Von Ingrid Gerstbach

Viele Menschen glauben, dass die besten Erfindungen der Geschichte aufgrund von Zufällen passiert sind. Eigentlich logisch in Anbetracht dessen, dass Menschen diese Art von Geschichten gerne erzählt bekommen und weiter erzählen: Sie sind meistens witzig, erklären die Welt auf einfache Art und Weise und machen Hoffnung, dass in jedem von uns ein kleines Genie schlummert, das nur noch nicht den richtigen Augenblick erlebt hat. Unabhängig davon, wie irreführend diese Geschichten tatsächlich sind, existieren sie wohl schon so lange, so lange es auch Menschen gibt.

Die Mikrowelle, die Röntgenstrahlen, das Sicherheitsglas - viele Dinge des Alltags werden als pure „Zufälle“ abgetan. Dabei wird vergessen, dass Experten hinter all diesen Zufällen und scheinbaren Missgeschicken stecken, die sich mit Haut und Haar einer Sache verschrieben haben und oft Jahrzehnte harte Arbeit hinter sich haben. Das, was dann gemeinhin als Zufall tituliert wird, sind aber tatsächlich Begegnungen im Alltag, die jemand akribisch genau untersucht hat. Diese Akribie und Liebe fürs Detail begleitet aber nicht jeden von uns -  viel eher plagen sich die meisten von uns jahrelang, tagaus tagein, mit denselben Dingen herum, anstatt zu überlegen, wie wir etwas zum Besseren wenden könnten. Neugierig über die eigenen Fehler zu sein, ist dabei eine weitaus interessanter Haltung. Oder finden Sie nicht?

Mythos: Innovation als Produkt des Zufalls

Ein hartnäckiger Mythos über Innovation und Kreativität besagt, dass Kreativität nichts weiter als ein Zufall wäre. Dabei ist es egal, ob dieser Zufall in Form des berühmten Kusses der Muse kommt, die jemanden ausgewählt hat, oder eine Art Anziehungskraft, die den Erfinder quasi gezwungen hat, irgendwo genau hinzusehen.

Wir alle sind aber Opfer solcher Zufälle - die wenigsten von uns schauen aber genauer hin. Newton dient nur als ein Beispiel: Er beobachtete nichts weiter als einen Apfel beim Fallen - ein gewöhnliches Ereignis, das Menschen auf der ganzen Welt tagtäglich nach wie vor sehen können. Und doch dient diese Erzählung als ein hervorragendes Beispiel, wie irreführend solche Geschichten sein können. In Wahrheit dauerte es Jahre und bedeutete viele Fehlschläge, bis die Schwerkraft anhand von mathematischen Berechnungen wirklich beschrieben werden konnte.

Von Mikrowellen und Röntgenstrahlen

Die Mikrowelle, eine Erfindung aus dem Jahr 1945 von Percy Spencer, wurde aufgrund eines Schokoriegels entdeckt. Dieser Ingenieur hatte diese Süßigkeit in seiner Tasche. Als er danach greifen wollte, bemerkte er, dass der Schokoriegel geschmolzen war. Spencer befand sich in der Nähe von Radaranlagen - das erweckte seine Neugierde. Vielen von uns wäre das nicht weiter aufgefallen oder hätten zumindest nicht weiter überlegt. Spencer jedoch entschied sich für eine Reihe isolierter Experimente, die als Ergebnis die Entdeckung der Mikrowellen präsentierte. Allerdings dauerte es weitere 20 Jahre, bis diese Technologie weit genug entwickelt war, um in unsere Haushalte einziehen zu können.

Wilhelm Röntgen arbeite bereits Jahre zuvor verbissen an den Effekten von einem Bündel an Elektrostrahlungen, so genannte Kathodenstrahlen, bevor er 1895 tatsächlich die Röntgenstrahlen entdeckte. Während eines Experiments bemerkte er, dass die Kristalle unerwartet zum Glühen begonnen haben. Das machte ihn neugierig und er untersuchte diese Lichtstrahlen genauer.

Sicherheitsglas: 1903 hatte der Wissenschaftler Edouard Benedictus einen Unfall in seinem Labor: Er ließ einen Kolben auf Glas fallen. Zu seiner Verwunderung brach das Glas nicht. Die Frage nach dem Warum ließ ihn nicht los. Nach etlichen Arbeitsstunden wies er beim Glas einen Rest Zellulosenitrat nach, das eine Art Schutzschicht schaffte. Es hat danach mehr als ein Jahrzehnt gedauert, bis dieses Sicherheitsglas auch tatsächlich kommerziell verwendet werden konnte.

Was meinen Sie: Wie viele dieser Zufälle bei ähnlich talentierte und motivierte Menschen führen trotzdem in eine Sackgassen? Wir alle lieben Geschichten, die uns glauben machen, dass eine Mehrheit der Erfolgsstories im Grunde nichts weiter als Zufall besonders beglückter Menschen sind. Wir ignorieren dabei nur, wie viele Zufälle, Unfälle und Fehlversuche zu absolut nichts geführt haben oder einfach bis dato ignoriert wurden.

Innovation = harte Arbeit + Neugierde

Der wesentlichste Nenner, in all diesen Geschichten von kreativen Erfindungen, ist harte Arbeit und Neugierde. Egal, wie brillant die Idee von Anfang an zu sein scheint, es wird immer eine Menge weiterer Arbeit erforderlich sein, um Entdeckungen so weit zu bringen, dass sie für den Rest der Welt zugänglich werden.

Wir brauchen Menschen, die Ideen nachjagen, die sich vielleicht als Irrläufer entpuppen. Menschen, die trotzdem nicht aufgeben, weil sie von einer Idee besessen sind. Es gibt keinen anderen Weg Erkenntnisse zu verfolgen ohne Einsichten zu erlangen. Das Unbekannte kann nicht vorhergesagt werden. Kreativität ist ein Akt der Entdeckung auf der Straße der Neuheit.

Neugierde ist ein viel besseres Konzept, als auf den unverlässlichen Faktor Zufall zu setzen. Diese Eigenschaft ist auch weitaus nützlicher, denn Menschen, die wirklich von Neugierde gepackt worden sind, müssen die Fragen in ihrem Kopf auch tatsächlich beantwortet wissen, sind bereit, aus Fehlern zu lernen und es dennoch immer wieder zu versuchen - bis es irgendwann einmal klappt.

Zwei Fragen zum Schluss

Wenn Sie also in nächster Zeit wieder mal über eine Geschichte wie Newtons Apfel stoßen, fragen Sie sich bitte:

  1. Wie viel Arbeit und Fachwissen hatte diese Person bereits im Vorfeld damit?
     
  2. Wäre es Ihnen wert, Zeit/Geld/Anerkennung zu opfern, um vielleicht eines Tages eine ähnliche Entdeckung zu machen?

Diese zwei Fragen sind es, die uns zwingen genauer hinzusehen und Kreativität und Innovation als das zu entlarven, was sie sind: Arbeit und Hingabe.