Von Ingrid Gerstbach

Bricht man es auf einen gemeinsamen Nenner herunter, dann haben alle Unternehmen eines gemeinsam: Sie lösen Probleme. Im Mittelpunkt eines jeden Produkts oder Services steht ein unerfülltes Bedürfnis, das groß genug für einen Markt ist. Es reicht aber nicht, einfach eine gute Idee umzusetzen, die dieses Problem löst. Wollen Unternehmen erfolgreich sein, braucht es nämlich ein Team, das die genau diese Idee und die Unternehmensvision in ein wachsendes Feld überträgt.

In Teil 1 habe ich die ersten fünf Gemeinsamkeiten herausgearbeitet, die mir im Laufe meiner Karriere als Innovationsberaterin in diversen Unternehmen aufgefallen sind. Teil 2 behandelt weitere 5 Eigenschaften:

6. Machen Sie aus Ihrem Team Evangelisten

Unabhängig von finanziellen oder anderen extrinsischen Belohnungen, ist ein wesentlicher Faktor für erfolgreiche Innovation, dass das Team, das dahinter steht, voll engagiert ist und alles in Bewegung setzt, damit die Lösung auch ein voller Erfolg wird.

Damit Menschen sich aber in eine Sache voll und ganz einlassen können, müssen sie das Warum verstehen: Was ist der Grund für genau diese Initiative zu genau dieser Zeit? Welche Hoffnungen und Ängste stecken dahinter? Welche Bedürfnisse sollen befriedigt, welche Anforderungen erfüllt werden? Transparenz ist die Grundlage, damit ein Innovationsprojekt funktioniert. Teilen Sie Geschichten, erzählen Sie von Ihren Beweggründen.

Wenn möglich stellen Sie die Teammitglieder eines Innovationsprojektes von anderen Aufgaben im Unternehmen frei, damit sie sich ganz auf das Projekt konzentrieren können und nicht durch ihre anderen Rollen im Unternehmen abgelenkt werden.

7. Fördern Sie (die richtigen) Gruppenkonflikte

Je komplexer ein Problem, desto unterschiedlicher müssen die einzelnen Teammitglieder auch sein: Personen mit unterschiedlichen Hintergründen, Rollen, Präferenzen und Perspektiven arbeiten dann gemeinsam an einer Lösung oder Idee. Bunte Vielfalt ist aber noch in anderer Hinsicht spannend: Je vielfältiger ein Team ist, desto mehr Konflikte treten auf.  Denn unterschiedliche Rollen leben von Natur aus unterschiedliche Präferenzen und Perspektiven, die schnell zu zwischenmenschlichen Reibungen führen.

Der Wert eines Teams liegt in seiner Fähigkeit, diese Vielfalt der Perspektiven offen leben zu lassen. Dabei sind Konflikte unvermeidlich - manches Mal aber sogar wünschenswert. Denn Menschen, die an Innovationen als Visionäre im Team zusammenarbeiten, müssen eben ganz anders denken, um wirklich die gesamte Vielfalt zu entdecken.

Konstruktive Konflikte maximieren vielmehr die Qualität der Diskussionen und Problemlösungen. Gruppenmitglieder fordern dabei die jeweils anderen Annahmen heraus und stellen Hypothesen zur Diskussion. Meinungsverschiedenheiten über den Inhalt einer Arbeit wiederum führen zu zwischenmenschlichen Konflikten, die schnell ausufern und zu Schwierigkeiten führen können. Achten Sie deswegen speziell auf versteckte Botschaften in einer Diskussion und greifen Sie wenn nötig lieber zu früh als zu spät ein.

Für Moderatoren und Begleiter gilt: Ein Verständnis über die grundsätzliche Arbeitsaufteilung und –erledigung innerhalb einer Gruppe hilft, anspruchsvolle Verfahren zu entwickeln und Regeln aufzustellen, die die Gruppendynamik und Interaktionsstile positiv beeinflussen.

8. Vergessen Sie nicht auf die Ziele

Einige Innovationsteams vernachlässigen, zu Beginn eines Projektes Ziele zu setzen.  Einerseits, weil die Bandbreite möglicher Ergebnisse manches Mal so groß ist, dass es schwierig wird, sich auf ein oder mehrere Ziele festzulegen. Andererseits haben viele auch Angst davor, sich die Ziele womöglich zu hoch zu setzen und sich damit wiederum der Gefahr des Scheiterns auszusetzen. Sich bereits im Voraus bewusst zu sein, was genau erreicht werden soll, hilft vor allem dem Team, effizienter und disziplinierter zu arbeiten. Sind die Teammitglieder zuversichtlich, ziehen sie auch eher an am selben Strang. Das wiederum verringert zwischenmenschliche Konflikt und die möglichen Streitquellen reduzieren sich auf die Art und Weise, wie diese Ziele erreicht werden können – und nicht mehr, was das eigentliche Ziel ist.

Den Fortschritt des gewünschten Ergebnisses zu überprüfen hilft dabei, dass sich die einzelnen Teammitglieder verpflichtet und verantwortlich fühlen, die selbstgesteckten Ziele auch wirklich zu erreichen.

