Von Ingrid Gerstbach

Design Thinking hat bereits einen langen Weg hinter sich und ist doch noch lange nicht angekommen. Ich wette, dass Sie bei 99% der Startups mindestens eine Person finden, die sich als Designer bezeichnet. Bereiche wie das Gesundheits- und Bildungswesen, selbst die Politik, haben damit begonnen, Prototypen zu durchlaufen. Sie alle setzen wieder auf den Ansatz, in dem der Mensch im Fokus steht.

An dieser Stelle wäre es ein Einfaches zu sagen, dass wir mit Design Thinking unser Ziel erreicht haben und es an der Zeit für etwas Neues ist. Nachdem Design Thinking eine Methode ist, mit deren Hilfe Sie die Wahrscheinlichkeit von Innovationen erhöhen, wäre es doch naheliegend, wenn die Methode sich dann auch selber neu erfinden würde, oder? In der Praxis finden Sie mit Design Thinking eine Reihe an tollen Methoden, Werkzeugen und Ideen, die niemals altmodisch werden, sondern mit denen Sie immer Entwicklung vorantreiben werden können. Und genau das ist es, was meiner Meinung nach nachhaltigen Wettbewerbsvorteil schafft: Es reicht nicht, wenn Unternehmen Praktiker sind, sie müssen Meister darin werden.

In meiner Beratungspraxis erlebe ich immer wieder Unternehmen, die verstanden haben, wie wichtig Design Thinking für die Unternehmenskultur und das Überleben in dieser Welt ist. Aber ich kann nur ganz wenige Beispiele im deutschsprachigen Raum nennen, die diese Kultur auch tatsächlich in ihrer Ganzheit leben. Es gibt ein breites Spektrum von agilen und iterativen Vorgehensweisen, die es dem Unternehmenssystem eigentlich ermöglichen, offen und transparent zu agieren und einfach alle Stakeholder zu beteiligen.

Unternehmen, die nicht auf diese nachhaltige Denkweise setzen, passiert es mitunter, dass Innovationen eher zufällig und nicht von langer Dauer sind. Kundenzufriedenheit und steigender Umsatz sind ein hehres Ziel, das nicht einfach zu erreichen ist. Ideen können schnell kopiert, aber nicht so einfach in ihrem Ursprung nachvollzogen werden. Echter Wettbewerbsvorteil fordert eine Lösung, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, auf elegante Art und Weise umzusetzen.

Ich selbst durfte vor etwas einem halben Jahr ein Unternehmen begleiten, dass seine Entwicklung rasant beschleunigt und die Unternehmensgröße fast verdoppelt hat. Dabei wurde vor allem der Fokus auf den Menschen und seine Erfahrungen gerichtet. Die Services wurden so aufgebaut, dass sie wieder echte Hilfestellungen für den Kunden darstellten. Dazu wurden die verschiedenen Abteilungen und deren Führungskräfte aufgefordert, sich ihren Aufgabe zu verschreiben, dem Kunden in erster Linie zu helfen und erst in zweiter Linie an den Umsatz zu denken. Dazu bekamen sie Unterstützung in Form von Ideen und Tipps, Methoden, die diese Denkweise förderten. Design Thinking wurde dort zu einer Art offener Austauschplattform bei Herausforderungen. Das galt aber nicht nur für das Außen, sondern auch die Mitarbeiter selber bewerteten, wie zufrieden sie mit der internen Unterstützung und der Unternehmenskultur an sich waren.

Ein Aufbau einer solchen Unternehmenskultur ist für mich die persönliche Herausforderung für das nächste Jahrzehnt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie Unternehmen auf allen Ebenen das Denkvermögen von Designern aufbauen und kreative Führung möglich machen können und wann es sinnvoll ist.

Wann immer ich selber mit einem komplexen Problem in meinem eignen Alltag konfrontiert werde, versuche ich bewusst mein analytisches Denken auszuschalten und das Ganze als Design Challenge zu betrachten. Aber diese Eigenschaft musste ich mir selber erst jahrelang antrainieren, bevor ich sie jetzt endlich unbewusst einsetzen kann. Die Übung macht den Meister - doch bis dahin ist es ein langer Weg.