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Die Wahrheit über die linke und die rechte Gehirnhälfte

Denken Sie eher mit der rechten oder der linken Gehirnhälfte? Was bedeutet das eigentlich? Und ist das überhaupt wichtig?

Die meisten Menschen sind der Überzeugung, dass jede Hemisphäre unseres Gehirns unterschiedliche Aufgaben managt. Wenn wir eine Art des Denkens einer anderen bevorzugen, teilen wir uns gegenseitig gerne in links- oder rechts denkende Mensch ein. Menschen, die eher die rechte Gehirnhälfte nutzen, sind dieser Idee nach kreativ, neugierig und intuitiv, während die links denkenden Menschen die sind, die logisches, methodisches und rationales Vorgehen bevorzugen.

Wissenschaftlichen Erkenntnissen nach basiert aber diese gesamte Begrifflichkeit auf einem Missverständnis. Das Konzept der Lateralisation des Gehirns bezeichnet die neuroanatomische Ungleichheit und funktionale Aufgabenteilung der Großhirnhemisphären. Das menschliche Gehirn ist bilateralsymmetrisch aufgebaut. Obwohl diese Symmetrie auf einen wesentlich gleichartigen Aufbau hinweist, weiß man seit langer Zeit aus vielfältigen Beobachtungen und Experimenten, dass die Aufgaben und Funktionen des Gehirns eine räumliche Spezialisierung haben. Einige Funktionen oder Teilfunktionen des Gehirns werden bevorzugt in einer der beiden Gehirnhälften ausgeführt. Die Aufteilung von Prozessen auf die rechte und linke Hälfte wird als Lateralisation bezeichnet.

Das Konzept der Laterialisation

Die Begeisterung für die Aufteilung in linke und rechte Gehirnhälfte begann also mit dem Konzept der Lateralisation. Seit den 1960er Jahren wurde bei Split-Brain-Patienten der Balken (Corpus callosum), der die beiden Hirnhemisphären miteinander verbindet, operativ entfernt. Heutzutage wird diese OP nur nur selten als letzte Lösung zur Behandlung der Epilepsie angewandt.

Diese Operation hatte eine experimentelle Untersuchung der Arbeitsweisen der Gehirnhälften zur folge. Dabei fanden die Forscher Korrelationen mit den verschiedenen Variablen wie Berufswahl und Persönlichkeit. Dieser letzte Punkt ist interessant, weil wir Menschen gerne in Kategorien denken und es etliche Persönlichkeitstest gibt, die untersuchen, ob jemand seine linke oder rechte Gehirnhälfte bevorzugt. Auch viele Bücher versuchen, den Begriff zu verkaufen und Experten propagieren an Schüler je nach Persönlichkeit entweder links- oder rechts-Stil zu lernen.

Würden wir wirklich nur eine der beiden Gehirnhälften nutzen, würde das bedeuten, dass wir halb tot sind? Sollten wir zu allen Zeiten dann nur noch entweder emotionsfrei oder vollkommene analytische Idioten sein?

Untersuchungen mit Analogien

Der Forscher Adam Green zeigt, dass es erhebliche Überschneidungen zwischen den beiden Hälften gibt. Dabei konzentriert sich Green auf das analoge Denken. Green behauptet, dass dieses Denken ein Prozess ist, der sowohl logische als auch kreative Denkprozesse erfordert. In einem seiner typischen Experiment werden die Teilnehmer gebeten, Vier-Wort-Analogien wie folgt zu lösen:

Eine Waffe ist für eine Kugel was der Bogen ist für _____.

Das Lösen dieser Analogie erfolgt in zwei Schritten. Zuerst müssen Sie die Beziehung zwischen den ersten und zweiten Element erkennen. Zweitens müssen Sie überlegen, welcher Begriff namentlich nicht erwähnt wird, aber in einer ähnlichen Beziehung mit dem dritten Element ist.

Analogien auf dieser Ebene zu lösen ist eine logische Argumentationsaufgabe, ohne die Notwendigkeit das kreative Denken miteinzubeziehen. Sie werden auch tatsächlich in vielen standardisierten Tests solche Wort-Analogien finden, die die analytischen Fähigkeiten messen sollen. Dabei sagen diese Wort-Analogie-Tests im Grunde auch genauso viel über Ihr allgemeines Wissen aus: Waffe schießt Kugel; Bogen schießt Pfeil.

Ebenso nutzt Green das Lösen von Analogien, um Kreativität zu beobachten. Computerlinguisten haben ein Verfahren entwickelt, dass die „semantische Distanz“ zwischen den Worten misst. Das bedeutet, dass sie die ähnliche Bedeutungen von zwei beliebigen Worten messen. Green konnte somit die Schwierigkeit einer Analogie bestimmen, indem er die semantischen Abstände zwischen den Konzepten misst.
Zu dieser Forschung hat Green die Teilnehmer gebeten, ihre Wort-Analogien zu lösen, während sie in einem funktionellen MRT liegen. Dabei fand er heraus, dass je schwieriger die Analogie ist, desto mehr Aktivität fand er im linken Bereich. Genauer gesagt im linken frontopolaren Kortex, der Teil des menschlichen Gehirns, der unsere vorgewölbte Stirn füllt.

Green weist darauf hin, dass es wichtig ist, nicht zu glauben, dass nur der linke frontopolare Kortex Analogien löst. Vielmehr sind viele Bereiche des Gehirns wie bei jedem kognitiven Prozess zur Lösung von Analogien notwendig. Wir können im Grunde nur Schwerpunkte bei der Verarbeitung identifizieren. Green geht davon aus, dass der linke frontopolare Kortex die relationalen Informationen aus anderen Gehirnbereichen sammelt und integriert.

Übung

Bewegen Sie im Liegen die Fußspitzen synchron zu Ihrer Atmung auf und ab. Heben Sie beim Einatmen die Füße Richtung Nase und senken Sie sie beim Ausatmen. Das ganze wiederholen Sie 20mal.
Setzen Sie sich danach auf die Bettkante und schauen Sie beim Einatmen zur Decke hinauf. Beim Ausatmen richten Sie Ihren Blick zu Boden.
Bei beiden Übungen geht es darum, die schwächer ausgeprägte Seite zu trainieren. Denn damit fördern Sie auch gleichzeitig Ihre Denkleistung.

Und die Moral von der Geschichte...

In der Realität ist es egal, ob wir von links- und rechts heimsphärischen Funktionen beim Menschen denken. Wir brauchen immer unser gesamtes Hirn, um in unserer komplexen Welt zu überleben.

Weiterführende Hinweise

Green, A. (2016). Creativity, within reason: Semantic distance and dynamic state creativity in relational thinking and reasoning. In: Psychological Science, 25, 28-35.

Studie zur Forschung der Gehirnhälften