Von Ingrid Gerstbach

Eine beliebte Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme, ist, was zu tun ist, wenn in Workshops Menschen dabei sind, die vor allem durch dumme Fragen auffallen. Hier meine Antwort:

„Die Erde hat ihre Grenzen, aber die menschliche Dummheit ist unendlich“, schrieb einst Gustave Flaubert. Der französische Dichter wetterte wie kein anderer gegen die Dummheit seiner Mitmenschen. Er sah sie überall: im Klatsch der Mittelklasse genauso wie in den Vorträgen von Wissenschaftlern. Nicht einmal Voltaire entkam seinen kritischen Augen. Seine letzten Jahre widmete Flaubert damit, eine Art Enzyklopädie der Dummheit zu schreiben. Er starb kurz vor dem Abschluss seines Hauptwerks einen plötzlichen Tod mit 58 Jahren - vielleicht war der Grund Frustration?

Je tiefer man gräbt, desto schneller erkennt man, dass unsere üblichen Maßstäbe für Intelligenz im Grunde doch sehr wenig mit der Art von irrationalen, unlogischen Verhaltensweisen zu tun hat, die u.a. Flaubert so wütend gemacht haben. So gibt es Menschen, die an sich sehr intelligent, aber trotzdem nicht davor gefeit sind, manches Mal sehr dumm zu handeln.

Ist das andere Ende von Intelligenz wirklich Dummheit?

Das Verständnis der Faktoren, die kluge Leute zu schlechte Entscheidungen führen, beginnt Licht auf viele Ereignisse zu werfen. Die Idee, dass Intelligenz und Dummheit einfach jeweils die Enden eines gegenüberliegenden Spektrums sind, ist überraschend modern. So ist man in der Renaissance davon ausgegangen, dass Dummheit eine Kombination aus Eitelkeit, Hartnäckigkeit und Nachahmung wäre. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts verschmelzt Dummheit mit Intelligenz. So schrieb der Psychologe William Stern 1912: „Intelligenz ist die Fähigkeit des Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen; sie ist die allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens.“ Der Sozialpsychologe Peter Hofstätter nannte Intelligenz 1966 wiederum „... die Befähigung zum Auffinden von Ordnung und zum Auffinden von Redundanz“. 1994 definierte die Bildungspsychologin Linda Gottfredson Intelligenz als „... eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die – unter anderem – die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken, zum Planen, zur Problemlösung, zum abstrakten Denken, zum Verständnis komplexer Ideen, zum schnellen Lernen und zum Lernen aus Erfahrung umfasst.

Die Sache mit vorschnellen Urteilen

Fakt ist, dass Intelligenz alleine nicht vor dummen Entscheidungen schützt. So beweist eine Studie von Shane Frederick, dass rationales Denken und Intelligenz nicht Hand in Hand gehen. Dazu wurden Probanden einfache Fragen gestellt wie zum Beispiel:
„Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen einen Dollar und zehn Cent. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?“
(Bevor Sie weiterlesen, überlegen Sie selbst kurz.)
Dabei kam heraus, dass einige Leute die Tendenz haben, mit der falschen Antwort herausplatzen, die besagt, dass der Ball zehn Cent kostet. Die richtige Antwort ist aber, dass der Ball fünf Cent kostet. Mehr als die Hälfte der Studenten, die die falsche Antwort nannten, stammen aus einigen der angesehensten Universitäten der Welt wie Harvard, Princeton und M.I.T.

Forscher von der James Madison University und der University of Toronto verfolgten diesen Ansatz und kamen nach Auswertung ähnlicher logischer Tests zu dem Schluss, dass intelligente Menschen deswegen meistens falsch liegen, weil sie eher mehr mentale Fehler bei der Problemlösung machen. Intelligenz kann u.a. zu blinden Flecken beim logischen Denken führen, die wiederum übermütig handeln lassen. Je intelligenter also jemand zu sein scheint, desto mehr ist er oder sie daran gewöhnt, recht zu haben. Das wiederum führt dazu, dass sie schneller antworten und nicht kurz innehalten, um die Dinge zunächst zu durchdenken. Diese Denkfehler machen uns blind für unsere eigenen Fehler und Schwächen. Je dümmer der Fehler, desto schwieriger ist es für eine intelligente Person zu akzeptieren, dass sie ihn gemacht haben.

Was bedeutet aber nun Dummheit in der Zusammenarbeit mit anderen?

Was gerade in der Zusammenarbeit zählt, ist letztlich Ihr eigenes Urteil. Bevor Sie dieses vorschnell fällen, überlegen Sie kurz:

  • Verstehen Sie voll und ganz, was der andere eigentlich sagen will? Oder sprechen Sie vielleicht aneinander vorbei?
  • Sprechen Sie vielleicht zu abstrakt oder in unklaren Methapern, die der andere einfach nicht versteht, weil er oder sie z.B. aus einem anderen Feld kommt?
  • Beantworten Sie die gleiche Frage? Vielleicht beleuchtet jeder nur einen anderen Blickwinkel?
  • Bedienen Sie sich einer gemeinsamen Definition und Terminologie?
  • Ist vielleicht eine gewisse Unsicherheit zu spüren, weil der andere sich womöglich eingeschüchtert fühlen könnte?

Stellen Sie Fragen, um auch wirklich sicher zu sein, dass Sie den anderen verstehen. Diese Fragen führen nicht selten dazu, dass Sie die fremde Argumentation besser nachvollziehen können - und eventuell in Folge auch Ihren eigenen Standpunkt ändern.

Fazit

Jemanden dumm zu nennen, kann schnell in einer Sackgasse enden und zu irreparablen Schäden in der Zusammenarbeit führen. Bevor Sie also ein solch hartes Urteil fällen, versuchen Sie lieber herauszufinden, was wirklich los ist.

Ein paar Tipps für eine bessere Zusammenarbeit im nächsten Workshop:

  • Stellen Sie sicher, dass Sie in einer Umgebung arbeiten, die objektive Entscheidungen fördert. Wenn Entscheidungen auf Persönlichkeiten und Emotionen basieren anstelle von sachlichen Daten und Diskussionen, ist jeder schnell „dumm“.
  • Verschwenden Sie nicht unnötig Energie in Meinungsverschiedenheiten. Erarbeiten Sie sich lieber einen Ruf aufgrund Ihrer Expertise und Ihrer hervorragenden Arbeit. Das ist viel wichtiger (und sympathischer) als intellektuelle Fähigkeiten.