Von Ingrid Gerstbach

Es gibt niemand, der nicht weiß, wie es sich anfühlt, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Egal ob es sich um ein Innovationsprojekt oder eine Marketingentscheidung, eine neue Einführung oder auch eine Wahl im privaten Bereich handelt: Manche davon bereut der Mensch sein Leben lang. Dabei hilft das keineswegs weiter, im Gegenteil: Studien beweisen immer wieder, dass Reue wertvolle Lebenszeit und -energie kostet. Mit den negativen Gefühlen wird Stress ausgelöst, der wiederum das Immunsystem schwächen kann. Daher ist es wichtig, den Umgang mit Fehlentscheidungen zu lernen. Und doch ist es jedes Mal aufs Neue schwierig, den richtigen Umgang damit zu finden.
Keine Sorge, Sie sind nicht alleine! Es ist absolut menschlich, optimistisch zu sein und davon auszugehen, dass der Erfolg gleich um die Ecke auf uns wartet. Denn der Mensch ist ein Meister des Selbstbetrugs. Wir sehen die Welt so, wie sie uns gefällt. So können wir uns unser eigenes, synthetisches Glück konstruieren.

Erst wenn sich schließlich die ganzen Beweise häufen, sollten Sie beginnen, langsam an Ihrer Idee zu zweifeln. Das kann sich manches Mal richtig überwältigend anfühlen, vor allem, wenn Sie die Fehler noch vor Ihren Kollegen oder anderen Personen eingestehen müssen. Was können Sie dann tun?

1. Erkennen Sie, dass Sie schnell handeln müssen

Ein häufiger Denkfehler, dem wir alle immer wieder begegnen, sind die sogenannten „sunken costs“: Je mehr Zeit, Mühe und/oder Geld wir bereits in eine Sache gesteckt haben, desto schwieriger wird es, an der einst so glorreich erscheinenden Idee wieder loszulassen. Dieses Denkmuster ist im Übrigen auch schuld daran, dass viele Menschen in unglücklichen Beziehungen bleiben („Aber wir sind doch schon seit 7 Jahren zusammen und früher war es doch auch schön!“). Andere wiederum stoßen Aktien nicht ab, die am absteigenden Ast sind („Die wird schon wieder steigen, ich hab sie ja damals um mehr als das Doppelte gekauft!“) - egal, wie trüb die Aussichten tatsächlich sind.
Sobald Sie es aber schaffen, wieder rational zu denken, erkennen Sie, dass es im besten Fall noch Jahrzehnte dauern wird, bis eine Sache erfolgreich sein wird und es sich einfach nicht auszahlt, daran festzuhalten. Meistens ist das Klügste dann, einfach den Verlust als solchen zu akzeptieren, anstatt noch länger daran festzuhalten und weitere Ressourcen reinzustecken.

2. Suchen Sie nach dem Positiven

Manchmal ist eine schlechte Entscheidung nicht gleich der absolute Super-Gau. Womöglich haben Sie wirklich die falsche Person in Ihr Team geholt, aber vielleicht hilft auch eine Einführung in die Thematik dabei, dass diese Person sich besser einfügen kann. Oder Sie setzen ihn oder sie bewusst so ein, dass die Impulse dieser Person zu Diskussionen und neuen Einsichten führt. Vielleicht ist das Produkt in einem gewissen Markt gescheitert, aber das heißt nicht, dass es nicht noch verbessert oder angepasst werden kann.
Auf der anderen Seite erfordern einige Probleme drastisches und entschlossenes Handeln. Wenn Sie unbedingt ein erfolgreiches Produkt oder einen neuen Prozess brauchen, ist es manches Mal besser, wenn Sie kraftvoll zurück an den Start gehen und von Anfang an den Kunden oder Nutzer einbinden. Es ist wichtig, sich seiner Ziele bewusst zu werden, um letztlich Auswirkungen schlechter Entscheidungen zu minimieren.

3. Lernen Sie aus Ihren Fehlern

Hätten Sie realistisch betrachtet das Problem schon im Vornherein erahnen können? Manches Mal treffen wir Entscheidungen, die sich wie aus heiterem Himmel als reinste Katastrophen entpuppen - ohne, dass wir es vorausahnen hätten können. Z.B. dass die Geschäftsleitung eine vollkommen neue Unternehmensstrategie einschlägt, direkt nachdem Sie einen neuen Job angenommen haben. Aber wie oft ist das tatsächlich der Fall? Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, gibt es viele schlechte Entscheidungen, die wir im Grunde hätten verhindern können. Vielleicht haben Sie erste Anzeichen für eine Schwierigkeiten übersehen und trotzdem das Wachstum der neuen Produktlinie forciert, obwohl Sie wussten, dass eine Rezension ansteht und Luxusmarken momentan nicht gekauft werden. Oder Sie haben die feine Klinge in den Teammeetings überhört und stehen plötzlich in einer ausgewachsenen Krise.
Eine schlechte Entscheidung zu treffen kann sehr schmerzhaft sein, aber Sie können zumindest etwas Positives davon abgewinnen - wenn Sie daraus lernen. Nehmen Sie sich die Zeit zu verstehen, was wo wie falsch gelaufen ist. Waren Sie zu sorglos oder haben Sie sich auf unzuverlässigen Quellen verlassen? Wollten Sie vielleicht gar etwas nicht sehen? Verstehen Sie, warum Sie Ihre Entscheidung getroffen haben, um das nächste Mal denselben oder auch ähnliche Fehler zu vermeiden.

4. Teilen Sie Ihr Wissen

Es ist so einfach, schlechte Entscheidungen unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als wären sie niemals geschehen. Aber gehen Sie in die Verantwortung und stehen Sie dazu. Das macht Sie mächtig, authentisch und vor allem menschlich. Sprechen Sie mit anderen darüber, in dem Sie nach deren Meinung und Sichtweise fragen. Holen Sie sich Rat und bitten Sie um Hilfe.
Leider ist es Teil unseres Lebens schlechte Entscheidungen zu treffen. Niemand hat eine 100% Erfolgsquote. Trotzdem ist es eine Herausforderung, unsere Fehler zuzulassen, vor allem in einer Kultur, die Fehler immer noch oft versteckt. Wenn Sie aber zu Ihren Fehlern stehen und daraus lernen, arbeiten Sie schneller und beheben die Fehler auch schneller. Das kann anfängliche Probleme entschärfen und so verdienen Sie sich Respekt Ihrer Kollegen.

Am einfachsten kann der Mensch Entscheidungen verarbeiten, die er aus dem Bauch heraus getroffen hat. Wir bereuen solche Entscheidungen viel weniger, als die, die wir lange durchdacht und rational zerkaut haben. Das Einzige, womit wir uns wirklich plagen ist, wenn uns das Gefühl beschleicht, eine Chance verpasst zu haben: Keine Entscheidung bereuen wir mehr als die, dass wir bewusst nichts getan haben. Und selbst wenn sich eine Entscheidung im Nachhinein als falsch herausgestellt hat, hatten Sie doch zumindest in der Sekunde, in der Sie sie gefällt haben, gute Gründe dafür. In diesem Sinne lassen Sie sich nicht von der Angst vor Fehlentscheidungen treiben, sondern leben Sie Ihr Leben, nutzen Sie die Chancen und wenn es doch mal schief läuft, machen Sie das Beste draus!