Von Ingrid Gerstbach

Was haben Steve Jobs, Leonardo Da Vinci und Thomas Edison gemeinsam? Abgesehen davon, dass sie alle in dem, was sie machten, talentiert waren, waren sie vor allem eines: überzeugte Perfektionisten. Generell scheint es tatsächlich so zu sein: Egal, ob Sie einen Blick in die Kunst, Wissenschaft oder Wirtschaft werfen: Selten verlassen sich außergewöhnliche Menschen allein auf ihr Talent. Vielmehr widmen sie sich voll und ganz bzw. manches Mal gar obsessiv vor allem einem: der Qualität einer Sache.

Doch das unerbittliche Wesen der Perfektion führt vor allem zu einem: der Abwesenheit einer Fehlerkultur. Das ist katastrophal in unserer Zeit, in der sich Gesellschaft und Technologie ständig und schnell wandeln. Denn digitale Experimente sind notwendig, um die Zukunft auszuloten. Experimente sindsinnlos, wenn sie wegen Perfektionismus nicht scheitern dürfen. Dann dadurch verbieten wir uns selber das Lernen. Und Innovation ist nichts anderes: ein stetiges Lernen und Hinterfragen. Und trotzdem ist Innovation ein Stück weit Perfektion - ein Widerspruch?

Angst vor Versagen als Ursache

Seit Jahrzehnten studieren Wissenschaftler die Bedeutung des psychologischen Konstrukts Perfektionismus. Denn kaum eine andere Eigenschaft polarisiert so sehr. So nimmt Perfektion einerseits eine wichtige Rolle ein, wenn es darum geht, erstaunliche, kreative Fähigkeiten zu entwickeln, hat aber andererseits zerstörerische Qualitäten. Tatsächlich illustrieren nur wenig andere Merkmale den schmalen Grat zwischen Normalität und Anomalie besser als Perfektionismus.

Eines der zentralen Merkmale dieser Eigenschaft ist die übertriebene Sorge, Fehler zu begehen. Die Quelle dazu findet sich, wie die meisten Dinge, in der Kindheit wieder: So stammen die meisten Perfektionisten aus Familien, denen hohe Standards wichtig sind und die diese auch in vielen Bereichen ihres Daseins leben. Inwieweit sich daraus aber ein "ungesunder" Perfektionismus entwickelt, hängt vor allem davon ab, wie Eltern mit den Misserfolgen ihrer Kinder umgehen. Versucht sich ein Kind beispielsweise Anerkennung durch Leistung zu verschaffen, wird es womöglich lernen, dass das Beste noch immer nicht gut genug ist. Daraus kann sich dann ein Perfektionsstreben entwickeln, das Hand in Hand mit einer übertriebenen Angst vor möglichen Fehlern und Versagen geht.

Trotzdem sind hohe Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit alleine nicht ausreichend, um zu erklären, warum Perfektionismus krank machen kann. Bereits der Wiener Psychologe Alfred Adler nannte das Streben nach Perfektion einerseits einen natürlichen Antrieb menschlichen Handelns, andererseits sah er darin durchaus einen gesunden Aspekt menschlichen Lebens. Nur wenn das Streben nach Perfektion als charakteristisch angesehen werden kann und in vielen Lebensbereichen zum Tragen kommt, wird im wissenschaftlichen Sinn von Perfektionismus gesprochen. Hinter jeder außerordentlichen Leistung findet sich schmerzhafte Unsicherheit und Selbstzweifel - so Adlers Annahme. Erfolg ist demnach das vorübergehende Gegenmittel gegen jene unangenehmen Gefühle.

Perfektionisten werden meistens von ihrer Angst zu scheitern getrieben. Dieser Antrieb ist es allerdings auch, dass solche Menschen Dinge erreichen, von denen andere nicht mal zu träumen wagen. Die moderne Psychologie betitelt das ganze auch als sogenanntes „Impostor-Syndrom“: Aus dem Glauben heraus, bei weitem eine Sache nicht so gut zu beherrschen, wie er es tatsächlich tut, investiert der Perfektionist viel Zeit und Energie darin, immer besser zu werden.

Eine Frage der Perspektive

Aber leider führt Perfektionismus nicht automatisch zu enormen künstlerischen und intellektuellen Leistungen. Wenn dieser nicht mit Stressresistenz und einem Quäntchen Begabung gekoppelt ist, kann es zu selbstzerstörerischen Verhaltensweisen führen. Wie bei vielem anderen macht auch hier die Dosis das Gift.

Ein Zauberwort dazu lautet Neurotizismus. Dieses Persönlichkeitsmerkmal bezeichnet die psychische Labilität eines Menschen. So haben Studien gezeigt, dass Menschen, die zu Perfektionismus neigen, bessere Ergebnis liefern, wenn sie nicht von Stress und Angst geplagt werden. Bzw. umgekehrt schneiden gestresste Perfektionisten schlechter gegenüber ihren Kommilitonen ab. Beide Gruppen, die stressresistenten sowie die gestressten Perfektionisten, bleiben aber unzufrieden mit dem Ergebnis ihrer Anstrengungen. Der "gesunde" Perfektionist zeigt hohe persönliche Standards wie Organisiertheit und Gewissenhaftigkeit. Dagegen korreliert der dysfunktionale Perfektionismus mit leistungsbezogenem Zweifel und Fehlersensibilität. So ist ein gesundes Perfektionsstreben eher intrinsisch motiviert, wohingegen letzteres extrinsischer Natur ist. Anders ausgedrückt: Je mehr Angst im Spiel ist, umso höher und damit ungesünder ist die extrinsische Motivation.

Ob jemand Perfektionismus auf eine konstruktive oder eine destruktive Art und Weise auslebt, hängt also vor allem davon ab, wie viel er sich auf sich selbst und nicht auf andere konzentriert. So zeigen Studien, dass Menschen, die in erster Linie andere nicht enttäuschen wollen, tatsächlich schlechtere Ergebnisse haben als jene, die dazu neigen, ihre persönlichen Bestleistungen zu schlagen und ihre Arbeit zu verbessern.

Mit anderen Worten, Perfektionisten sind besser dran, wenn sie ihre eigenen Kritiker sind. Diese selbst-orientierte Form des Perfektionismus lässt sie auf ihre Arbeit fokussieren und verhindert soziale Ängste.

Eine vollkommen unvollkommene Welt

Aber wann ist Perfektionismus hilfreich und wann verletzt er womöglich die Menschen, die einem lieb und teuer sind? Wann lohnt es sich, die Qualität Ihres Lebens steigern zu wollen und wann nicht? Spätestens dann, wenn Sie Angst oder Depression verspüren oder Ihre Beziehungen, Arbeit und die Fähigkeit zu genießen und Freude zu erleben eingeschränkt wird, ist es Zeit, wichtige Aspekte zu überdenken. Dann sollten die Teile des Perfektionismus, die hilfreich sind, von denen, die es nicht sind, getrennt und geändert werden.

Im seltensten Fall leidet nicht nur der Perfektionist unter seinem eigenen Druck. Oft sind es vor allem nahe Angehörige, die mitleiden, denn ein Nebeneffekt von Perfektionismus ist Arbeitswut. Stundenlang wird dann schonungslos an Problemen herumgekaut und überlegt.
Und genau darin liegt auch die Krux an der ganzen Sache: Denn die Menschheit würde wohl viel verlieren, wenn diese Art von Perfektionismus gänzlich aussterben würde...