Von Ingrid Gerstbach

Wenn ich gefragt werde, welche Personen ich für eine Design Thinking Jam Session in einem Projekt zusammenstelle, dann kommt es mir oft vor, als würde von mir erwartet werden, dass ich lauter gesellige, risikofreudige Alphatiere suche, die gerne im Team arbeiten und ruhige Momente verabscheuen. Die Gesellschaft vermittelt, dass ein ruhiges und introvertiertes Wesen irgendwie nicht der richtige Weg ist, wenn es um Erfolg geht. Warum eigentlich?

Eltern machen sich schnell Sorgen, wenn der Nachwuchs ihrer Ansicht nach zu wenig lautstark, nicht durchsetzungsfähig, sondern eher in sich gekehrt wirkt. Sie haben Angst, dass ihre Kinder es später schwer haben werden. Und das stimmt vielleicht wirklich. Der Psychologe Howard Giles bewies 1994 in einem Experiment, dass Menschen, die schnell und laut sprechen, kompetenter, klüger, interessanter und sympathischer wirken.

Laut und leise: passt irgendwie zusammen

Um diese Voreingenommenheit zu verstehen, brauchen wir zunächst eine Definition von Introversion. 1921 hat Carl Gustav Jung zum ersten Mal den Begriff "Introvertiertheit" gebraucht, der sich von Schüchternheit maßgeblich unterscheidet. Während Schüchternheit eine Form der Angst vor gesellschaftlichem Urteil ist. beschreibt Introversion hingegen eine Reaktion auf (gesellschaftliche) Stimulation. Extrovertierte sehnen sich nach viel Stimulation, Introvertierte jedoch fühlen sich am lebendigsten, am aktivsten und am fähigsten in einer ruhigeren, gemäßigteren Umgebung. Introvertierte Menschen suchen sehr wohl soziale Kontakte, aber eben in kleineren Dosierungen.

Gerade wenn es um Kreativität, Innovation und auch Führungsverhalten geht, brauchen wir Introvertierte: Sie neigen eher zur Vorsicht, nehmen viel seltener unüberschaubare Risiken auf sich – etwas, das wir heutzutage vielleicht gern sehen würden. Eine interessante Studie von Adam Grant zeigt, dass introvertierte Führungspersonen häufig bessere Resultate liefern als extrovertierte. Sie achten auf die Eigeninitiative ihrer Angestellten und lassen sie eher ihren eigenen Ideen nachgehen. Extrovertierte können die Menschen vielmehr für ihre Dinge begeistern und prägen dadurch (eher unbeabsichtigt) diese Richtung mehr. Die Ideen anderer Personen kommen dann vielleicht nicht ganz so einfach hervor.

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir als Teil einer Gruppe instinktiv die Meinung anderer imitieren. Das betrifft auch scheinbar persönliche oder intuitive Vorlieben wie etwa zu wem man sich hingezogen fühlt. Wir übernehmen dann unreflektiert die Überzeugungen von Leuten um uns herum, ohne zu erkennen, dass wir das tun. Nun folgen Gruppen bekanntermaßen den Meinungen der dominantesten oder charismatischsten Person im Raum – auch wenn der Zusammenhang zwischen dem besten Redner und dem besten Denker sehr fraglich ist.

Ist es dann nicht viel besser für alle, wenn jeder für sich eigene Ideen generiert, die Ideen in einer moderierten Umgebung bespricht und diese dann als Ausgangspunkt nimmt?

Eine Welt der Lauten

Jeder Mensch trägt sowohl introvertierte als auch extrovertierte Teile in sich. Meistens tendieren wir aber in eine Richtung. Introvertierte, die nach Schätzungen ca. 1/3 bis 1/2 der Bevölkerung ausmachen, befinden sich in bester Gesellschaft: Der Physiker Albert Einstein, der Schauspieler Clint Eastwood, Microsoft-Gründer Bill Gates, der Regisseur Steven Spielberg, Google-Gründer Larry Page, sogar der Facebook-Chef Mark Zuckerberg - sie alle gelten als introvertierte, eher in sich gekehrte, zurückhaltende Menschen.

