Von Ingrid Gerstbach

Design Thinking ist ein Menschen-zentrierter Prozess, bei dem es vor allem darum geht, abgetrampelte Pfade zu verlassen und uns vom alten Denken und Arbeitsweisen zu verabschieden.

Dem Drang widerstehen, in Lösungen zu denken

Im ganzen Design Thinking Prozess kommt die Lösung erst nach dem Erleben und Verstehen der eigentlichen Sachlage. Noch bevor Sie in Umschulungen, Prozessdesigns, neue Strategien, Benutzeroberflächen, visuellen Designs denken, sind Sie bereits den halben Design Thinking Prozess durchlaufen. Das ist für viele, die gerade erst am Anfang bei der Methode stehen, der schwierigste Teil. Es dauert eine Zeit und erfordert laufende Übung und Disziplin, sich selber umzuschulen.

Diese Versuchung, sofort nach Lösungen zu suchen oder in Lösungen zu denken, begegnet mir bei wirklich jedem Projekt. Denn es ist uns von klein auf antrainiert worden und wird auch in unserem Erwachsenenalter weitergelebt. Menschen werden aufgrund ihrer Kompetenz und Erfahrung engagiert bzw. weil sie in bestimmten Fachgebieten wichtiges Know-how haben, das notwendig für die Arbeit und letztlich auch für das Lösen von Problemen ist.
Es ist also nur natürlich, dass auch Ihr Instinkt zu Beginn sofort erwacht und Lösungen parat hält. Viele werden sogar nervös, wenn wir in einem Design Thinking Prozess nicht sofort zu den Details der Implementierung springen. Sie wollen dieses Problem zu lösen - und zwar jetzt!

Doch anstatt das Problem mit der erstbesten Lösung zu versorgen, ist es sinnvoll, einen Schritt zurückzutreten und ausgehend von den Bedürfnissen der Benutzer sich im Design Thinking Prozess weiter fortzubewegen, um das Problem überhaupt in seiner Ganzheit zu erfassen. Die Erkenntnisse, die in diesem Abschnitt sichtbar werden, führen oft zu einer Neudefinition des ursprünglichen Problems. Das bedeutet wiederum, dass die Umsetzung nach dem Prototyping und den diversen Tests oftmals eine ganz andere sein wird, wenn Sie zunächst das Problem in seiner Vielfalt analysiert haben, als wenn Sie gleich die erstbeste Lösung umsetzen.

Stoppen Sie, bevor es perfekt ist!

Im Design Thinking entwickeln wir grobe, unperfekte, häßliche und unpräzise Prototypen, die wir dann - so wie sie sind - gleich in die Testphase schicken. Ein Prototyp soll also gar nicht gut, „richtig“ oder perfekt sein. Denn unsere Instinkte zusammen mit unserer umfangreichen Ausbildung und die wichtigen Feedbacks helfen uns, dass am Ende der Service oder Prozess wirklich verdammt gut und nicht einfach nur gut wird.

Ein Projekt in der Vergangenheit führte mich zur Zusammenarbeit mit den besten Grafikern des Landes für einen neuen Werbespot. Die größte Herausforderung dabei war, dass die neuen Ansätze und Konzeptualisierungen zunächst als Prototyp generiert wurden. Das Team musste also ganz grob einen Prototyp für die diversen Feedbackeinholungen entwickeln und so zum Beispiel statt dem wirklichen Inhalt Platzhalter einfügen. Das war gar nicht so einfach. Vor allem musste ich sie mehrfach daran erinnern, dass es war wirklich, wirklich in Ordnung ist, wenn der Prototyp, in dem Fall ein kurzes Video, nicht 100% fertig und in all seinen Einzelheiten geprüft war, um die Zielgruppe nach deren Meinung zu fragen.

Sobald ich sie aber daran erinnerte, war es, als hätte ich sie von einer immensen Last befreit. Trotz fehlender Perfektion bekamen sie reichlich gutes Feedback und nicht eine einzige Person beschwerte sich, dass nicht alles fertig und vollständig war.


Jeder, der bereits einmal versucht hat Veränderungen innerhalb eines Unternehmens zu bewirken, weiß, wie schnell wir alle in alte Gewohnheiten zurückfallen, gerade wenn die Zeit drängt oder besonders viel Stress herrscht. Deswegen erfordert die Umschulung, Probleme neu zu denken, anhaltendes Engagement. Aber Sie werden sehen: Es lohnt sich.