Von Ingrid Gerstbach

Dr. Oliver Sacks, Neurologe und Bestseller-Autor, ist am 30.08.2015 im Alter von 82 Jahren an den Folgen eines Leberkrebs gestorben. Die Bücher dieses Mannes ("Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte") haben mich in eine faszinierende Welt geführt, in der Krankheitsfälle zu Menschen werden und der voller Empathie und Humor (manchmal auch Zynismus) immer wieder den Leser dazu führt, die eigene Normalität in Frage zu stellen.

Der medizinische Geschichtenerzähler

So erzählte er u.a. von einem Schriftsteller, der plötzlich die Fähigkeit verloren, zu lesen, was dieser natürlich zunächst als absolute Katastrophe erlebt. Denn was könnte für einen Schriftsteller noch schlimmeres passieren? Doch dann kamen verschiedene Dinge zu Hilfe und der Schriftsteller dachte, dass er auf geheimnisvolle Weise seine normale visuelle Fähigkeit wiederbekam. Dabei ist etwas anderes passiert: Er kopierte unbewusst die Formen von Buchstaben mit seiner Zunge und visualisierte sie vor seinem geistigen Auge. Menschen, die nicht mehr lesen können, sind aber nach wie vor in der Lage zu schreiben. Dadurch entstand bei ihm der Eindruck, er könne wieder sehen.

Durch seine Bücher hat Dr. Sacks versucht, ein Bewusstsein für die eigene Sicht der Realität zu schaffen und vor allem diese zu hinterfragen. Die meisten von uns lenken ihre Aufmerksamkeit auf Dinge, wenn sie nicht mehr funktionieren oder etwas schief läuft. Die wenigsten versuchen die Welt zu entdecken, wenn alles gut geht. Sehen, riechen und schmecken zu können, erleben wir erst dann nicht mehr als Selbstverständlichkeit, wenn eine dieser Fähigkeiten verloren geht. Dabei ist das Funktionieren dieser Fähigkeiten von über 40 Teilen des Gehirns abhängig. Wenn dann etwas schief läuft, fällt uns erst auf, wie wichtig und selbstverständlich dieser Teil für uns eigentlich ist.

Empathie und Neugierde als Motor

Als Sohn zweier Ärzte war sein beruflicher Weg praktisch vorgezeichnet. Sacks studierte an der Universität Oxford Medizin und wanderte mit 27 Jahren nach Amerika aus. Dort tauschte er täglich nach der Arbeit seine Arztuniform mit seiner Motorradkleidung aus und raste die Küste entlang (seinen eigenen Erzählungen nach, war das der Beginn seiner Freundschaft mit den Hell's Angels). Getrieben von der Sucht nach Sinn fand Sacks vermeintlichZuflucht in Drogen. Diese setzte aber nach einer leidenschaftlichen Diskussion mit zwei Freunden ab. Genauer gesagt dann, als er bemerkte, dass diese Freunde real nicht existierten.

Rückblickend wäre ihm aufgefallen, dass diese Art der Erfahrung ihn für seine Patienten sensibilisiert hatte, denn sie waren denen seiner Patienten wohl ähnlich. So erzählen Migräne-Patienten oft von geometrischen Mustern und Farben, die oft der Auftakt zu komplexeren Halluzinationen ausgelöst durch den Konsum von Medikamenten sein können.

Auch wenn ich diese Form Empathie zu erlernen als sehr fragwürdig sehe, zeigt diese Geschichte doch, dass manches Mal Dinge, die scheinbar in unserem Leben vollkommen schief gelaufen sind und die man rückblickend bereut, oft auch eine gute Seite haben können... und dass die Welt eben nicht nur schwarz und weiß ist.

Foto von http://www.oliversacks.com/about-oliver-sacks/

Foto von http://www.oliversacks.com/about-oliver-sacks/

Die Bücher von Oliver Sacks haben mir geholfen, weniger wertend und offener zu sein. Vor allem aber bin ich seit dem Lesen dieser Bücher ärtzlichen Expertenmeinungen skeptischer gegenüber und vertraue meinen eigenen Sinneseindrücke mehr ;)

Vielen Dank für Ihren wundervollen Nachlass, Dr. Sacks!