Von Ingrid Gerstbach

In diesen Tagen gibt es kaum eine Firma, die nicht weiß, wie wichtig Kreativität für das unternehmerische Überleben ist. Und doch: Trotz all der Aufmerksamkeit auf Kreativität in den letzten Jahren, haben die wenigsten Unternehmen einen Plan oder eine genaue Vorstellung davon, wie sie Kreativität im Alltag umsetzen können. Woher kommen bloß all die Ideen? Welche Arbeitsumgebung hilft der Kreativität beim Gedeihen? Was können Manager dazu tun, um Kreativität zu fördern?

In meiner Tätigkeit als Unternehmensberaterin mit dem Fokus auf Innovation stoße ich immer wieder auf verschiedene Mythen in Bezug auf Kreativität. Eines haben alle Mythen gemeinsam und sollten deswegen immer hinterfragt werden: Viele Behauptungen lassen uns in falscher Sicherheit wiegen, andere beunruhigen uns wiederum vollkommen unnötig und einige sind sogar gefährlich. Welches das in Bezug auf Kreativität sind, lesen Sie hier:

Mythos Nummer 1: Kreativität ist ortsabhängig

Wo in Ihrem Unternehmen lokalisieren Sie die kreativsten Menschen? Kommt Ihnen auch sofort die Marketing-Abteilung oder die Produktentwicklung in den Sinn? Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie an diese Abteilungen denken, liegt um ein Vielfaches höher, als dass Sie an die Leute aus der Buchhaltung oder dem Controlling denken. Oder? Die wenigsten, mit denen ich gesprochen habe, können (bzw. wollen) sich eine kreative Buchhaltung oder eine kreative Verwaltung vorstellen. Warum eigentlich? Wenn Sie Kreativität nur an den typischen Orten suchen, entgehen Ihnen haufenweise neue und gute Ideen! In Wahrheit ist jeder Mensch, der eine gewisse Intelligenz besitzt, in der Lage, kreativ zu arbeiten. Kreativität ist abhängig von einer Reihe an verschiedenen Dingen: 1. Ihrer Erfahrung, 2. einem gewissen Potential, anders zu denken und 3. Motivation. Die meisten Menschen schöpfen einfach deswegen nicht ihr gesamtes kreatives Potential aus, weil sie sich nicht durch die Umgebung gefördert fühlen. Dadurch fehlt vor allem intrinsische Motivation, wie ich in meinem letzten Beitrag beschrieben habe.

Mythos Nummer 2: Der beste Motivator für Kreativität ist Geld

Sowohl meine eigenen Beobachtungen als auch die experimentelle Forschung zeigen immer wieder, dass gerade in Sachen Kreativität Geld nicht alles ist. In Situationen, in denen Menschen durch ihre Handlungen ihr Gehalt beeinflussen können (wie durch Bonis oder Provisionen), reagieren diese zwar deutlich risikoaverser: Natürlich ist es wichtig, dass Menschen das Gefühl haben, fair bezahlt zu werden. Aber trotzdem spielt vor allem das Arbeitsumfeld eine entscheidende Bedeutung in Sachen Kreativität. Menschen, die Möglichkeit bekommen, sich in ihrer Arbeit zu engagieren und Fortschritte zu sehen, sind deutlich glücklicher und kreativer. Deswegen ist es so wichtig, dass Manager ihren Mitarbeitern möglichst die Aufgaben zuteilen, die sie wirklich interessieren und nicht nur die, die zu ihren Erfahrungen passen. Menschen sind dann kreativ, wenn sie ihre Fähigkeiten ausschöpfen können. Aber Achtung: Das richtige Gleichgewicht zu finden, ist die Crux: Liegt nämlich eine Herausforderung weit über dem eigenen Können, deprimiert das nur. Ist eine Arbeit allerdings tief unter dem eigenen Niveau, langweilen sich Menschen schnell.

Mythos Nummer 3: Zeitdruck fördert Kreativität.

Im Gegenteil: Extremer Druck behindert Kreativität, weil die Möglichkeit fehlt, sich intensiv mit einem Thema auseinander zu setzen und Ideen gedeihen zu lassen. Aber nicht nur das: Der Zeitdruck arbeitet in uns Menschen weiter: Selbst zwei Tage nach einer Deadline fühlen sich Mitarbeiter weniger produktiv als gewöhnlich. Zwar ist eine gewisse Zeitspanne vorzugeben oft sinnvoll, aber sie sollte nicht zu knapp bemessen sein. Kreativität ist kein Blitz, der einschlägt, sondern ein Prozess, der reifen muss.

Mythos Nummer 4: Angst fördert Geistesblitze.

Not macht erfinderisch, lautet ein altes Sprichwort. In Punkto Kreativität ist dieser Ausspruch allerdings nicht wirklich richtig. Vielmehr blockiert Angst unser Denken. Kreativität wird mit positiven Gefühlen wie Freude und Liebe assoziiert - nicht mit negativen wie Wut, Angst und Zorn verbunden. Wenn Menschen von ihrer Arbeit begeistert sind, stehen die Chancen viel besser, dass sie tolle, kreative Idee oder Lösung finden, als wenn sie bedrückt und sorgenvoll über ein Problem brüten.

Mythos Nummer 5: Wettbewerb belebt den Geist

Hand aufs Herz: Finden Sie nicht auch, dass Wettbewerb gut für das Geschäft ist und eigentlich erst den richtigen Schwung reinbringt? In Sachen Kreativität ist aber das Gegenteil der Fall: Interner Konkurrenzdruck hemmt Innovation. Vor allem dann, wenn Teams untereinander konkurrieren anstatt zusammenzuarbeiten. Die kreativsten Teams sind diejenigen, die das Vertrauen haben, zu teilen und Ideen gemeinsam zu diskutieren. Aber wenn die Leute um Anerkennung konkurrieren, stoppen sie den Austausch von Informationen. Und das ist destruktiv, weil niemand in einer Organisation über alle Informationen verfügt. Erst die einzelnen Teile ergeben das ganze Puzzle.

Fazit

Kreativ sind Menschen, die möglichst viel Freiheit in der Gestaltung ihres Arbeitsalltags eingeräumt bekommen und deren Ideen wertgeschätzt werden. Manager sollten als Vorbild fungieren und eine Umgebung schaffen, in der sich Kreativität ganz von alleine ausbreiten kann. Als Nebenprodukt sind die Mitarbeiter nicht nur kreativer, sondern generell produktiver und glücklicher. Und zufriedene Mitarbeiter sind die Basis für gesunde Unternehmen.