Von Ingrid Gerstbach

Folgende Ausgangslage: Ein Unternehmen steht vor einem Problem, das es mit Ihrer Hilfe lösen will. Um diese Herausforderung bestmöglich zu bewältigen, stellen Sie als erstes Ihr eigenes Projektteam zusammen. Ihre persönliche Challenge besteht nun darin, dieses Team so auszuwählen und anzuleiten, dass kreative und vor allem umsetzungsstarke Lösungen entstehen, die einerseits effizient das Problem lösen und andererseits den Umsatz erhöhen. Diese Aufgabe könnte härter und spannender zugleich nicht sein: In einer notorisch risikoscheuen Kultur, die seit Jahren mehr oder minder im selben Denkmuster feststeckt, sollen Sie sich mit Hilfe Ihrer Problemlösungskompetenz auf die Suche nach Wachstumsbeschleuniger innerhalb des Unternehmens begeben, um sowohl die Effizienz als auch das organische Wachstum anzukurbeln.
Zunächst die gute Nachricht: Sie erhalten ein großzügiges Budget und die Freiheit, Ihr Dreamteam für die Mission nach Ihren eigenen Vorstellungen zusammenzustellen. Die schlechte Nachricht: Die Zeit drängt und Sie werden gefühlt stündlich nach sichtbaren Ergebnissen gefragt.

Genau solchen Aufgabenstellungen machen meinen Job als Design Thinking Beraterin so großartig. Neben dem Lösen von Problemen oder der Begleitung eines Change Prozesses finde ich gemeinsam mit den Mitarbeitern heraus, wie sie in Zukunft erfolgreich innovativer agieren können. Nachdem nun jedes Unternehmen anders tickt bzw. die Probleme an jeweils anderer Stelle zwicken, gibt es keine Patentlösung. Was aber immer gleich ist: Ohne den passenden Mitarbeitern ist jeder Versuch im Vornherein zum Scheitern verurteilt. Wo sollen Sie also beginnen?

1. Vergessen Sie „out of the box“ Denken

Der erste Schritt in jedem Innovationsprojekt unabhängig der gewählten Methode beginnt mit dem Aufbau eines Teams. Umdie passenden Personen auswählen zu können, muss ich aber zunächst die eigentliche Aufgabe und das Wesen des Unternehmens im Detail verstehen: Was soll das Team erreichen und wie müssen die vorhandene Tätigkeiten dahingehend optimiert werden?
Neben der kreativen Phase, in der u.a. neue Geschäftsideen entwickelt werden, gibt es die oft vergessene analytische Phase. Ohne Analyse werden Sie kaum das Geschäftspotenzial und die Entwicklungsphase verstehen noch die vielversprechendsten Ideen verfeinern können, um sie letztlich erfolgreich auf dem Markt zu etablieren. Es reicht also nicht nur, dass Sie out of the box denken - Sie müssen die Grenzen dieser Box neu definieren!

Unter der Box verstehe ich die Summe aller Erfahrungen, Fähigkeiten, beruflichen Netzwerke und Know-How, die das Team gemeinsam besitzt. Je vielfältiger die Hintergründe der einzelnen Personen, desto größer wird diese Box - und das ist das, was ich anstrebe. Denn eine große Box ist aus vielerlei Gründen nützlich. Vor allem aber erhöht sie die Wahrscheinlichkeit der Bildung neuer kognitiver Verbindungen zwischen all den Mitgliedern, spornt neue Ideen an und identifiziert unentdeckte Möglichkeiten. Ein Team mit einer großen Box wird viel besser in der Lage sein, auf die verschiedenen Herausforderungen und Fragen zu reagieren, die im Laufe jeder Projektreise früher oder später auf sie zukommen werden.

Wählen Sie aber für Ihr Projekt die üblichen Verdächtigen aus, um auf Nummer Sicher zu gehen, dann werden alte Lösungen im besten Fall im neuen Gewand dabei herauskommen. Denn die Brille, durch die diese Personen schauen, stets dieselbe sein wird - unabhängig vom Projektinhalt. Setzen Sie andererseits nur auf Kreative, haben Sie vielleicht einen Haufen verrückter Ideen, aber die Wahrscheinlichkeit einer Umsetzung ist gering. Das Team braucht Vielfalt, um wirklich etwas zu bewegen.

2. Finden Sie einen internen Entscheidungsträger

Gerade in Innovationsprojekten müssen ständig wichtige Entscheidungen getroffen werden. Je mehr Anführer ein Team nun hat, desto ineffizienter wird die Entscheidungsfindung. Und das führt wiederum schnell zu einem demotivierten und mürrischen Team.

Eine einzelne Person ist viel besser in der Lage, die Vision voranzutragen und endgültige Entscheidungen zu treffen, die dabei helfen, sich zügig entlang des Prozesses zu bewegen. Die Aufgabe dieser Person ist, auch bei unvollkommener Informationsmenge den Fortschritt voranzutreiben und gleichzeitig nachzuhaken.

