Von Ingrid Gerstbach

Scheitern Sie früh, schnell und oft - so sagt es zumindest eine bekannte Redewendung aus dem Design Thinking. Denn Scheitern wird als notwendige Vorstufe für den wirklich großen Wurf gesehen. Unzählige Erfolgsgeschichten sind voll von Fehlern und Hindernisse. So scheiterte Thomas Edison weit mehr als 1.000-mal, bevor er die erste elektrische Glühbirne perfektionierte. Oder Beethoven, der so ungeschickt mit der Violine war, dass er nur seine eigenen Kompositionen spielte und von seinen Lehrer als hoffnungslosen Fall abgeschrieben wurde. Oder Rodin, dessen Vater sagte, er hätte einen Idioten als Sohn. Er wurde als der schlechteste Schüler beschrieben und verfehlte dreimal die Aufnahme in der Kunstschule.

„Scheitern“ ist ein gefürchtetes Konzept in den meisten Unternehmen. Dabei können Fehler ein wichtiger Innovationsmotor für die Menschen im Unternehmen und die Organisation selbst sein. Der Trick liegt in der richtigen Einstellung: Nähern Sie sich dem Gedanken zu scheitern vorsichtig und beginnen Sie, Fehler als Segen zu sehen und für sich zu nutzen. Denn in Wahrheit versagen wir alle - die ganze Zeit. Mal verpassen wir einen Anruf von einem Kunden, weil wir in einem Meeting feststecken oder wir vergessen einen wichtigen Termin, weil ein anderes Projekt plötzlich höher priorisiert wurde. Oder in unserer Familie passiert etwas und wir müssen die Prioritäten erneut verschieben.

Ein Fehler ist - unabhängig, ob das Scheitern von Wert ist - immer Bestandteil unserer unsicheren Umwelt und damit Teil unserer menschlichen Existenz. Um ein sinnvolles Leben zu gestalten, müssen wir uns ins Unbekannte vorwagen. Natürlich streben wir alle grundsätzlich den großen Erfolg an, aber dieser ist einfach nie garantiert. Es ist die Fähigkeit, sich von Rückschlagen zu erholen und weiterzumachen, die, die wirklich zählt. Und das beginnt damit, aus Fehlern zu lernen.

Es ist kein Wunder, dass wir alle Angst vor dem Scheitern haben, wenn wir bedenken, wie Fehler in der Gesellschaft gesehen werden, nämlich als Mangel an Erfolg oder als Misslingen einer Aufgabe. Wir sollten unsere Wahrnehmung verschieben und den Wert neu zuschreiben, indem wir Fehler vielmehr als eine neue Möglichkeit oder als Teil des Prozesses auf dem Weg zum Erfolg sehen.

Hinfallen und dadurch dem Unbekannten zu begegnen hilft vielmehr dabei, Flexibilität und Charakter aufzubauen. Sie schenken Ihnen Einblicke über Ihre Arbeit, sich selbst und andere, bereichern Ihre Erfahrungen, testen Ihre emotionale Intelligenz und fügen neue Kenntnisse und Fähigkeiten zu.

Im Design Thinking arbeite ich mit sogenannten Rapid-Prototyping. Das ist ein Verfahren, mit dessen Hilfe zunächst ein Haufen an neuen Ideen entwickeln wird, die dann schnell in ein physisches Modell oder ein Mock-up umgesetzt werden, um direkt weiter an der Lösung zu arbeiten und diese zu verfeinern. Das ermöglicht einerseits ein schnelles Denken vom Abstrakten hin zum Konkreten und visualisiert andererseits die Ideen. Auf diese Art bekommt das Gehirn mehrere Möglichkeiten zu reagieren und die Dinge zu verarbeiten.

Da nicht alle Prototypen als die beste oder endgültige Lösung am Ende dastehen, ist beim Design Thinking eine wichtige Erkenntnis, dass Scheitern ein notwendiger Teil des Prozesses ist. Sie können eine Idee wieder hinschmeißen und sagen: „Lasst uns was anderes versuchen.“, aber Sie bleiben dabei positiv und neugierig und bewegen sich weiter. Versagen wird damit nicht mit etwas Schlechtem, sondern mit Vergnügen assoziiert.

Um das Beste aus Fehlern zu machen, habe ich ein paar Tipps aus meiner Erfahrung zusammengeschrieben:

DO's

Lassen Sie voll und ganz die Emotionen, die mit dem Scheitern kommen, zu - bevor Sie zum nächsten Punkt weitergehen. Sie schulden sich selbst, Gefühle wie Angst, Trauer oder Wut zunächst zu verarbeiten. Achten Sie aber darauf, nicht darin aufzugehen. In Ihren Gefühlen können wichtige Lektionen versteckt liegen. Werfen Sie deswegen einen Blick auf das, was schief gegangen ist. Ist der Fehler aus Unachtsamkeit entstanden oder haben Sie etwas falsch beurteilt? Zu verstehen, warum etwas nicht funktioniert hat, hilft, aus Fehlern lernen und auf den richtigen Weg zu kommen.

