Von Ingrid Gerstbach

Jeder, der bereits ein Meeting, eine Brainstorming-Session oder auch nur bei einem Kaffeeklatsch dabei war, kennt das Phänomen, das auftreten kann, wenn mehrere Menschen aufeinandertreffen, dabei scheinbar ihr Hirn ausschalten und Dingen zustimmen, die sie unter normalen Umständen niemals gesagt hätten. Dieser Prozess, bei dem eine Gruppe an normalerweise kompetenten Menschen wirklich schlechte Entscheidungen trifft, weil die eigene Meinung an die erwartete Gruppenmeinung anpasst, nennt sich Gruppendenken.

Das einsame Genie ist out - Teamwork ist in?

Viele Menschen werden zudem auch dann erst wirklich kreativ, wenn sie ihre tägliche Arbeit unterbrechen und entspannt ihre Privatsphäre genießen. Menschen, die als kreativ gelten, sind meistens auch introvertierter Natur und gewohnt, alleine zu arbeiten.
Verstehen Sie mich bitte an dieser Stelle nicht falsch! Ich bin eine große Verfechterin, wenn es um die Kraft der Zusammenarbeit geht. Aber aus Erfahrung weiß ich auch, dass es die richtige Anwendung der Technik braucht, damit Kooperation funktionieren und zum Erfolg führen kann. Beim Gruppendenken entsteht aber ein Konsens - keine Kooperation!

Mit 3 Schritten raus aus dem Gruppendenken

1. Setzen Sie ein tatsächlich interdisziplinäres Team zusammen

Ich predige es immer wieder bei allen Projekten „Wenn Sie ein Marketing-Problem lösen wollen, setzen Sie nicht ein Team von Marketingspezialisten in ein Zimmer.“ Das gleiche gilt natürlich auch für den Vertrieb, HR, Logistik etc. Wenn Sie nicht ein multidisziplinäres Team mit Denkern aus unterschiedlichen Richtungen haben, werden Sie kaum Gruppendenken vermeiden. Einfach deshalb, weil Menschen, die dieselben Werte und einen sehr ähnlichen Karriereweg haben, die Welt oft mit sehr ähnlichen Augen sehen. Sie hören auch mit denselben Ohren, leben anhand derselben Regeln und verwenden dieselben Messgröße. In einem Satz: Sie denken meistens dasselbe.

Deswegen setzen Sie Ihr Team aus Menschen verschiedener Disziplinen, Kulturen und Altersgruppen zusammen. Stellen Sie sicher, dass Sie auch ein paar Experten und noch mehr Unwissende dabei haben. Am besten achten Sie darauf, dass Sie drei verschiedene Arten von Teilnehmern an Bord haben: Die Entdecker (sie sind eher extrovertiert, neugierig, denken und reden frei Schnauze), die Entwickler (sind kreative Problemlöser, manchmal introvertiert, eher ruhiger, aber lieben es, wenn Sie ihnen ein Problem oder eine Herausforderung zum Lösen geben) und die Realisten (das sind wirtschaftlich denkende, sehr geschäftstüchtig Menschen mit dem Blick auf die tatsächliche Umsetzbarkeit).

Der richtige Einsatz der Brainstorming-Techniken helfen Ihnen alle diese verschiedenen Gruppen zu fördern und das unterschiedliche Denken dazu zu nutzen, neue Ideen zu generieren. Sowohl in kleineren Untergruppen aber auch als Einzelpersonen können so neue Wege gefunden werden, um Ideen sicht- und machbar zu gestalten.

2. Definieren Sie die verschiedenen Rollen

Zunächst muss es eine Person geben, die die Entscheidungen trifft. Das ist deswegen wichtig, weil es auch gegenüber den Kunden eine Person gibt, die nach außenhin das gesamte Team repräsentiert. Das Team sollte leidenschaftlich zur Entscheidungsfindung beitragen, aber letztlich kann es nur einen geben, der die Führung übernimmt. Suchen Sie dazu jemanden, der Ihrer Meinung nach das größte Potenzial für weitere Entwicklung hat, der gut die endgültigen Konzepte empfehlen kann und auch aktiv Ausschau hält, der die Idee im Unternehmen implementiert.