Schon in der Hirnphysiologie machen sich die Unterschiede zwischen Introvertierten und Extrovertierten bemerkbar: So sind die elektrischen Hirn-Aktivitäten der introvertierten Probanden höher - unabhängig davon, ob sie sich gerade ausruhen oder arbeiten. Die neuronale Stimulation setzt dann ein, wenn keine Reize von außen empfangen werden. Diese von Natur aus höhere Gehirnaktivität führt wiederum zu dem Bedürfnis, sich vor Reizüberflutungen gut abzuschirmen.

Diese Erkenntnisse gehen vor allem aus den Studien des Psychologen Jerome Kagan von der Harvard University hervor. Dazu führte Kagan Experimente mit ca. 500 Säuglingen durch. Er konfrontierte die 4 Monate alten Babys u.a. mit bunten Mobiles, zerplatzenden Luftballons und mit Alkohol betupften Wattestäbchen und wartete deren Reaktion ab. Das Ergebnis: Rund 20% der Säuglinge reagierten besonders empfindlich auf die neuen Situationen, indem sie lauthals weinten, ihre zarten Körper anspannten und wild mit Ärmchen und Beinchen strampelten. 40% der weiteren Säuglinge reagierten wiederum vollkommen unbeeindruckt. Der Rest der jungen Probanden fand sich zwischen diesen beiden Extremen wieder.
Das Experiment ging aber weiter, als der Psychologe seine Probanden nach etlichen Jahren wieder ins Labor einlud und neue Tests durchführte. Dabei machte er eine entscheidende Entdeckung: Wer als Baby heftig auf die neuen Reize reagierte, zeigte im erwachsenen Alter introvertierte Züge.

Während ein anderes Experiment zeigt, dass Introvertierte vor allem Ruhe und Reiz arme Umgebungen aufsuchen, um sich besser zu konzentrieren und extrovertierte Menschen wiederum stimulierende Reize brauchen, um sich wohlzufühlen, läuft die Wirklichkeit fernab jeder Laborbedingung ab. Die wenigsten Mitarbeiter haben die Möglichkeit nach Belieben die Tür hinter sich zu schließen. Fast jeder hat den einen oder anderen Kollegen oder Kunden, der extrovertierter Natur ist und mit denen er oder sie umgehen muss. Das wiederum führt dazu, dass die Zusammenarbeit zwischen Lauten und Leisen nicht immer einfach ist.

Zwischen den Welten

In meinem Alltag erlebe ich immer wieder, dass diejenigen, die in Besprechungen vorpreschen und dadurch die Debatte zunächst bestimmen, eher extrovertierter Natur sind. Introvertierte können gut abgeholt werden, indem sie vorab Raum und Zeit bekommen, in Ruhe nachzudenken und sich eigene Gedanken zu machen, bevor sie sich dazu in der Gruppe äußern sollen. Dadurch fühlen sie sich nicht unter Druck gesetzt und kommen so auf meist bessere Lösungen. Wichtig ist, dass Platz für beide Temperamente ist: Introvertierte sind hervorragend, wenn es darum geht Strategien und Konzepte zu entwickeln, Extrovertierte hingegen können diese dann mitreißend und überzeugend präsentieren.

Ich bin dafür, dass wir den Wahnsinn der konstanten Gruppenarbeit stoppen. Deswegen unterstütze ich in meinen Projekten informellere Arten der Interaktion. So achte ich auf eine angenehme Atmosphäre, in der sich Menschen treffen und Ideen austauschen, aber trotzdem auch zurückziehen können.
In der alltäglichen Arbeit braucht es meiner Erfahrung nach viel mehr Privatsphäre, Freiheit und Eigenständigkeit. Genauso wie wir gute und funktionierende Zusammenarbeit fördern sollten, braucht auch die Arbeit für sich alleine ihren Raum.

Großartige Ideen brauchen beides

In der Mitte der Siebzigerjahre wandte sich ein eigenbrötlischer Ingenieur eines Tages einem seiner Freunde zu und erzählte ihm von seinem Computer. Er präsentierte ihm die Idee dahinter, die jener Freund sofort begeistert aufnahm, denn er erkannte das Potential dieser Idee. Steve Jobs, der damals schon als brillanter Verkäufer und Denker galt, überredete seinen Freund Steve Wozniak zusammen die Firma Apple Computer Company zu gründen und gemeinsam die Welt zu erobern.

Großartige Ideen brauchen also beides, um wirklich zu funktionieren und die Welt zu verändern: Laut und leise.