Wählen Sie den- oder diejenige Mitarbeiter als internen Projektleiter aus, der das entsprechende Know-how mitbringt und sorgen Sie dafür, dass er oder sie auch genügend Autonomie über die weitere Teamauswahl gewährt wird. Es ist wichtig, dass er oder sie frei entscheiden kann, was das Team genau braucht bzw. sollten im Bedarfsfall auch Mitarbeiter unkompliziert ausgetauscht werden können. Die Mitarbeiter müssen immer auf die Bedürfnisse des Projekts abgestimmt werden, um zu einem bestimmten Zeitpunkt flexibel reagieren zu können.

3. Setzen Sie auf Know-how und Vitamin B

Jedes Innovationsteam sollte vor allem aus gut vernetzten Teammitgliedern bestehen. Warum? Weil ein starkes Netzwerk einerseits ein breiteres Wissensspektrum garantiert und andererseits die notwendige Rückendeckung aus dem Management gewährleistet.

Innovationsprojekte stellen nicht selten Unternehmen auf den Kopf und bieten damit einen perfekten Nährboden für offene Fragen, die mittels Gerüchte rasend schnell beantwortet werden. Denn nur dort, wo Bewegung passiert und Interesse vorhanden ist, werden auch Fragen gestellt. Das einzige Problem dabei: Gerüchte tauchen meistens zu einem denkbar ungünstigen Moment auf. Ist nun im Team jemand, der zum Top-Management beste Beziehungen pflegt, kann dem Wahrheitsgehalt zügig und unkompliziert auf die Spur gegangen und gegebenenfalls dagegen gesteuert werden.
Gute Beziehungen zu pflegen zahlt sich aber noch an anderer Stelle aus: Wenn z.B. das Projekt in Schieflage geraten ist oder es doch mehr Zeit und Budget als anfangs angedacht braucht. In solchen Zeiten ist es wichtig, das jemand im Team auch außerhalb der Gruppe für gute Stimmung und ein positives Bild sorgt.

4. Halten Sie Ausschau nach geborenen Geschichtenerzählern

Meiner Erfahrung nach ist die Fähigkeit, die neue Geschäftsidee zu kommunizieren, fast so wichtig wie die Qualität der Idee selbst. Egal, ob Sie sie Ihrem Chef oder Kollegen präsentieren oder einer Gruppe an Kapitalgebern - es ist es absolut notwendig, dass Sie ein klares Verständnis für Ihre Idee schaffen und Begeisterung, diese erfolgreich umzusetzen, aufbauen.

Gute Geschichtenerzähler haben die Eigenschaft, Probleme und Lösungen auf eine Art und Weise zu beschreiben, die die Aufmerksamkeit fesselt und das Engagement fördert. Das führt dazu, dass Teams besser zusammenarbeiten und mehr Unterstützung von außen kommt. Noch dazu merken wir uns emotional überzeugende Geschichten viel eher als langweilige Präsentation vollgepfropft mit Zahlen.

5. Stellen Sie ein Team zusammen, das sowohl die Lücken auf dem Markt als auch Märkte in der Lücke erkennt

Wir alle wissen, dass eine gute Geschäftsidee in der Regel eine Lücke auf dem Markt erfüllt - also einen Bedarf adressiert, für den es derzeit keine andere Lösung gibt. Um echte Innovation zu entwickeln, braucht es aber mehr. Innovation passiert letztlich dann, wenn es nicht nur eine gute Idee gibt, sondern wenn echte Kunden auch dazu bereit sind, für diese Idee zu zahlen. Anders gesagt: Es muss einen Markt in dieser Lücke geben.

Die meisten großen Unternehmen haben etliche Analytiker, die in der Lage sind, die zu erwartenden Umsatzmöglichkeiten auszurechnen. Oft generieren sie Bottom-up-Schätzungen, die das Pro und Kontra weiterer Investitionen liefern. Zwar gibt es keinen Zweifel an dem Wert dieser Analysten, aber leider können sie nicht gewährleistet, ob eine Idee auch wirklich gut ist. So gut, um damit zu starten.

Um kreative Ideen zu generieren und Lücken auf dem Markt zu identifizieren, braucht es also eine andere Rolle, ähnlich der eines Ethnographen. Ethnographen betrachten das Verbraucherverhalten und erzeugen Einsichten rund um unerfüllten Bedürfnisse. Dazu verbringen sie die meiste Zeit mit der Beobachtung und Befragung von Kunden auf der Suche nach Schwachstellen und dem Verständnis ihrer Motivation.

Achten Sie also darauf, dass Sie mindestens einen Ethnologen in Ihrem Innovationsteam haben, der gewährleistet, dass das Unternehmen auch Innovationen entwickelt, die die Bedürfnisse der Menschen treffen.

 

Aber das war es noch lange nicht - es gibt noch mehr Geheimnisse, die Sie überraschen werden. Also bleiben Sie dran, Teil 2 folgt demnächst :)