Von Ingrid Gerstbach

Es gibt ein untrügliches Zeichen, das Ihnen sofort verrät, ob ein Begriff gerade Opfer eines Hypes und so von Missbrauch bedroht ist: Achten Sie, wie oft wer wann in welchem Kontext es einsetzt. Achten Sie einmal darauf: Wird ein bestimmter Begriff verdächtig häufig gebraucht, trifft meistens eine der folgenden Aussagen zu: Die Person, die es verwendet, ist sich der wahren Bedeutung entweder gar nicht bewusst, oder der- oder diejenige hat einfach nichts zu sagen. In beiden Fällen sind Sie gefordert, einzugreifen und richtig zu stellen - vorausgesetzt natürlich, Sie selber sind in Besitz der Kenntnis über die eigentliche Bedeutung.

Der Hype um das Wort Innovation

So passiert es momentan dem Begriff Innovation, dass anstatt zu sagen „wir sind intelligent“, „wir sind gut“ oder „wir sind bereit, neue Ideen auszuprobieren“, lieber "wir sind innovativ" oder "unser Unternehmen setzt sich gerade intensiv mit Innovation auseinander" verwendet wird. Innovation ist eben gerade in aller Munde.

Was meinen Sie, was Innovation eigentlich ist? In Wikipedia finden Sie unter Innovation folgenden Eintrag:

Innovation heißt wörtlich „Neuerung“ oder „Erneuerung“ (...) In der Umgangssprache wird der Begriff im Sinne von neuen Ideen und Erfindungen und für deren wirtschaftliche Umsetzung verwendet. Im engeren Sinne resultieren Innovationen erst dann aus Ideen, wenn diese in neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren umgesetzt werden, die tatsächlich erfolgreiche Anwendung finden und den Markt durchdringen.

Der Duden definiert Innovation wie folgt:

(Soziologie) geplante und kontrollierte Veränderung, Neuerung in einem sozialen System durch Anwendung neuer Ideen und Techniken
(bildungssprachlich) Einführung von etwas Neuem; Neuerung; Reform
(Wirtschaft) Realisierung einer neuartigen, fortschrittlichen Lösung für ein bestimmtes Problem, besonders die Einführung eines neuen Produkts oder die Anwendung eines neuen Verfahrens
(Botanik) (bei ausdauernden Pflanzen) jährliche Erneuerung eines Teiles des Sprosssystems

 

Nun sind Sie bereit, bei Wortmissbrauch ganz einfach selbst einzugreifen:

  • Werden Sie lästig: Lassen Sie niemals jemanden in egal welchem Gespräch das Wort fallen ohne gleich nachzuhaken: „Was genau meinst du mit Innovation?“. Wenn Ihnen als Zuhörer nicht klar ist, was er oder sie eigentlich damit ausdrücken und Ihnen zu verstehen geben will, stehen die Chancen gut, dass auch der Sprecher nicht den leisesten Schimmer davon hat.
     
  • Wählen Sie Ihre Bedeutung: Innovation wird meistens als Synonym benutzt. Oft steht es für "etwas Neues", "etwas Besseres", "etwas Neues und Besseres", oder "etwas, das gewinnen wird". Wenn für Sie eine dieser Bedeutungen als Synonym zutrifft, dann sagen Sie das auch. Nennen Sie das Kind beim Namen und verwenden Sie keine zweideutigen Umschreibungen. Und für den Fall, dass Sie sich selbst nicht sicher sind, was genau Sie eigentlich damit ausdrücken wollen - sagen Sie das einfach.
     
  • Vermeiden Sie Wortkreationen: Sobald jemand mit Bindestrichen und seltsamen (und semantisch fragwürdigen) Wortzusammenführungen um sich wirft, stimmt etwas nicht. Innovation ist ein Wort, das für sich so stark ist, dass es ohne weiteres alleine stehen kann. Das gilt auch für die Beiwörter inkrementell oder disurptiv bzw. Disruption. Inkrementelle Innovation ist eine Verbesserung, während eine disruptive Innovation eine sehr große Veränderung bedeutet. Verwirren Sie Ihre Zuhörer nicht unnötig, indem Sie für ein und dasselbe Wort verschiedene Bedeutungen verwenden.
     
  • Halten Sie die großen Erfinder in Ehren: Früher gab es keine große Innovation aufgrund von Schritt-für-Schritt-Anleitungen in Form von Büchern oder How-to Manuals. Historische Erfinder wie Tesla, Edison, Da Vinci, die Brüder Wright haben innoviert - ganz ohne ständig von nichts anderem zu sprechen. Sie alle hatten keine Innovationspipeline oder Innovationsinfrastruktur, um den perfekten Computer oder einen funktionierenden Wechselsstrommotor zu erfinden. Es geht vielmehr darum, sich mit Haut und Haar einer Sache zu verschreiben - und nicht um irgendetwas zu erfinden. Arbeiten Sie lieber an Ihrer Idee, als nur darüber zu sprechen.
     
  • Bitten Sie um Beweise: Der schnellste Weg, um herauszufinden, was jemand mit Innovation meint, ist, wenn Sie ihn oder sie nach Fakten bitten. Lassen Sie sich zeigen, woran diese Menschen gerade arbeiten und Sie erkennen von selbst, welche Bedeutung Innovation für denjenigen wirklich hat.

Bei all diesen Empfehlungen sollen Sie nicht als Besserwisser brillieren, sondern Ihre Neugierde stillen, was Ihr Gegenüber Ihnen sagen will. Zum Wohle echten Verständnisses und der besseren Kommunikation.