Nehmen Sie die Verantwortung an

Quälen Sie sich nicht für Sachen, die einfach nicht in Ihrer Kontrolle liegen oder die Sie nicht vorhersehen konnten. Treten Sie aber trotzdem einen Schritt zurück und achten Sie darauf, wie engagiert Sie tatsächlich bei der Sache waren. Denken Sie über Ihre Rolle in der Situation nach und entscheiden Sie, was Sie anders oder besser machen hätten können. Akzeptieren Sie Ihre eigenen Grenzen, aber überlegen Sie: Hätten Sie mehr Übung dafür gebraucht? Hätten Sie jemanden um Hilfe bitten sollen? Oder sind Sie überarbeitet? Sich selbst Fehler einzugestehen, hilft dabei, die Energie daraus zu befreien und sich auf neue Schritte zu konzentrieren.

Wirksame Maßnahmen setzen

Streichen Sie das Wort „versuchen“ aus Ihrem Wörterbuch. Identifizieren Sie vielmehr spezifische Schritte, die Sie treffen müssen, um Ihr Ziel zu erreichen. Wenn Sie diese nicht erreichen, dann müssen Sie die Schritte eben neu definieren und gruppieren. Obwohl es immer besser ist, etwas zu versuchen, als überhaupt nichts versucht zu haben, gibt Ihnen diese Methode den Raum, Maßnahmen zu vermeiden. Wenn Sie sich auf das Tun konzentrieren, vermeiden Sie das Drama des Versuchens.

DON’Ts

Fehler können schmerzhafte Emotionen auslösen. Sie können Ihnen entgleisen, Selbstzweifel und die Ängste um ein Vielfaches erhöhen. Fehler gehen oft mit unnötiger Stigmatisierung und Scham einher. Um die Schärfe zu nehmen, könnten Sie Ihre Fehler als trivial abtun oder sie als Erfolge neu interpretieren. In der Realität aber sind diese Annahmen sind meistens unrealistisch, dass eine solche Haltung im Gegenteil vielmehr schwerwiegende Nachteile nach sich zieht.

Suchen Sie nicht nach Schuld und Ausreden

Wenn Sie nicht die Verantwortung für Ihre Handlungen und Entscheidungen übernehmen, verpassen Sie die Chance, den Kurs zu korrigieren. Andere oder externe Ereignisse verantwortlich zu machen, kann Ihnen ein Gefühl der Kontrolle geben, aber es macht es für Sie schwieriger, Veränderungen zu bewirken. Den ahnungslosen Kollegen oder der schlechten Wirtschaftslage die Schuld in die Schuhe zu schieben, wird vermutlich auch nicht viel ändern, sondern im Gegenteil, Ihre Sicht verschieben und Sie am Lernen hindern.

Verleugnen Sie Ihre Fehler auch nicht

Das Ignorieren und Verstecken von Fehler führt dazu, dass Sie auf wertvolle Lektionen verzichten, die sich Ihnen bieten. Suchen Sie lieber einen Weg, um Fehler gezielt zu betrachten. Nutzen Sie die Chance, Fehlentscheidungen oder misslungene Projekte auch mit anderen zu besprechen und daraus Lektionen für das nächste Mal zu ziehen.

Geben Sie nicht gleich auf

Wachsen bedeutet immer mit Unsicherheiten und Rückschlägen umgehen zu lernen. Wenn Sie sich nicht aus Ihrer Komfortzone bewegen, werden Sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit sicherer fühlen. Aber sicher ist auch, dass Sie sich so selber großer Chancen berauben.

Fazit

Fehler zu umarmen bedeutet nicht, sie bewusst zu suchen oder ein Umfeld zu schaffen, in dem der Laisser-faire Stil herrscht. Missverstehen Sie diesen Rat bitte auch nicht als Aufruf zu rücksichtslosen Verhalten und Missachtung von Regeln. Angst vor dem Scheitern kann gesund sein, wenn Sie dabei sicher sind und es Sie nicht lähmt. Lernen Sie aus Fehlern, ziehen Sie die Konsequenzen. Tun Sie, was Sie tun müssen, um Fehler zu vermeiden oder zu minimieren. Vergessen Sie aber dabei nicht, dass Unsicherheiten immer für besondere Herausforderungen sorgen.

Erkennen Sie vielmehr, dass Sie Ihr ganzes Leben lang immer wieder mit neuen Unsicherheiten konfrontiert sein werden. Einfach aus dem Grund heraus, weil wir Menschen sind und Unsicherheiten zu unserem Leben dazu gehören. Niemand ist unfehlbar und niemand hat auf alles alle (richtigen) Antworten. Fehler zu akzeptieren und mutig weiterzugehen wird Ihnen helfen, Scheitern zu Ihrem Vorteil zu nutzen. Sehen Sie Fehler als normal und notwendig an - als Schlüssel zur Erkenntnis auf dem Weg zum Erfolg.