Von Ingrid Gerstbach

Neulich hat mir mein Mann ein Video von Gunter Dueck, deutscher Schriftsteller und Speaker, weitergeleitet mit dem Kommentar „Jetzt bin ich auf deine Reaktion gespannt.“ Das konnte nur bedeuten, dass Gunter Deck eine provokante These aufgestellt hat. Tatsächlich. Verschmitzt lächelnd beginnt das Video mit dem Satz „Brainstorming hat jetzt 100 Jahre nichts gebracht und man hat es unbenannt in Design Thinking.“ Boom, das sitzt. Mein erster Gedanke: Er kennt Design Thinking nicht, denn sonst würde er so etwas nicht sagen. Design Thinking hat mit Brainstorming so viel zu tun wie ein Kuchen mit Rosinen: Kann man haben, muss man aber nicht. Es ist eben Geschmacksache.

Den Schluss seines Videos beendet er mit dem Satz „Mittelmäßigkeit kommt bei Ideen nicht durch. Man muss schon gute haben und das kann nicht jeder.“ So unrecht hat er da nun wirklich nicht, denn Mittelmäßigkeit und echte Innovationen sind in der Realität nicht wirklich gut vereinbar. Und ja, auch da stimme ich Herrn Dueck zu, Innovationen müssen Begeisterung wecken.
Aber dass Kreativität nicht erlernbar wäre und nicht jeder kreativ sein kann - dem kann ich nur - aufgrund meiner jahrenlangen Erfahrung mit den unterschiedlichsten Menschen in unterschiedlichsten Bereichen, mit geübten und ungeübten QuerdenkerInnen, in meinen Design Thinking Workshops - widersprechen.

Kreativität im Wandel des Lebens

Ich lade Sie nun zu einem kurzen Rückblick ein: Können Sie sich an Ihre Kindheit erinnern? Als Sie die Sommernachmittage draußen verbrachten und Spiele erfunden haben? Als Sie damals als der der beste Sandkuchenbäcker der ganzen Siedlung bekannt waren oder als Sherlock Holmes getarnt mit Ihrer Spürnase die Geheimnisse in der Nachbarschaft aufdeckten? Im Winter saßen Sie vielleicht am Küchentisch und malten laut summend die fantasiereichsten Bilder: Ein Auto mit Flügeln, das über die Berge oder Seen fliegen kann. Ein Regenbogen, auf dem Menschen runterrutschen. Ihrer Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Bis die Erwachsenen Grenzen setzten: „Hast du schon jemals ein fliegendes Auto gesehen? Mal doch lieber mal einen Hund. Am Boden. Ohne Flügel, dafür aber mit vier Pfoten.“

Schnell wird vorgegeben, wie die Welt zu sein hat, was möglich ist und was nicht. Was realistisch ist und wo es bloße Fantasie bleiben wird. Und so endet es mit der Kreativität so, dass viele diese mit Künstlertum und einer verquerten Haltung verwechseln. Welches Unternehmen kann es sich mit so einer Einstellung dann leisten, der Kreativität Raum und Platz zu widmen?

Kreativität in Unternehmen

John Taylor Gatto, mehrmalig ausgezeichneter amerikanischer „Teacher of the Year“, sagt zu dem Thema Kreativität in Schulen: „Schulen halten Kindern in kargen Räumen gefangen, die den Sinnen keine Reize bieten. Sie teilen Kinder aufgrund willkürlicher Kriterien wie Alter oder Prüfungsnoten in unflexible Kategorien ein. Sie lehren Kinder, auf den Klang einer Glocke ihre augenblickliche Beschäftigung fallen zu lassen und sich von einem Raum in den anderen zu begeben. Sie verbieten Kindern, ihre eigenen Entdeckungen zu machen, und versuchen stattdessen, ihnen vermeintliche Lebensgeheimnisse einzuimpfen.“

Das gilt leider nicht nur für die Schulen, sondern genauso für viele Unternehmen. Dabei gibt es schon zu viele Büroinsassen und Ja-Sager, die nichts mehr hinterfragen, sondern ihre Checklisten abarbeiten. Vielmehr ist es Zeit für Menschen, die Probleme erkennen, Lösungen dafür suchen und Ideen kreieren.

Was ist Kreativität eigentlich?

Für mich ist Kreativität vor allem eine Fähigkeit erlerntes Wissen und Erfahrung zu nutzen, neues zu gestalten - aufgrund einer Inspiration.
Um kreativ agieren zu können, brauchen Sie demnach:

  • eine Inspiration, um den Kreativprozess zu initialisieren,
  • Einen Zugang zu ihrer persönliche Erfahrung und Wissen,
  • Fantasie, um die zwei vorherigen Komponenten so zu verknüpfen, das Neues wachsen kann,
  • einen Freiraum, in dem Ideen gesponnen werden dürfen,
  • Übung (So haben Studien ergeben, dass Unternehmen, in denen die Mitarbeiter verschiedene Techniken anwenden, mehr Innovationen hervorbringen als Firmen, die konventionell arbeiten. Messbar wird der Erfolg allerdings erst nach Jahren.) und
  • Mut, alte Denkmuster zu durchbrechen und neuen Perspektiven aufgeschlossen zu begegnen.

Kreativität sagt demnach nichts über Einzigartigkeit oder Originalität aus, sondern schließt auch Verbesserungen von etwas Bestehendem ein. Und Kreativität hat Voraussetzungen, die nicht nur intrinsischer Natur sind, sondern die Unternehmen auch aktiv fördern können.

Letztenendes kommt es aber nicht nur darauf an, kreative Ideen zu haben und zu fördern, sondern diese vor allem umzusetzen.

Ich würde mich persönlich sehr freuen, Herrn Dueck in einem meiner Workshops einzuladen und ihm zu zeigen, dass Kreativität durchaus eine Sache ist, die gefördert und erlernt werden kann.