Von Ingrid Gerstbach

Eine der spannendsten Sachen in meinen Workshops ist für mich das Verhalten der Menschen in Gruppen. Denn fast jedes Mal zeigt sich: Der Mensch neigt zur Konformität. Vielleicht, weil es bequemer ist. Aber ich glaube vor allem deshalb, weil der Mensch ein soziales Wesen ist. Und querzudenken dabei meistens als Bedrohung des Status quo gesehen wird.

Aber es gibt noch was anderes, interessantes zu beobachten: Ganz oft sind solche zwischenmenschlichen Zusammenkünfte nichts anderes als Marktplätze für Machtspiele und Eitelkeiten mit teilweise fatalen Nebenwirkungen. Denn dieser menschliche Hang zur Übereinstimmung kann von Selbstverleugnung bishin zu reichlich schwachsinnigen Ergebnissen führen...

Menschen treten Gruppen aus verschiedenen Gründen bei. Am häufigsten deswegen, weil die Gruppe ein spezielles Bedürfnis des Individuums erfüllt. So kann eine Gruppe Kameradschaft bieten oder für das Überleben und die Sicherheit sorgen, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Status, Macht und Kontrolle erfüllen. Interessanterweise gibt es keine allgemeingültige Beschreibung dessen, was eine Gruppe darstellt, obwohl die Forschung einige gemeinsame Anforderungen identifiziert hat, die Gruppen aufweisen:

  • Gegenseitige Abhängigkeit: Die einzelnen Mitglieder müssen - bis zu einem gewissen Grad - abhängig vom Output des Kollektiven sein.
  • Soziale Interaktion: Es erfordert eine gewisse Form von verbaler oder nonverbaler Kommunikation unter den Mitgliedern.
  • Wahrnehmung einer Gruppe: Alle Mitglieder fühlen sich als Teil einer Gruppe.
  • Zielkonsens: Alle Mitglieder des Kollektivs treffen zusammen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
  • Bevorzugung: Mitglieder der gleichen Gruppe sind in der Regel positiv voreingenommen gegenüber anderen Mitgliedern und entscheiden sich zu deren Gunsten.

Wie Gruppen das individuelle Verhalten beeinflussen

Individuelles Verhalten und Entscheidungsfindung wird also durch die Anwesenheit anderer beeinflusst. Es gibt sowohl positive als auch negative Auswirkungen der Gruppe, die Einfluss auf das individuelle Verhalten ausübt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, aber ich möchte mich hier auf drei verschiedene Ausprägungen und deren Auswirkungen im beruflichen Kontext konzentrieren: Gruppendenken, Groupshift und Deindividuation.

Gruppendenken

Bei Gruppendenken führt der Wunsch nach Harmonie oder Übereinstimmung in der Gruppe zu oftmals schlechten Entscheidungen. Gruppenmitglieder versuchen Konflikte zu minimieren und eine Konsensentscheidung ohne kritische Bewertung alternativer Ideen oder Standpunkte zu erreichen. Die Gruppe isoliert sich selbst von äußeren Einflüssen, es findet eine starke Loyalität für Einzelpersonen statt und der Verlust der individuellen Kreativität und des unabhängigen Denkens geht verloren. Die Gruppe erliegt der „Illusion der Unverwundbarkeit“. Die Gruppenmitglieder erleben eine unrealistische Gewissheit, dass die richtige Entscheidung getroffen wurde. Typischerweise steht die Gruppe unter einem hohen Druck, eine Entscheidung zu treffen, und es fehlt ein unparteiischer Führer. Diese Faktoren können eine Gruppe führen eine katastrophal schlechte Entscheidung zu treffen. Während Gruppendenken allgemein als negatives Phänomen angenommen wird, hat es aber durchaus auch seine positiven Seiten: Gruppen arbeiten häufig verstärkter zusammen und lösen Probleme effizienter als Einzelpersonen.

