Von Ingrid Gerstbach

Die schlechte Nachricht zuerst: Wenn Sie wirklich aus Fehlern lernen wollen, müssen Sie sich zuerst selbst (und dem Rest des Universums) eingestehen, dass Sie überhaupt einen Fehler gemacht haben. Sobald Sie damit beginnen, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, entfernen Sie sich unweigerlich von jeder Lernmöglichkeit.
Aber - und das ist die gute Nachricht: Wenn Sie mutig dazu stehen und ehrlich sagen: „Das ist mein Fehler und ich bin dafür verantwortlich“, dann können Sie wirklich etwas lernen und sich in die richtige Richtung bewegen. Einen Fehler zuzugeben, auch wenn es "nur" sich selbst gegenüber ist, ermöglicht Lernen. Der Fokus bewegt sich dann weg von der Schuld hin zum Verstehen. Und das ermöglicht letztlich wahren Fortschritt und Wachstum.

Herausforderungen brauchen Fehler, um zu lernen und schneller zu wachsen

Dieser Rat steht nun im teilweisen krassen Widerspruch zu unserem täglichen Dasein. Denn viele Kulturen leben vielmehr, dass Fehler und Versagen schändliche Dinge sind. Bereits in frühester Kindheit lernen wir, dass wir uns schuldig und schlecht zu fühlen haben, wenn wir scheitern oder gar Fehler begehen. Das Schamgefühl, das unausweichlich bei Fehlern eintrifft, erklärt die Riesenangst vor Zielen, die mit etwaigen Rückschlägen verbunden sein könnten.
Viele Menschen beginnen verständlicherweise als Folge dann damit ihre Ziele aufzugeben, nur weil sie Angst vor möglichen Fehlern haben. Die Sache hat aber einen Haken: Je größer die Ziele sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass Fehler passiere. Um erfolgreich zu sein, müssen wir also Herausforderungen begegnen.

Fehler machen = selber Fehler sein?

Nun ist es, zugegebenermaßen, wirklich schwierig, zu seinen eigenen Fehlern zu stehen. Fehler zu machen ist gleichgesetzt mit selber ein Fehler zu sein. Überall und ständig werden wir bewertet und bewerten wir selber. Für viele wird die Welt dann zu einem beängstigenden Ort, wo Fehler nur lauern und es der reinste Eiertanz ist, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen und keine Regeln zu brechen. Das bedeutet aber auch, dass wir niemals wagen, möglichen Risiken zu begegnen, um Dinge, die uns am Herzen liegen, zu erreichen.

Aus Fehlern zu lernen erfordert drei Dinge:

1. Sie müssen sich in Situationen begegnen, in denen Sie Fehler machen werden.
2. Sie brauchen das Selbstvertrauen, Fehler zugeben zu können.
3. Sie treten Veränderungen mutig entgegen.

Eine Anleitung: Untersuchen Sie den Fehler genau

Professionelle Ermittler wie Journalisten, Kriminalbeamte und Ärzte suchen bewusst nach so viele Perspektiven wie möglich auf ein und dieselbe Situation: So befragen Journalisten verschiedene Experten, Polizisten erwägen unterschiedliche Szenarien, Ärzte testen und untersuchen -  bevor sie Maßnahmen ergreifen. Warum? Weil sie wissen, dass die menschliche Wahrnehmung, einschließlich der eigenen, höchst fehlbar ist und dass diese Wahrnehmung von vielen Faktoren abhängt. Die einzige Möglichkeit, eine objektives Verständnis zu bekommen, liegt im Vergleich. Versuchen Sie deswegen Fehler in verschiedenen, komplexen Situationen zu verstehen:

  • Diagnose: Beginnen Sie damit jemanden zu finden, mit dem Sie darüber reden können, was passiert ist. Vielleicht finden Sie jemanden, von dem Sie wissen, dass er oder sie eine ähnliche Erfahrung bereits einmal gemacht hat und das Problem kennt.
     
  • Abfolge der Ereignisse: Zählen Sie klar, deutlich und chronologisch penibel sortiert die Fakten auf. Dabei können Sie Fragen stellen, die wichtige Details an die Oberfläche bringen, die Sie vielleicht vorher nicht bemerkt haben.
     
