Von Ingrid Gerstbach

Der (akademische) Arbeitsmarkt ist launisch. Ich hatte letztens einen Auftrag in einer Universität. Dabei fiel mir auf, dass je weiter oben jemand in der Hierarchie ist, desto wichtiger ist sein oder ihr Titel, desto weiter oben ist er oder sie in der Nahrungskette.

Diese Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen von Arbeitnehmern ist so breit und scheint weitgehend eine Folge eines natürlichen Ergebnisses zu sein. Ein Ergebnis, das scheinbar einfach so „passiert“, wenn Menschen Dinge (und andere Menschen) in der Welt in Kategorien einteilen. Sobald wir einer Person ein Etikett vergeben, beginnen wir zu glauben, dass diese Person stellvertretend für eine ganze Kategorie steht.

In jeder Organisation klassifizieren wir die Menschen anhand ihrer Arbeit und ihrer Verantwortungen. Oft sind die Kategorien, die wir dabei diesen Personen geben, eine Folge von Etiketten, die die Personalabteilung vorab erstellt hat. Diese Etiketten schaffen eine Art psychologische Essenz der Menschen, die diese Bezeichnungen tragen.

Kein Wunder, denn wir werden täglich mit so vielen unterschiedlichen Daten überflutet, dass es oft einfacher ist, geistig Informationen in Ordner einzuteilen, anstatt zu überlegen, ob etwas nicht für mehrere Kategorien zutreffen könnte. Denn unser Hirn ist im Grunde genommen faul (oder euphemistischer ausgedrückt: Es arbeitet lieber ökonomisch). In den meisten Fällen hören wir einfach auf, nach weiteren Optionen oder Alternativen zu suchen geschweige denn diese überhaupt in Betracht zu ziehen. Stattdessen nützen wir unsere Erfahrungen und bekannte Wege, um Komplexität zu reduzieren. Das kann durchaus die richtige Wahl sein. Muss es aber nicht. Und genau darin steckt eine große Gefahr, auch wenn das Verhalten zuweilen tatsächlich ökonomisch ist.

Ein Ergebnis davon ist, dass - wenn wir beispielsweise gute Kandidaten für wichtige Projekte suchen – wir dann diese Listen in unserem Kopf durchgehen. Und damit Chancen verpassen mit Menschen zusammenzuarbeiten, deren Kategorie in keinster Weise ihr tatsächliches Potential widerspiegelt.

Um der Falle der Kategorisierung zu entkommen, gibt es ein paar Dinge, die Sie tun können:

Verwenden Sie unterschiedlichste Kategorien

Die meisten Dinge in der Welt können Sie auf viele Weisen klassifizieren: Ein kleines Wollknäuel, das haart und bellt, können Sie in die Kategorie Hund stecken, aber auch in die Kategorie Haustier oder sogar Familienmitglied. Das funktioniert aber nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen: Wir sind es gewohnt in Kategorien wie Berufsbezeichnungen zu denken, dabei gibt es noch viele weitere Möglichkeiten. So können Sie Kategorien in Bezug auf verschiedene Generationen (Boomer vs. Millennial) oder Erfahrungen in der Organisation (Neuling vs. Erfahren) oder technologische Fähigkeiten (versiert vs. Technikverweigerer) verwenden. Je mehr Kategorien Sie einsetzen, desto unwahrscheinlicher werden Sie in einem bestimmten Etikettiersystem verhaftet sein.

Beobachten Sie Ihre eigene Reaktion

Wenn jemand beispielsweise einen Vorschlag für ein Projekt macht, stehen die Chancen gut, dass Ihnen sofort bestimmte Gedanken dazu einfallen. Halten Sie kurz inne und überlegen Sie, woher Ihre Reaktion kam. Auf diese Weise können Sie Rückschlüsse auf Ihr eigenes Bewertungssystem erhalten. Sie werden erkennen, dass es oft weniger wichtig ist, was die Leute sagen oder welche Vorteile die Idee selbst hat, als wer es gesagt hat. So berichten beispielsweise viele Frauen, dass gerade bei der Arbeit ihre Ideen oft weniger enthusiastisch angenommen werden, als wenn die gleiche Idee von einem männlichen Kollegen vorgestellt wird. Je mehr uns bewusst wird, in welchen Kategorien wir denken, desto mehr Einfluss haben wir auf unsere eigenen Bewertungen und desto seltener werden spontane Reaktionen.

Konzentrieren Sie sich auf tatsächlich gegebene Fähigkeiten

Wenn Sie Menschen bei der Arbeit begegnen, konzentrieren sich auf das, was sie tatsächlich am Arbeitsplatz machen - und nicht auf deren Berufsbezeichnung. Worin ist jemand besonders gut? Welche Kenntnisse hat er oder sie? Was macht ihn oder sie im Besonderen aus? Auf diese Weise geben Sie sich selbst eine Chance, Möglichkeiten zu erkennen, Personen anders in Projekte einzusetzen und so neue Potentiale zu heben. Auch wenn die Berufsbezeichnung vielleicht für die speziellen Aufgaben nicht ganz typisch sind.

Fazit

Dinge zu kategorisieren ist letztlich eine automatische Reaktion unseres menschlichen Gehirns. Kategorien spielen eine wichtige Rolle in unserer Fähigkeit, zu planen, zu denken und vorherzusagen. Aber die Kategorien, die wir für die Menschen in unserer Welt schaffen, sind oft willkürlich. Und unsere Tendenz, eine Essenz in diesen Kategorien zu geben, kann uns großartige Chancen verpassen lassen. Diese Tendenz zu verstehen, ist ein erster Schritt auf dem Weg flexibler mit den Menschen in Ihrer Umgebung zu agieren.