Von Ingrid Gerstbach

Unternehmen von heute haben es wahrlich nicht einfach: Sie sollen profitable Produkte, Dienstleistungen oder Services entwickeln, die die Kunden lieben, interessant für Mitarbeiter sein und nebenbei noch den Wettbewerb im Auge behalten. Und das alles in einer Zeit, die geprägt ist von Komplexität und technologischem Wandel. Keine leichte Aufgabe. Und kein Wunder, dass Faktoren wie Kreativität selten zum Zug kommen. Dabei sind genau diese Dinge wie Kreativität, Offenheit für Neues, flexibles Denken so wichtige Elemente, wenn es darum geht, in dieser Welt zu bestehen.

Bei all den Unternehmen, die ich in den letzten Jahren begleitet habe, bin ich mir sicher, dass es nicht am Management lag, dass Kreativität im Alltag nicht gelebt wurde. Gute Manager wissen, dass der meiste Gewinn durch neue und nützliche Ideen generiert wird. Vielmehr musste Kreativität unbeabsichtigt geopfert werden. Auslöser ist die meist starre Arbeitsumgebung, die den Fokus auf Maximierung von Produktivität und Kontrolle legt und so keinen Platz für neue Ideen lässt.

Manager dürfen natürlich nicht die täglichen Anforderungen an das Unternehmen ignorieren. Nur hat die Erfahrung mich andererseits auch gelehrt, dass Unternehmen meist so aufgestellt sind, dass Kreativität systematisch von vornherein zerstört wird. Ich glaube aber fest daran, dass es möglich ist Unternehmen so aufzubauen, dass einerseits die Anforderungen getroffen werden können und andererseits Luft und Raum für Kreativität bleibt, damit diese gedeihen kann. Dafür ist es aber notwendig zu verstehen, was Gift für Kreativität ist und was Dünger.

Was bedeutet Kreativität im Unternehmenskontext?

Die meisten Menschen setzen Kreativität mit Kunst, Malen, Basteln, Originellem, dem Kuss der Muse etc. gleich. Nun reicht es in der Wirtschaft nicht, eine Idee zu haben, die anders ist. Sie muss zumindest noch dazu technologisch umsetzbar und wirtschaftlich sinnvoll sein. Sie muss die Art und Weise beeinflussen, wie Ihr Unternehmen läuft. Entweder indem Sie ein Produkt verbessern oder neue Wege finden, um Prozesse zu fördern.

Wo finden Sie Kreativität in Ihrem Unternehmen?

Die wenigsten vermuten Kreativität in Abteilungen wie der Buchhaltungsabteilung oder dem Controlling. Wenn Sie wie die meisten Menschen ticken, vermuten Sie wahrscheinlich diese Art des Denkens und Handelns in der Marketingabteilung. Oder? Vielmehr ist aber Kreativität eine wichtige Fähigkeit, die in Wahrheit in jeder Abteilung und jeder Funktion im Unternehmen Platz finden sollte.

Kreativität in der Buchhaltung - wie klingt das denn?! Stellen Sie sich das mal vor: Prozesse und Abläufe, die funktionieren, werden plötzlich auf den Kopf gestellt oder gar gesetzliche Bestimmungen umgangen, weil gerade jemanden einen kreativen Einfall hat! Keine Frage, das wäre problematisch. Aber merken Sie, dass diese Angst daher kommt, wie Sie Kreativität als Begriff definieren? Für viele bezieht sich das Wort auf die Art und Weise, wie Menschen denken und handeln, wie sie Probleme lösen. Kreatives Denken ist fraglos ein wichtiger Teil der Kreativität, aber es gibt noch weitere Aspekte, die wichtig sind und die oft vergessen werden: Expertise und Motivation.

Kreativität = Kreatives Denken + Expertise + Motivation

Kreatives Denken hängt davon ab, wie eine Person denkt und handelt. Manch einer fühlt sich kreativ, wenn er oder sie den Status Quo hinterfragt und versucht, Lösungen zu finden, indem ausgetrampelte Pfade verlassen werden. Dabei kann es auch zur Kreativität gehören, wenn Sie Ihr Wissen ausweiten.

Expertise umfasst alles, was ein Mensch weiß und macht. Nehmen wir zum Beispiel einen Produktmanager, der sich mit der Entwicklung eines neuen Produktes auseinandersetzt. Seine Expertise umfasst vermutlich sein Talent, den Markt und die Menschen genau zu kennen, aber auch die wirtschaftliche Seite gut miteinzubeziehen. Im Grunde ist es nicht wichtig, wie er zu diesem Know-how gekommen ist - ob er es durch eine Ausbildung erworben oder sich im Laufe der Jahre selbst angeeignet hat. Hauptsache, dieses Wissen ist vorhanden.

Lassen Sie uns zu den Begriffen Expertise und kreatives Denken noch einen dritten Begriff hinzugeben: Motivation. Im Grunde gibt es zwei Arten der Motivation: extrinsische und intrinsische. Extrinsische Motivation kommt von außerhalb einer Person (die berühmte Karotte, die vor dem Esel gehängt wird, damit er schneller geht). Wenn Sie versuchen, Ihre Mitarbeiter durch Geld zu belohnen, werden Sie vermutlich eine Lösung bekommen. Aber wahrscheinlich eine, die eher praktischer und weniger kreativer Natur sein wird. In vielen Situationen hilft diese Art der Motivation oft nicht weiter. Es hinterlässt bei den Menschen ein Gefühl, dass sie bestochen oder gesteuert werden. Und vor allem: Geld macht Menschen nicht leidenschaftlich. Geld schafft es sicherlich, uninteressante Arbeit in interessante zu verwandeln. Aber trotzdem zündet es die Menschen oft nicht an.
Leidenschaft ist der brennende, innere Wunsch, etwas zu tun, es ist eine Art der intrinsische Motivation. Viele erleben dieses Feuer dann, wenn sie sich persönlich herausgefordert fühlen ein spezielles Problem zu lösen - weil sonst niemand anderer das könnte. Die Arbeit selbst ist dann motivierend. Und das ist es, was Menschen kreativ sein lässt: Wenn sie sich durch Interesse, Zufriedenheit und Herausforderung an der Arbeit selbst motiviert fühlen — nicht durch Druck von Außen.

Fazit

Kreativität zu sein erfordert, dass Unternehmen radikal die Art und Weise ändern, wie sie Arbeitsgruppen aufbauen und wie innerhalb dieser interagiert wird. In vielerlei Hinsicht geht es darum, bewusst eine Kultur zu verändern.

Die Risiken nicht kreativ zu sein, sind verheerend. Wenn ein Unternehmen seine kreative Seite nicht lebt, verliert es eine wichtige Waffe im Wettbewerb: neue Ideen. Auch verlieren die Menschen dadurch viel zu viel Energie und Engagement.

Selbst wenn Unternehmen in einem organisatorischen Ökosysteme gefangen zu sein scheint, ist es immer noch möglich, Veränderungen intern anzustoßen. Die Liste, wie sie das machen können, gebe ich Ihnen im nächsten Blogbeitrag. Aber bevor ich Ihnen diese zeige, fragen Sie sich einmal: Wohin steuert Ihr Unternehmen zu, wenn Sie weiterhin nicht kreativ agieren?