  • Holen Sie verschiedene Meinungen ein: Wenn mehrere Personen beteiligt waren (sagen wir, Ihre Mitarbeiter), lohnt es sich, wenn Sie sich jede Perspektive anhören. Jede Person wird verschiedene Aspekte aufwerfen - basierend auf den jeweiligen Fähigkeiten und Neigungen - die die Situation und Umstände in einem jeweils anderem Licht erscheinen lassen. So bekommen Sie eine vollständige Sicht auf das, was stattgefunden hat.
    Wenn die Situation umstritten ist, lohnt es sich noch mehr, nachzubohren und nicht locker zu lassen. Ermittler verlassen sich schließlich auch nicht auf nur einen Augenzeugen. Später zeigt sich dann, was passt und was nicht.
     
  • Bitten Sie unbeteiligte Dritte um deren Sicht: Je komplexer die Fehler, desto weiter werden Sie bohren müssen und desto vorsichtiger und aufgeschlossener müssen Sie bei Ihren Untersuchungen sein. Oft lohnt es sich, einen objektiven Außenseiter miteinzubringen, der die Dinge neu sortiert. Als Verdächtiger in einem Verbrechen würden Sie wohl auch nicht selbst die Ermittlungen führen, oder? Können Sie sich dann wirklich selbst bei der Untersuchung Ihrer eigenen Fehler vertrauen?

Fragen zur effektiven Fehler-Untersuchung

  • Welche (chronologische) Abfolge hatten die Ereignisse?
  • Waren es mehrere, kleine Fehler, die zu einem größeren geführt haben?
  • Gab es irgendwelche Vorannahmen, die vielleicht so nicht ganz korrekt waren?
  • Haben Sie den Fokus behalten? Waren Sie wirklich dem richtigen Problem auf der Spur?
  • Gab es Informationen, die Sie jetzt haben, die aber bereits vorher nützlich gewesen wären?
  • Was würden Sie anders machen, wenn Sie wieder in genau dieser Situation wären?
  • Wie können Sie eine solche Situation vermeiden?
  • Mussten Sie diesen Fehler vielleicht machen, um etwas Neues zu erfahren?

Das einzige, was immer hilft: Humor und Mut, den Dingen ins Auge zu schauen

Keine noch so gute Analyse ersetzt das Vertrauen in sich selbst. Wenn Sie habe einen Fehler gemacht haben, der womöglich Auswirkungen auf andere Menschen hatte, ist es wichtig, zu hinterfragen, warum etwas passiert ist. Aber: zerfleischen Sie sich nicht selbst und lassen Sie keine Zweifel über sich als Person aufkommen.

Das Beste, was Sie in einer solchen Situation tun können, ist:

1. die Vergangenheit zu studieren und zurück ins Jetzt zu kommen.
2. Erweitern Sie Ihre Perspektive, indem Sie die Situation reflektieren.
3. Überlegen Sie, wie andere in einer ähnlichen Lage gleiche oder größere Fehler als Sie gemacht haben und wie diese damit umgegangen sind.

Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit mit der eigenen Fehlbarkeit umzugehen: nämlich der eigene Sinn für Humor. Vielleicht dauert es ein paar Tage dauern, aber irgendwann werden Sie beim Gedanken an das Geschehene lachen oder zumindest schmunzeln können. Wenn es dann soweit ist, dann wissen Sie, dass Sie die Vergangenheit akzeptiert haben und sich nicht mehr aufgrund eines einzigen Ereignisses beurteilen. Und das ist wiederum wichtig, um in Zukunft ähnliche Fehler zu vermeiden.

Die wichtigste Erkenntnis in all dem ist, dass Fehler für unser Lernen und Wachstum unabkömmlich sind. Fortschritt ist eben kein gerader Weg, sondern wir bewegen uns ins Schlagenlinien, über Abzweigungen und Umwege weiter. Fehler helfen uns dabei, die richtigen Wege zu wählen und das wahre Ziel zu erreichen, indem wir kurz stehen bleiben, reflektieren und hinterfragen.

Eine kurze Checkliste: Lernen aus Fehlern

  • Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Handeln - erst das macht Lernen möglich.
  • Sie als Person sind niemals ein Fehler, nur weil Sie einmal einen Fehler gemacht haben!
  • Sie können die Vergangenheit nicht rückgängig machen, aber Sie haben Einfluss auf die Art und Weise, wie Sie damit umgehen.
  • Wachstum beginnt bereits dann, wenn Sie Raum für Verbesserungen erahnen.
  • Fragen Sie sich danach, warum etwas passiert ist und welche Auslöser es gab.
  • Überlegen Sie, ob Änderungen erforderlich sind, um diesen oder ähnliche Fehler zu vermeiden.
  • Denken Sie daran: Die nächste Situation wird niemals ein und diesselbe sein wie die vorherige.