Von Ingrid Gerstbach

Die meisten von uns glauben zu wissen, wie die Dinge, mit denen wir es täglich zu tun haben, zumindest grob funktionieren. Nehmen Sie zum Beispiel Ihren Computer. Wenn Sie nicht gerade technisch interessiert sind, haben Sie sich schon jemals gefragt, wie dieses Gerät funktioniert? Nicht nur grob, sondern wirklich im Detail? Wie schafft es zum Beispiel Ihr Bildschirm, Ihnen in diesem Moment die Symbole auf diese Art und Weise anzuzeigen, dass Sie sie auch verstehen? Wie funktioniert die Maus, die Tastatur oder das Touchpad?

Quellen des Alltagswissens

Wann immer ich solchen Fragen in meinem Alltag begegne, bediene ich mich einem einfachen Klick, um eine schnelle Antwort zu erhalten, die meine Neugierde befriedigt. In den meisten Fällen lande ich auf diese Weise bei Wikipedia, seines Zeichens Online-Lexikon und ultimativer Beweis für Schwarmintelligenz und dem partizipativem Potenzial des Internets. Dort vermeinen wir all das zu finden, was es über die Welt zu wissen gibt. Unter anderem eben auch wie Computer funktionieren. In den meisten Fällen sind die dortigen Erklärungen allerdings recht simpel - sie geben gerade mal die Grundlagen wieder. Was die Artikel nur in den seltensten Fällen verraten, ist das "Warum". Die wenigsten hinterfragen die Dinge bis ins Detail und erklären dadurch nicht, warum etwas auf genau diese Art und Weise funktioniert bzw. warum etwas so ist, wie es nun mal ist.
Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch - Wikipedia ist eine wunderbare Innovation. Aber sie hat nun mal ihre Schwächen, die u.a. dazu führen, dass viele Artikel existieren, die ungenau oder teilweise sogar falsch sind.

Vorsicht vor der Illusion des Wissens

Dabei sind es genau solche Fragen, die wir meiner Meinung nach noch viel öfter fragen und beantworten sollten. Wir sind der Überzeugung, dass wir verstehen, wie die meisten Dinge in der Welt funktionieren. Die Wahrheit ist aber eine andere. Vielmehr erliegen wir allzu oft nur der Illusion des Wissens.

Ein Beispiel: In einem Experiment der Cornell University wurde das Finanzwissen von 100 Probanden auf die Probe gestellt. Dazu wurden sie unter anderem nach 15 Finanzbegriffen befragt, von denen einige tatsächlich existierten, andere wiederum frei erfunden waren. Das Ergebnis: Die Probanden, die sich selbst als Experten auf dem Gebiet der Finanzen eingeschätzt hatten, reklamierten ihre Kenntnisse über alle Begriffe - sowohl die existenten als auch die nicht-existenten - für sich. Je überzeugter die TeilnehmerInnen von ihrem eignen Wissen waren, desto größer auch die Überzeugung, einzelne Begriffe umfassend erklären zu können.

Diese Tendenz, zu denken, dass wir ein besseres Verständnis von den Dingen haben, als es tatsächlich der Fall ist, wird die Illusion des Wissens genannt.

Ein praktischer Beweis gefällig?

Sie meinen, Sie sind immun dagegen? Dann bitte ich Sie umso dringlicher bei diesem kurzen Experiment mitzumachen (keine Sorge, es tut nicht weh): Bevor wir starten, bitte ich Sie, Ihr eigenes Wissen über den Aufbau eines Fahrrads auf einer Skala von 1 bis 7 einzuschätzen, wobei 1 "absolut keine Ahnung " und 7 „voller Durchblick“ bedeutet. Wo würden Sie Ihr eigenes Wissen ansiedeln?
Wenn Sie wie die meisten Menschen ticken, finden Sie sich zwischen 4 und 5 wieder. Sie schätzen also, ein ziemlich großes Wissen über den Aufbau von Fahrrädern zu besitzen. Zumindest stuften sich so die Probanden des Originalexperimentes von Rebecca Lawson ein.

Los geht's: Holen Sie sich bitte ein Blatt Papier und zeichnen Sie aus Ihrer Erinnerung heraus ein Fahrrad. Machen Sie sich bitte keine Sorgen um den künstlerischen Aspekt der Sache, sondern versuchen Sie sich auf die Details zu konzentrieren: Die Lenkstange, die Pedale, den Sattel etc.

Fertig? Sehr gut. Betrachten Sie nun bitte Ihre Zeichnung und beantworten Sie folgende Fragen:

  • Haben Sie an die Fahrradkette gedacht?
  • Wenn ja, verläuft diese Kette zwischen beiden Rädern?
  • Gibt es einen Rahmen, der die Vorder- und Hinterräder miteinander verbindet?
  • Sind die Pedale auf der Innenseite mit der Kette verbunden?
  • Wenn Sie eine Kette, die die beiden Räder des Fahrrads verbindet, gezeichnet haben, haben Sie auch darüber nachgedacht, wie die Kette funktioniert, wenn die Pedale die Kette zum Drehen bringen, das Vorderrad aber so weit flexibel sein muss, dass Sie die Richtung ändern können (die Kette selbst ist ja nicht dehnbar)?
  • Wie sieht der Rahmen aus?
  • Ist er womöglich starr mit beiden Rädern verbunden?
  • Wie soll das Fahrrad dann nicht nur geradeaus fahren?
  • Wo genau sind die Pedale angesiedelt? Außerhalb der Kette wäre es unmöglich, die Kette durch Pedaltreten zu aktivieren...

Sie sehen: Es gibt eine Unmenge an Dinge zu beachten und zu bedenken. Die Sache ist eben selten so einfach, wie wir es im ersten Moment glauben. Dieses kleine Experiment zeigt aber auch, dass wir Menschen viel besser darin sind, Dinge zu erklären, die direkt vor unseren Augen existieren, als wenn wir aus dem Gedächtnis heraus etwas skizzieren und erklären. Dieses Beispiel veranschaulicht einen weiteren kritischen Aspekt der Illusion des Wissens. Weil wir so vertraut mit den alltäglichen Dingen in unserer Umgebung sind, gehen wir automatisch unbewusst davon aus, dass wir ein tiefes Verständnis davon haben, wie diese Dinge funktionieren.

Wir denken, dass wir sie verstehen, wenn wir sie schon eine Weile lang benutzt oder uns an sie gewöhnt haben. Dabei besitzen wir nur ein oberflächliches Verständnis, das wir erst dann erkennen, wenn wir beginnen, die ganze Sache zu hinterfragen. Nur wenn wir unsere eigenen Annahmen bewusst in Frage stellen, erkennen wir, ob sie tatsächlich stimmen.

Warum Warum?

Die meisten von Ihnen kennen bestimmt die „Five Whys“ Technik (hier finden Sie eine kurze Erklärung). Diese Methode soll nicht beweisen, wie schlau oder cool es ist, mit Fragen andere zu verunsichern, sondern es geht darum, Probleme gezielt an der Wurzel zu packen und so der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Es fordert Ihre Annahmen über das, was Sie denken zu wissen, brutal heraus.

Was das alles mit Design Thinking und Innovation zu tun hat? Viel. Denn wenn Sie nicht daran interessiert sind zu überlegen, wie die Welt um Sie herum funktionieren könnte, dann werden Sie nie auch nur ansatzweise Probleme wirklich lösen können. Um das zu tun, ist es notwendig, das Wie gezielt mittels dem Warum hinterfragen.