Von Ingrid Gerstbach

Innovative Unternehmen haben Mitarbeiter, die eine Menge an unterschiedlichstem Wissen und Erfahrung gesammelt haben. Dieses Know-how ist eines der Geheimnisse ihrer Kreativität. Meiner Erfahrung nach gibt es vor allem zwei spezielle Persönlichkeitsmerkmale, die erfolgreiche Generalisten vereint: Ihre Offenheit neuen Erfahrungen gegenüber und eine schier unstillbare Neugierde, die sie treibt.

Offenheit für Erfahrungen als einer der Big Five

Sehen wir uns zunächst mal die Offenheit für Erfahrung bzw. die Neigung zur Wissbegierde genauer an: In der Psychologie gibt es die sogenannten Big Five Persönlichkeitsfaktoren. Diese sind das Resultat jahrzehntelanger Persönlichkeitsforschung und dienen als Ansatz einer umfassenden Beschreibung der menschlichen Persönlichkeit. Zentral für diesen Forschungsansatz ist die sogenannte „lexikalische Hypothese", die davon ausgeht, dass alle wichtigen Aspekte der menschlichen Persönlichkeit in den Eigenschaftswörtern einer Sprache wiederzufinden sind. Auf Basis von Listen mit über 18.000 Begriffen wurden fünf sehr stabile und weitgehend kulturstabile Faktoren, die Big Five, identifiziert, die wiederum durch eine Vielzahl von Studien belegt werden konnten.

Offenheit für neue Erfahrung ist eine dieser Big Five Persönlichkeitseigenschaften und bezeichnet den Grad an Erfahrung, zu dem eine Person bereit ist, neue Ideen und Möglichkeiten zu prüfen. Während einige Menschen die Aussicht auf neue Gedanken genießen, bevorzugen andere vertraute Ideen und Aktivitäten und halten lieber an Konventionen und konservativen Einstellungen fest.

Personen mit hohen Offenheitswerten haben ein reges Fantasieleben, können ihre Gefühle deutlicher wahrnehmen und sind an vielen verschiedenen Themen interessiert. Sie beschreiben sich selbst als sehr wissbegierig, fantasievoll, intellektuell und experimentierfreudig. Menschen mit dieser Eigenschaft verhalten sich häufig unkonventionell, probieren gerne neue Handlungsweisen aus und lieben die Abwechslung.

Es überrascht wohl nicht, dass ein hohes Maß an Offenheit für Erfahrung mit Kreativität einhergeht. Schließlich erfordert Kreativität auch den Mut, etwas zu tun, das vorher noch nicht getan wurde. Wenn Sie nicht bereit sind, etwas Neues auszuprobieren, wird es schwierig, kreativ zu denken.

Kommt Kunst von Können?

Kreativität erfordert aber noch eine zweite, wichtige Zutat, nämlich Wissen. Um sich in neuen Bereiche vorzuwagen, brauchen Sie Kenntnisse über dieses Gebiet: Kreative Künstler beispielsweise haben extrem viel Wissen über Kunstgeschichtliches wie über die verschiedenen Epochen und Einflüsse und haben oft mehrere Kunsthandwerke erlernt. Der Begriff Kunst ist nicht von ungefähr ein Substantivabstraktum zum Verb „können“, bedeutete ursprünglich aber eigentlich kennen, vermögen und wissen, also die durch Übung erworbene Fertigkeit.

Bei allem, wo Kreativität ins Spiel kommt, braucht es auch Experten, die über den eigenen Tellerrand blicken und ein breites Know-how in unterschiedlichen Teilen haben. Warum? Weil Kreativität fordert, dass Sie Analogien zwischen dem einem und dem anderen ziehen können: Pablo Picasso zum Beispiel war Meister darin, westliche Kunsttechniken mit Elementen aus der afrikanischen Kunst zu fusionieren. Ihn faszinierte die Art und Weise, wie afrikanische Künstler mehrere Perspektiven in einer einzigen Arbeit kombinierten. Diese innere Faszination und Leidenschaft führte Picasso zur Entwicklung des Kubismus.

Leichter gesagt als getan?

Um das nötige Wissen über eine bestimmte Disziplin, sowie eine breite Wissensbasis zu entwickeln, die Sie später für Analogien brauchen, müssen Sie vor allem in einem wirklich gut sein: im Genießen zu denken. Denn der Weg zu neuen Erkenntnissen und Innovationen ist selten ein gerader. Vielmehr ist es oft schwierig und frustrierend, neue Dinge zu erlernen. Je mehr Sie das Denken genießen, desto freudiger und intensiver setzen Sie sich mit neuen Themen auseinander. Und diese führen wiederum zu frischen Erkenntnissen.

Manche Menschen knien sich förmlich in Themen heinein, während andere eher Situationen vermeiden, die sie zum Denken zwingen. Menschen, die ein Bedürfnis nach Neuem spüren und erleben wollen, bringen fast schon automatisch die dazu notwendige Zeit und Mühe mit Lernen auf. Schon alleine deshalb, weil sie den Prozess des Lernens eben genießen können.

Innovation lebt von der Analogie des Wissens verschiedener Bereiche

Die Kombination von Offenheit für Erfahrung und einem großen Wissensdurst ist extrem mächtig. Menschen, die diese Symbiose leben, entwickeln die Gewohnheit, sich schnell in eine breite Palette verschiedener Themen zu vertiefen. Sie sehen beispielsweise gerne Dokumentationen, lesen Artikel aus unterschiedlichsten Bereichen und greifen schnell in Gespräche über neue Themen ein. Erkennen können Sie solche Menschen daran, dass sie viele Fragen stellen, um sicherzugehen, dass sie auch tatsächlich verstehen.

Generalisten, die wir in der Innovation so dringend brauchen, tragen genau diese große Menge an Wissen in sich, in dessen Fokus ein spezieller Bereich liegt. Sie sind in der Lage, diese Vielfalt gekonnt zu nutzen, indem sie neue Möglichkeiten vorschlagen und aktiv knifflige Probleme zum Lösen suchen. Wenn Sie also für einen Innovationsprozess ein Team zusammenstellen, werden Ihnen verschiedene Personen dieses Typs sehr weiterhelfen.

Aber es wäre nicht das Leben, wenn nur ein Weg zum Ziel führen würde: Natürlich gibt es noch andere Wege kreativ zu sein – auch ohne einer großen Offenheit an Erfahrungen oder dem brennenden Bedürfnis nach neuen Erkenntnissen. Zum Beispiel gibt es Menschen, die dazu neigen, nicht jedem neuen Gedanken auf die Spur kommen zu wollen, sondern lieber dahinschweifen. Oder Menschen, die einfach intuitiv handeln, ohne einen wirklichen Wert in neuen Erfahrungen zu sehen. Oder Menschen, die lieber einfach machen und weniger grübeln und durch Handeln etwas Neues lernen.

Je mehr Sie sich aber erweitern und Ihre Wissens-Basis vertiefen, desto mehr Möglichkeiten werden Sie finden, Ihre Kreativität auszuleben.