Von Ingrid Gerstbach

Ein jeder von uns hat Träume, Visionen, Fantasien - gedankliche Luftschlösser eben. Doch die meisten von uns hören irgendwann mit dem Bauen auf und werden das, was wir Menschen gemeinhin als „realistisch“ bezeichnen. Anstatt, dass wir diese Träume so umsetzen, dass diese Luftschlösser sich materialisieren, verschwinden sie schnell wieder in der Schublade.
Dabei brauchen wir doch viel mehr Luftschlossarchitekten als Realisten. Menschen, die große Visionen vor Augen haben, und diese auch verfolgen. Denn Luftschlösser wollen bewohnt werden und nicht unter Denkmalschutz stehen bis sie von alleine zerfallen.

Ein gutes Beispiel eines erfolgreichen Luftschlossarchitekten ist für mich der Erfinder der Post its, Arthur Fry. Begonnen hat alles mit einer Vision. Das ist auch gut so, denn ein analytischer Denkprozess hätte nicht die Verbindung zwischen den lästigen kleinen Papierstücken gebracht, die er dazu nutzte, um seine Chor-Noten zu markieren, und dem schwachen Klebstoff, den ein anderer 3M-Ingenieur entwickelt hatte.

Diese Art des Denkens, das unerwartete Zusammenhänge ermöglicht, ist das Wesen der Kreativität. Der Trick ist, Tagträume willkommen zu heißen und den Geist wandern zu lassen, und zwar so, dass plötzliche Analogien sichtbar werden kann. Bitte missverstehen Sie mich nicht: Es geht nicht darum, dass Sie den ganzen lieben Tag lang im Haus sitzen und langwierige Tagträume produzieren. Wenn Sie das machen, werden auch die Einsichten nicht kommen. Diesen Aha-Momenten muss schon eine bestimmte Dichte an Aufmerksamkeit auf ein Problem zuvor kommen. Wenn das der Fall ist und der Start ein Problem ist, dann widmet sich der Tagtraum einer gedanklichen Wanderung, die wiederum in einem Akt der produktiven Kreativität endet.

Dazu muss sich unser Geist wohlfühlen. Erst dann sind wir geneigt, die geballte Aufmerksamkeit nach innen auf jenen Strom von entfernten Assoziationen zu richten, der von der rechten Hemisphäre ausgeht. Wenn wir sorgfältig fokussiert sind, neigt unsere Aufmerksamkeit dazu, sich nach außen hin zu richten - auf die Einzelheiten der Probleme, die wir lösen wollen. Dieses Muster an Aufmerksamkeit ist notwendig, wenn wir analytische Probleme lösen wollen. Das verhindert aber, dass wir die Verbindungen erkennen, die zu Einsichten führen. Sie müssen vorab schon das Haus verlassen, raus gehen, um Neues zu entdecken. Es erscheinen die Art von Problemen unlösbar, zu denen wir keinen Bezug haben. Zu dem das Gefühl für eine Lösung, Gefühl für Fortschritt fehlt.
Die wirklichen Ideen kommen dann, wenn wir uns entspannen. Wenn wir aufhören, an die Arbeit zu denken. Das nächste Mal, wenn jemand Sie fragt, ob es nicht besser wäre, wenn Sie arbeiten würden, statt nur dazusitzen und zu träumen, dann antworten Sie bitte, dass Sie dabei sind, ein Luftschloss zu bauen. Das ist das Beste, was Sie für sich und Ihre Umgebung machen können. Denn dann sind Sie wirklich kreativ.