrechende Idee, sondern die kleinen Ideen, die Unternehmen auch im Moment wettbewerbsfähig halten. Das ist Herausforderung genug! Was die meisten nicht wissen, ist, wie sie große Ideen pflegen, unterstützen, daraus lernen oder sie so anzupassen, dass sie flexibler werden und zu kleinen, leichter umsetzbaren Innovationen werden.


Das sind die Kriterien, die meiner Erfahrung nach über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wenn Sie herausfinden wollen, wie erfolgreich Ihr Unternehmen unterwegs ist, dann machen Sie doch einfach mal den Test.