Von Ingrid Gerstbach

Das Wort Design im Design Thinking ist irreführend, denn Design Thinking hat im Prinzip nur wenig bis gar nichts mit Design zu tun. Das Wort hat für uns im deutschsprachigen Raum auch eine ganz andere Bedeutung, als in Amerika, wo der Begriff geprägt wurde.

Während bei vielen beim Begriff Design Schlagworte wie "Sonnenbrille", "teure Kleidung" oder "Kunst" aufploppt, ist in diesem Zusammenhang viel mehr von "Gestaltung" und "Entwicklung" die Rede.

Ursprung des Wortes Design im Design Thinking

Nigel Cross, britischer Professor und Designforscher, beschäftigt sich mit dem kognitiven Teil der Tätigkeit bei Designvorgängen. Für Cross ist Design keine Wissenschaft, sondern Teil der „intellektuellen Unabhängigkeit“. 2007 erschien dazu sein Buch “Designerly Ways of Knowing”. Darin untersucht er die Facetten von kognitivem Design-Denken und Design-Prozessen. Design Denken kombiniert mit strategischer Weitsicht kann seiner Meinung nach helfen, bestehende Strategien zukünftig auf institutionelle Ebenen zu integrieren. Wissenschaftler lösen Problem durch Analyse, während Designer Problem durch Synthesen lösen. Design Thinking basiert genau auf der Verbindung dieser beiden Sichten: Analyse und Synthese.

Drei Elemente

Die Idee der drei Elemente ist mir in einem Artikel der Fastcompany zum ersten Mal begegnet und hat mich irgendwie gefangen. Demnach beinhaltet Design Thinking im Grunde drei Schlüsselelemente aus verschiedenen Disziplinen. Am mächtigsten wirkt Design Thinking, wenn Sie diese drei Disziplinen vereinen und sie als Rahmen betrachten:

  1. Das erste Element ist die sogenannte beobachtende Forschung bzw. der Ethnograhie. Bei der Ethnographie wird das Zusammenleben, die soziale, kulturelle und politische Ausprägung einer abgegrenzten Gesellschaft aus der Sichtweise der Betroffenen beschrieben und verstanden. Die Methodik stützt sich dabei stark auf persönlichen Erfahrungen.
    Im Design Thinking nutzen wir gerade diese Kraft dieser multidisziplinären Teams, damit wir schnell ein möglichst genaues und auch intensives Bild der Nutzer bekommen. Dazu verwenden wir historische, beobachtende und befragende Methoden. Als Ergebnis erhalten wir eine starke Kombination aus visuellen (Fotos) und schriftlichen Erzählungen, die uns neue Vorstellungen und Konstrukte bzw. auch eine vollkommen andere Perspektive eröffnet.
     
  2. Das zweite Schlüsselelement ist visuelle Darstellung bzw. kognitive Visualisierung. Für viele ist dieses Denken eine Art Black Box, weil sie nicht wissen, was dabei genau passiert und wie die kognitive Verarbeitung über Bilder funktioniert. Bzw. erleben wir in unseren Workshops auch oft, dass Menschen gerade zu Beginn Angst davor haben, selber die Dinge visuell darzustellen. Dabei braucht es in der Regel nicht viel, Sie müssen nicht einmal einen extra Kurs dafür besuchen ;)
    Wenn Sie in Bildern zu sprechen und zu denken beginnen, schaffen Sie eine gemeinsame Sprache für alle Anwesenden. Wörter haben oft aufgrund unserer Erfahrungen unterschiedliche Bedeutungen, bei der visuellen Darstellung ist es dagegen viel einfacher, sich auf einen gemeinsamen Begriff zu einigen: Jeder weiß sofort, was gemeint ist und kann es mit seiner internen Begriffsverwendung verknüpfen.
     
  3. Das dritte Element bezieht sich auf das Experimentieren. Diese Phase ist besonders wichtig, um auf Konkurrenten und die Entwicklungen des Marktes sehr schnell und gut zu reagieren. Vorteile des Prototypings sind:
    • Schnell und günstig bestimmen, wie und ob ein Konzept funktionieren kann
    • Verstehen, was Nutzer wirklich wollen
    • Das Nutzerverhalten vorhersagen
    • Erkennen, ob Kundennutzen und Mehrwert aufeinander ausgerichtet sind und wenn nicht, wie groß die Lücke dazwischen ist.

Fazit

Design Thinking beruft sich also nicht nur auf die Interdisziplinarität, sondern lebt es selber: Verschiedene Elemente verknüpfen sich so, dass im Zusammenspiel eine geniale, kraftvolle Mischung entsteht, die Innovationen in den unterschiedlichsten Bereichen viel wahrscheinlicher macht. Ohne dem visuellen Element würde die Wissensvermittlung vermutlich stocken, ohne dem Experimentieren wäre Entwicklung und Verbesserung langwiriger. Und ohne dem Fokus auf den Nutzer durch Beobachtung und Befragung, durch Lernen und Neugierde, wäre Fortschritt oft sinnlos. Probieren Sie es einfach selber mal aus! Es lohnt sich :)