Dann benötigen Sie noch einen versierten Moderator, der verantwortlich für die Führung des Dialogs ist. Der Moderator sorgt dafür, dass die anderen ihre Köpfe für den Inhalt frei bekommen und sich nicht um den Prozess kümmern müssen. Ganz wichtig dabei ist, dass diese Person die Interaktion erleichtern und die verschiedenen Perspektiven berücksichtigen sollte - kurz: die Regeln des Brainstormings kennt.

Alle anderen Teilnehmer haben die Rolle der Ideenlieferanten inne: Dabei konzentrieren sie sich aufs Zuhören, Lernen, Ideen spinnen, Weiterentwickeln von anderen Ideen etc. - aber diese Personen treffen weder Bewertungen noch Entscheidungen! Eine Entscheidung, die auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beruht, ohne jegliche Art von Originalität, Risiko oder Neuem, was sich jeder in der Gruppe vorstellen kann und damit einverstanden ist, ist die beste Voraussetzung für Gruppendenken.

3. Fördern Sie Einzeldenken

Zusammenarbeit trägt vor allem zur Auseinandersetzung der unterschiedlichen Verständnissen und der verschiedenen Perspektiven bei. Sie entfesselt Ideen, die so nicht aus dem Kopf einzelner Personen entsprungen sein kann, und erhöht die Möglichkeiten, dass unter diesen Ideen die bahnbrechende dabei ist, um ein Vielfaches.

An dieser Stelle muss nun auch der Auftraggeber in die Pflicht genommen werden: Seine Aufgabe besteht in einem Innovationsprozess darin, dass er die entwickelten Ideen auch einfordern und sehen muss. Oft empfindet das Team bei einer solchen Vorstellung starke Beklemmungen: Sie wollen niemanden ihre Ideen zeigen. Vor allem erst nicht, wenn es sich um eine Idee mit dem größten Potential an Neuheit handelt oder sie besonders ausgefallen ist oder womöglich das Zeug hat, das Ruder wirklich umzureißen. Diese Einstellung ist sicher für die meisten von uns nachvollziehbar, aber nicht hilfreich. Deswegen braucht es dazu einen bestimmten Kniff:

Wir machen es bei unseren Innovationsprojekten so, dass wir nach der Ideenfindungsphase dazu aufrufen, dass jeder sich eine bestimmte Denkzeit gönnt, die er alleine oder mit mehreren Leuten verbringt und dabei eine Vorstellung eines Gesamtkonzeptes entwickelt. Selbst wenn die Lösung bereits in eine bestimmte Richtung entwickelt worden ist, ist es jetzt an der Zeit, dass jeder wieder bewusst durch seine eigene, spezielle Brille sieht und die Idee auf völlig andere Art und Weise weiterentwickelt. Oder er holt eine Idee wieder hervor, die vielleicht vorher von der Gruppe abgelehnt wurde und tüfftelt so lange dran weiter, bis sie für ihn rund ist.
Dann wird der Kunde dazugebeten und er muss sich jede einzelne Ausarbeitung genau ansehen und kommentieren. Bei unserer Arbeit erleben wir, dass dieser Schritt oft die wirklich bahnbrechenden und genialen Ideen ans Licht fördert.

Gruppendenken adé - es lebe die Zusammenarbeit!

Bei der kollaborativen Innovation ist weder das „Und“ noch das „Oder“ der Sieger, sondern es geht darum, sich mittels gemeinschaftlichen Denken gute Inputs zu holen. Bei funktionierendem Brainstorming ernährt sich das eine vom anderen und das Endergebnis ist wesentlich leistungsfähiger als jeder Ansatz allein.

Um also nicht in das gefürchtete Gruppendenken abzuschweifen, nutzen Sie die Brainstorming-Regeln, tasten Sie sich vorwärts und entwickeln Sie sich. Am Ende ist jede Innovation eine Überwindung von Hindernissen bei der Umsetzung von Ideen, nicht der Erzeugung. Und Sie haben eine viel größere Chance auf eine erfolgreiche Umsetzung, wenn Sie Menschen daran beteiligen Ideen zu entwickeln. Vermeiden Sie die „nicht hier erfunden“ Situation, in der Teams nur lauwarm bei der Umsetzung unterstützt werden. Menschen entwickeln eine enorme Leidenschaft bei der Umsetzung von Dingen, zu deren Entwicklung sie beigetragen haben!