Missverstehen Sie mich aber bitte nicht: Ich bin davon überzeugt, dass Unternehmen sich nie zu früh auf Geschäftsergebnisse konzentrieren sollten. Innovationen brauchen aufgrund ihrer eigenen Natur immer eine Reihe an Experimenten, um herauszufinden, ob die neue Idee überhaupt funktionieren kann und wird. Interviews und Beobachtungen liefern erste Anzeichen für oder gegen eine Idee.  Allein ein einfaches „Ja, es wird funktionieren“ oder „Nein, es wird nicht funktionieren“ ist bereits ein gutes Maß für späteren Erfolg.

Mit Metriken die Daten zu überprüfen ist sicher kein Fehler - es hilft dabei, dass Sie keine Zeit und Geld in schlechte Ideen setzen. Aber Sie sollten sich nicht darauf fokussieren, sondern besser die Entwicklungen im Auge behalten.

9. Ergänzen Sie das Innovationskernteam um einen „Advocatus Diaboli“

Ich habe schon oft erlebt, wie ein Anstoß von Außen wahre Wunder bewirkt. Externe Experten fungieren dann einerseits als zusätzliche Wissensressourcen und inspirieren andererseits auch mal abseits des Pfades mutig und kühn zu denken.

Noch spannender wird die Sache allerdings, wenn Sie gezielt einen sogenannten „Advocatus Diaboli“ einsetzen. Diese Rolle soll bewusst irritieren und das Team aus dem Konzept bringen, indem er oder sie provokant die Gegenmeinung vertritt.

Steht diese Persönlichkeit und deren Erfahrung dann per se noch im krassen Gegensatz zum Rest der Gruppe, kann bereits die bloße Anwesenheit wie ein Energieschub wirken.

10. Denken Sie wie ein Startup-Unternehmer

Nachdem ich viel Zeit mit erfolgreichen Unternehmern von Startups und KMUs verbracht habe, wurde mir schlagartig klar, was Sie von großen Unternehmen wirklich unterscheidet: Jeder von ihnen erzählte mir Geschichten, die voller Leben und Motivation waren und die im Kern eine große Vision hatten.

Dieses Maß an Engagement lässt sich in Unternehmen, in denen die Innovationsteams unter Druck arbeiten müssen, nicht imitieren. Je mehr die Mitarbeiter Innovation als Teil ihrer „business as usual“ Arbeit sehen, desto wegen Leidenschaft treibt sie letztlich an. Selten wird dann mal länger gearbeitet oder manch persönliches Opfer zum Wohle des Unternehmens gebracht.

Ein Großteil der Innovation findet in der heutigen Welt bei Startups statt, weil sie einerseits die notwendige Flexibilität haben, aber vor allem eine Mentalität und Verhaltensweisen leben, die vielen Innovationsteams noch fehlt.

Der Versuch, unternehmerische Motivation innerhalb eines Unternehmens anzuspornen, kann leichter gelingen, wenn Unternehmen Anpassungen der Bedürfnisse der Mitarbeiter ermöglichen und dazu ermutigen, bewusst Risiken einzugehen. Belohnen Sie mehr durch Worte und Taten, übertragen Sie Verantwortungen, teilen Sie das Warum und erzählen Sie Geschichten über das Unternehmen. So schaffen Sie es, dass Mitarbeiter sich als tatsächlichen Teil des Unternehmens fühlen.

Fazit

Innovation ist der Schlüssel, um Unternehmen zu schärfen und sie dazu zu bewegen, strategische Optionen zu wählen, die ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.
Innovationen ermöglichen Ihnen, potenzielle Akquisitionen durch eine andere Linse zu betrachten, nämlich nicht nur aus Sicht der Kosten, sondern vor allem als Mittel zur Beschleunigung des Umsatzwachstums und zur Verbesserung der eigenen Fertigkeiten. Unternehmen sind dank Innovationen in der Lage, neue Märkte schneller und tiefer zu betreten.

Um erfolgreich und wettbewerbsfähig zu sein, sollten Unternehmen Innovation nicht als etwas Besonderes sehen, das nur dank besonderer Menschen geschieht, sondern als etwas, das zur Routine und Methode werden kann, indem die Fähigkeiten von gewöhnlichen Menschen richtig eingesetzt werden.

Nach wie vor unterstützen viele Unternehmen Innovationen nicht, weil sie das Potenzial nicht erkennen. Sie wissen nicht, wo Ideen zu finden sind, halten Innovationen grundsätzlich für riskant oder wollen nicht auf etwas setzen, dessen Fortschritt schwer messbar ist. Aber das sind alles Ausreden, keine Gründe. Innovation ist vielmehr ein Prozess, den alle nutzen und weiter verbessern können.

Innovation ist aber vor allem ein sozialer Prozess, denn er beinhaltet immer Menschen, die vor allem eines tun: Probleme, Chancen und Lernerfahrungen teilen. Anders gesagt: Jeder hat die Fähigkeit, innovativ zu sein – nur niemand kann es alleine.

Unternehmen sind dazu aufgefordert, diesen sozialen Prozess zu routinieren und ihm das Mystische zu nehmen. Innovation ist vielmehr eine Reise, bei der immer wieder neue Gebiete entdeckt werden. Es braucht Zeit und stetige Führung und kann alles - von Budget und Strategie über Kapitalallokation und Aktionen - fordern. Innovation stellt immer den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen und konzentriert sich auf den Menschen. Aber niemals im Silo, sondern über Silos hinweg.