Von Ingrid Gerstbach

Es gibt viele Aufforderungen, die absolut sinnlos sind. Sei spontan, ist eine meiner Lieblingskonjunktive. Dicht gefolgt von „Denke über bisherige Grenzen hinaus“ oder die englische Version „think outside the box“. Es bedeutet, sich Problemen in neuen, innovativen Wegen zu nähern, die Dinge anders wahrzunehmen, aber auch die eigene Position in Relation auf eine bestimmte Situation in einer Art und Weise zu betrachten, an die Sie vorher nie gedacht hätten. Ich empfinde diese Aufforderung deswegen als so paradox, denn eine Idee ist doch spätestens dann nicht mehr neu, wenn wir sie bereits erdacht haben.

Ich begleite seit Jahren Lehrgänge an Fachhochschulen und Universitäten. Im Laufe des Semester beobachte ich dann, dass die Studenten in den allermeisten Fällen auf den Plätzen sitzen, die sie bereits in der ersten Stunde gewählt haben. Wir Menschen lieben nun mal unsere Gewohnheiten. Wir tun die Dinge so, wie wir sie immer getan haben. Vor allem dann, wenn sie bereits in der Vergangenheit funktioniert haben. Das schafft Sicherheit und erlaubt unserem denkfaulen Hirn ein wenig Pause.

Der Weg des geringsten Widerstands

Ich nenne das gerne den Weg des geringsten Widerstands. Ohne es zu merken, kategorisieren wir sofort und automatisch jede Situation auf Basis unserer bisherigen Erfahrungen. Selbst wenn wir uns vornehmen, dieses oder jenes Mal bewusst einen anderen Weg zu wählen und trotzig Neues auszuprobieren, treibt uns unser Hirn doch immer wieder zurück. Es hindert uns daran, tatsächlich neue Dinge auszuprobieren, und führt zu bekannten und bereits in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesenen Gegebenheiten. Unsere Bemühungen kreativ zu agieren werden vereitelt, noch bevor wir eine Chance hatten.

Bezogen auf kreative Arbeit bedeutet das, dass unser kreativer Output durch die Information bestimmt wird, die bereits in unserem Gedächtnis vorhanden ist. Ein Beispiel: Ein amerikanischer Psychologe bat Teilnehmer seiner Studie, einen Alien nach ihren eigenen Vorstellungen und Gedanken zu zeichnen. Es gab keine weiteren Vorgaben oder Anweisungen. Das Ergebnis: Die meisten haben ein ihnen vertrautes Tier gezeichnet, dass sie dann leicht abgewandelt haben. So kam es, dass die überwältigende Mehrheit der Zeichnungen weltliche Züge wie ein symmetrisches Gesicht, Augen und Beine hatten.

Der Weg des geringsten Widerstandes ist ein zentraler Bestandteil der Art und Weise, wie wir in der Welt agieren. Unser Verstand bezieht sich auf das, was wir bereits in der Vergangenheit erlebt haben und was sich als erfolgreich erwiesen hat. Niemand will sich jeden Tag eine neue kreative Art und Weise überlegen, die Zähne zu putzen oder die Straße zu überqueren - komplett von unseren bisherigen Erfahrungen abgeschnitten. Wir wollen die Dinge so machen, wie wir wissen, dass sie funktionieren.

Kreativ zu sein ist auch eine Sache des Mutes

Der erste Schritt den Weg des geringsten Widerstands in kreativen Situationen zu überwinden, ist zu erkennen, dass Sie so agieren, wie es sich in der Vergangenheit als sinnvoll und nützlich erwiesen hat. Niemand zwingt uns auf diese Art und Weise zu denken, aber die Vergangenheit verführt uns dazu. Jede neue Idee, die Sie haben, hat eine oder mehrere Wurzel in der Vergangenheit. Sie ernährt sich aus dem Wissen, wie es bereits einmal funktioniert hat. Um kreativ zu denken bzw. bewusst einen neuen Weg einzuschlagen, müssen Sie also zunächst genau da ansetzen: Werden Sie sich bewusst, dass Ihre vergangenen Erfahrungen Ihre Kreativität beeinflusst. Fragen Sie also bei jeder Herausforderung nach dem Warum: Warum wollen Sie das Problem auf diese Weise lösen? Haben Sie es bereits mal so gemacht? Welche Aspekte sind neu, welche bekannt?

Haben Sie diesen Schritt getan, sind Sie dem Ziel sehr nahe. Nun geht es darum, die Erinnerungen in Ihrem Speicher, die Sie immer wieder heranziehen und nutzen, zu verändern. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten:

Möglichkeit Nr. 1: Suchen Sie Analogien, die den Weg zum Neuen ebnen

Wir ziehen automatisch unser Erfahrungswissen heran, wenn wir vor einer neuen Situation oder Herausforderungen stehen. Nutzen Sie dieses Wissen. Versuchen Sie zunächst die Aufgabe in ihre Einzelteile zu zerteilen. Achten Sie vor allem auf die Aspekte, die Ihnen bekannt vorkommen und konzentrieren Sie sich dann auf deren Einzelheiten. Verwenden Sie zum Beispiel andere Wörter bei der Beschreibung. Oft schränken wir uns selber in unserem Denken ein, ohne, dass es uns bewusst ist. Nutzen Sie ein Wörterbuch, suchen Sie nach Analogien. Dadurch erweitern Sie sofort Ihre eigene Palette an Möglichkeiten.

Möglichkeit Nr. 2: Wählen Sie neue Gesprächspartner

Machen Sie eine Bestandsaufnahme der Personen, mit denen Sie die meiste Zeit verbringen. In den meisten Fällen sind es immer die üblichen Verdächtigen, mit denen wir unsere Zeit (und unsere Gedanken) verbringen. Wenn Sie wie die meisten Menschen ticken, sind das Personen, mit denen Sie Ihren Geschmack, Ihre Ansichten, Ihre Überzeugung etc. teilen. Sich mit Menschen zu umgeben, die uns ähnlich sind, ist sehr angenehm. Es macht die Dinge einfacher.
Fordern Sie sich bewusst heraus und suchen Sie nach Menschen, die die Welt auf ganz andere Weise wahrnehmen. Die vielleicht sogar die Dinge radikal anders tun, als Sie es bisher getan haben. Das ist zunächst meistens alles andere als eine angenehme Erfahrung, aber es zwingt uns die Welt aus anderen Augen zu betrachten. Und eröffnet somit neue Perspektiven.

Möglichkeit Nr. 3: Erweitern Sie Ihren Informationsspeicher

Brechen Sie gezielt aus Ihrer Komfortzone aus: Besuchen Sie ein Lokal, das Speisen und Getränke einer Ihnen unbekannten Kultur serviert. Lesen Sie zu Themen, von denen Sie nichts wissen oder die Sie bis dato auch nicht interessiert haben. Probieren Sie einen neuen Weg in die Arbeit aus. Machen Sie Erfahrungen, die Sie dabei unterstützen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dadurch bauen Sie neue Erfahrungen auf, die Sie dann als Erinnerungen abspeichern und bei Bedarf heranziehen können.

Kämpfen Sie gegen den natürlichen Impuls Ihres Gehirns, das den einfachsten Weg wählen möchte, und sehen Sie Ihrer Kreativität beim Gedeihen zu.