Von Ingrid Gerstbach

Kennen Sie das Gefühl gähnender Leere? Wenn der Kopf gerade nicht so will, wie es vielleicht wünschenswert wäre? So sehr Sie sich auch bemühen - je mehr Sie sich zwingen, desto weniger schaffen Sie es, eine Idee für den nächsten Pitch, einen neuen Ansatz für ein Projekt oder eine kreative Lösungsmöglichkeit zu haben. Im Gegenteil, je mehr Sie sich darauf konzentrieren, desto unlösbarer wird die gesamte Herausforderung.

Nehmen wir mal an, Sie sind bei der Arbeit und sollen eine innovative Werbekampagne für einen potenziellen Kunden entwickeln. Sie hören mit allem anderen, das Sie gerade tun oder tun wollten, auf, setzen sich an Ihrem Schreibtisch und beginnen Ihre gesamte Gehirnkapazität auf diese eine, wichtige Sache zu konzentrieren – mit aller Kraft und Energie. Und trotzdem - nichts passiert. Im Gegenteil, Sie haben das Gefühl, dass vielmehr genau dieser Art des Fokussierens die Sache noch schwieriger macht. Denn die kreativen Säfte fließen eben nur dann, wenn wie sie am wenigsten erwarten. Wenn wir entspannt unter der Dusche stehen, Dinge beobachten und unsere Gedanken einfach nur fließen lassen.

Kreativität lebt von vorhandenem Wissen

In Wahrheit ist unser Gehirn aber ununterbrochen kreativ. Wir generieren ständig neue neuronale Erregungsmuster, die sich verfestigen oder bei nicht Gebrauch wieder verschwinden. Welches der beiden Dinge passiert, entscheiden wir durch tatsächliches Machen und dem, was wir daraus lernen. Aber auch wenn wir Ergebnisse simulieren, also in unserer Phantasie bearbeiten, schaffen wir neuronale Muster. Wird die Idee dann von uns als nützlich markiert, werden Glückshormone ausgeschüttet, die wiederum den Teil unseres Gehirns, der für das Lernen zuständig ist, füttert.

Diese Art, Wissen anzuhäufen, hilft uns, noch mehr Verbindungen im Gehirn aufzubauen und dadurch die bisher angesammelten Fertigkeiten und Fähigkeiten auszuweiten. Dadurch schaffen wir eine größere Auswahl an neuen Verknüpfungen, die wir brauchen, um der Kreativität die richtige Basis für geniale Ideen zu schaffen.

Trial and error als Grundlage

Kennen Sie die Geschichte des griechischen Wissenschaftlers Archimedes? Archimedes wurde der Legende nach damit beauftragt, herauszufinden, ob die neue Krone des Königs wirklich aus reinstem Gold war. Natürlich konnte er die Krone nicht einfach zerbrechen und reinbeißen, denn das hätte sie zerstört. Was aber tun? Archimedes überlegte hin und her, aber so sehr er sich das Hirn zermarterte, keine sinnvolle Lösung wollte ihm einfallen. Erst als er sich eines Tages im Bad aufhielt und endlich einmal nicht darüber nachdachte, bemerkte er, dass die Höhe des Wassers anstieg, sobald er hineinstieg. Archimedes schlussfolgerte aus dieser Beobachtung, dass er die Wassermenge verwenden konnte, um das Volumen eines Körpers zu bestimmen. Durch das Wissen, welches Volumen vorhanden war, konnte er die Dichte errechnen, die wiederum zur Lösung seines Problems führte: Archimedes fiel wie Schuppen von den Augen, wie er ganz einfach herausfinden konnte, ob die Krone aus reinstem Gold bestünde oder ob sie auch Silber enthielt, das weniger dicht ist.

Die Geschichte von Archimedes veranschaulicht die Macht, die Sie haben, wenn Sie Ihren Geist einfach wandern lassen. Bewegen Sie Ihre Konzentration weg von der Suche nach einer kreativen Lösung hin zu einer für unseren Geist wenig anspruchsvollen Tätigkeit, kann das der Start eines kreativen Prozesses sein, bei dem Sie wie durch Zauber die ursprüngliche Aufgabe lösen.

Und in der Praxis?

Ob es ein Spaziergang in der Natur ist, ein warmes Bad nach einem anstrengenden Tag oder einfach etwas, bei dem Sie Ihren Gedanken freien Lauf lassen, verbinden Sie Ihre Gedanken auf neue und ungewöhnliche Weise. Aktivitäten, die Ihren Körper fordern, fördern sogar noch besser neue und innovative Ideen.

Im Design Thinking arbeiten wir ständig mit dieser „geistigen Freiheit“: Wir bewegen uns möglichst viel im freien Raum, gehen umher, gestikulieren, was das Zeug hält, um diesen freien Fluss an Ideen, der für kreative Durchbrüche benötigt wird, zu fördern.

Jeder Mensch hat die Macht, die Mechanismen der kreativen Problemlösung zu fördern oder zu behindern. Jedes Mal, wenn wir uns fühlen, als wären wir an unsere Schreibtische gekettet, um ein Problem zu lösen, erschweren wir uns selber dabei, kreative Ideen zu gebären. Dabei fließt Kreativität vor allem dann, wenn wir bewusst die Arbeit für einen kurzen Moment beiseitelegen und Tagträumen oder uns einfach nur entspannen. Probieren Sie es doch einfach mal aus.