Groupshift

Groupshift ist ein Phänomen, bei dem die Ausgangspositionen einzelner Mitglieder einer Gruppe in einer Extremposition mündet. Wenn Menschen Teil einer Gruppe sind, beurteilen sie die Risiken anders, als sie es alleine tun würden. In der Gruppe werden meistens riskantere Entscheidungen getroffen, da das gemeinsame Risiko scheinbar weniger wiegt als das individuelle Risiko.

So kann eine Gruppe von Menschen, die jeder für sich zum Beispiel ganz leichte, rassistische Neigungen haben, schnell zu extrem rassistischen Handlungen tendieren, sobald sie zusammen sind. Die Theorie hinter dieser Verschiebung ist, dass die Gruppendynamik den einzelnen Mitgliedern das Gefühl gibt, dass ihre Position korrekt ist. Sie fühlen sich dadurch unterstützt und wohler, wenn sie die extremeren Ansichten annehmen. Diese scheinen weniger riskant zu sein, wenn zahlreiche Gleichgesinnte zusammenhalten.

Deindividuation

Deindividuation ist genau das, was das Wort bedeutet: der Verlust der eigenen Individualität. Statt als Individuum zu handeln, geht der Einzelne bei allem mit, das die Gruppe auch immer tut. Sei es Ausschreitungen, Plünderungen oder auch Mobbing. Manche Experten gehen davon aus, dass dies geschieht, weil Menschen ein Gefühl der Anonymität in einer Gruppe erleben. Je größer die Gruppe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Deindividuation. Menschen verzichten dann lieber auf das eigene Selbstbewusstsein und geben die Kontrolle an die Gruppe an. Das geschieht vor allem dann, wenn eine Gruppe das tut, was sich ein einzelner alleine nie trauen würde. Die Erfahrung dessen bewegt die Person so sehr.

Es ist wichtig, Deindividuation von Gehorsam zu unterscheiden (wenn sich eine Person den expliziten Anweisungen oder Befehlen einer Autoritätsperson ergibt), Compliance (wenn eine Person positiv auf eine Anfrage von anderen antwortet) und Übereinstimmung (wenn eine Person in Teilen versucht der Gruppe zu entsprechen).

Bühne frei für Neinsager, Querdenker und Störenfriede

In Gruppen geschieht oft folgendes: Das, was gemeinhin schon alle wissen, wird breit besprochen, dabei bleibt das Spezialwissen einzelner Mitglieder auf der Strecke. Geteilte Informationen gelten ohnehin mehr als ungeteilte Informationen.
Um Gruppendenken in Ihrem nächsten Meeting zu vermeiden, versuchen Sie, Diskussion über Entscheidungen in zwei Phasen aufzuteilen. Tragen Sie dazu in der ersten Phase alle vorhandenen Informationen zusammen. Achten Sie dabei darauf, dass die Teilnehmer nicht ihre Vorlieben äußern, sondern erst nach dem vollständigen Informationsaustausch Gedanken dazu austauschen.
Gruppen treffen auch dann meistens die besseren Entscheidungen, wenn viele unterschiedlichen Alternativen besprochen wurden.
Neinsager, Querdenker und Störenfriede helfen dabei, ein Diskussionsklima mit abweichenden Meinungsäußerungen zu schaffen.

Im Design Thinking setze ich bewusst auf ein bewährtes Mittel: Bei der „Advocatus Diaboli" Technik wird jemand dazu bestimmt, Sündenbock zu sein und notfalls auch gegen seine eigene Überzeugung konsequent in Gegenposition zu treten. Dadurch werden die verschiedenen Argumente einer kritischen Probe unterzogen und Alternativen nicht aus den Augen verloren. Probieren Sie es doch gleich beim nächsten Meeting aus und wählen Sie offiziell einen Advocatus Diaboli noch bevor es in die offizielle Entscheidungsfindung geht.