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Eines Tages besucht ein Hund den Tempel der tausend Spiegel.Er steigt die hohen Stufen hinauf, betritt den Tempel, schaut in die tausend Spiegel, sieht tausend Hunde, bekommt Angst und knurrt. Mit gekniffenem Schwanz verläßt er den Tempel in dem Bewußtsein: die Welt ist voller böser Hunde. Kurze Zeit später kommt ein anderer Hund in den gleichen Tempel. Auch er steigt die Stufen empor, geht durch die Tür und betritt den Tempel der tausend Spiegel. Er sieht in den Spiegeln tausend andere Hunde, freut sich darüber und wedelt mit dem Schwanz. Tausend Hunde freuen sich mit ihm und wedeln zurück. Dieser Hund verläßt den Tempel in dem Bewußtsein: Die Welt ist voller freundlicher Hunde.
— Indische Weisheit

 

In unserer Kultur sind Nachrichten sicherlich auch eine Art der Ablenkung. Das Wissen über die neuesten Entwicklungen sind von grundlegender Bedeutung und zeichnen den gebildeten, engagierten Bürger von heute aus.

Nachrichten sollen Wahrheiten und Realitäten beleuchten und zur Diskussion stellen. Die Aufgabe von Journalisten ist zu berichten, was in der Welt los ist; sie fühlen es als ihre Pflicht, uns "die Wahrheit" zu sagen. Ohne Nachricht, so das Denken, würden wir unwissend darüber bleiben, was "wirklich" da draußen passiert.

Aber die Wahrheit, die von den Medien geliefert werden, stellen immer nur einen Ausschnitt der menschlichen Wirklichkeit dar - immer die Fraktion, die neu und in den meisten Fällen negativ ist. Studien zeigen, dass das Verhältnis von negativen zu positiven Nachrichten 17:1 stehen. Wir erhalten Berichte über ein paar Dutzend Mörder und Pädophile, die bis zu einem bestimmten Tag unauffällig waren, aber kein Wort wird über die Millionen von Menschen, die zur Arbeit ging, aßen und deren Welt sich unaufhörlich weiterdreht, verloren.

In der Welt der Nachrichten lauert die Gefahr an jeder Ecke. Skandale werden aufgedeckt und vor Gefahren gewarnt, wie dass jeder eine 87,5% Chance hat noch vor seinem 70 Lebensjahr an Krebs zu erkranken.

Die Linse der Medien auf das Geschehen der Welt ist so eng, dass immer nur ein kleines Stück davon beleuchtet werden kann, der den Rest des Bildes verzerrt. Medien berichten also nicht nur über die Wirklichkeit, sondern sie helfen uns auch, diese zu gestalten. Wir bekommen Farbe für unsere Wahrnehmung über das Leben durch das, was wir in den Nachrichten lesen - unsere Überzeugungen über den Zustand unseres Landes und den Mitmenschen. Das Ergebnis ist eine Perspektive, die oft pessimistisch und zynisch ist. Obwohl eine Menge Dinge in unserer Familie und in unserer Gemeinde scheinbar ganz gut gehen, erscheint die Welt als Ganzes verloren zu sein.

Wie wahr ist die Wirklichkeit?

Die Nachrichten spielen mit einer ganzen Latte an Vorurteilen. Um mit dem Schritt zu halten, was in der Welt los ist - die Naturkatastrophen, Krankheiten und Kriege in nahen und fernen Ländern - helfen uns angeblich, uns als einen Teil einer globalen Gemeinschaft zu sehen und Empathie aufzubauen.

Doch psychologischen Studien zufolge passiert genau das Gegenteil: Sind wir mit dem Leiden einer einzelnen Person konfrontiert, empfinden wir tiefes Mitgefühl. Aber bekommen wir die Leiden von Dutzenden, Hunderten, Tausenden präsentiert, neigen wir dazu, uns abzuwenden. Joseph Stalin formulierte es klar „Der Tod eines Menschen ist eine Tragödie; der Tod von einer Million eine Statistik.“ Angesichts der Massen an Leiden, ziehen wir unsere Antennen ab, weil wir Angst haben von Emotionen überwältigt zu werden.
Anstatt dass wir sensibel für die Leiden der Menschen werden, werden wir durch endlose Berichte über hunderte Menschen, die in einer Explosion getötet wurden, desensibilisiert.

Nachrichten informieren selten wirklich: Sie zeigen Statistiken auf, aber sie zeigen selten einen Zusammenhang zu dem, was sie eigentlich berichten. Hintergrundwissen über Geschichte, Psychologie, Philosophie, und so weiter, von Bücher und andere stabiler, detaillierte Informationen Quellen entnommen, wären doch erforderlich, um Verbindungen zwischen diesen Fakten abzustecken und fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Warum konsumieren wir Nachrichten?

  • Zur Unterhaltung: Wir alle konsumieren Nachrichten hauptsächlich zur Unterhaltung. Es gibt Action, Drama, Wendepunkte, und Spannung. Jedes Genre der Fiktion hat seine Parallelen zum wirklichen Leben:
    • Rätsel, Grauen, & Spannung: Warum sollte jemand absichtlich ein Flugzeug in einen Berg zum Absturz bringen? Wie muss es sich für die Passagiere angefühlt haben? Wer ist schuld?
    • Partnerschaft: Welche Berühmtheit datet welche Berühmtheit? Wer hat Schluss gemacht?
    • Moral: Wird das verdorbene reiche Kind endlich seine wohlverdiente Strafe erhalten?
    • Sport: Wer hat die Meisterschaft gewonnen? Wer ist im Viertelfinale?

Neben Schadenfreude bringen Nachrichten noch jede Menge Spaß an der Sache.

  • Andere überwachen: Wir blättern unseren Facebook-Feed durch, um zu sehen, was andere im Vergleich zu uns tun. Zur gleichen Zeit sind wir auf Augenhöhe mit mächtigen Menschen und Prominenten aller Art, so dass wir uns direkt mit ihnen verbunden fühlen.
     
  • Überprüfung des eigenen Status: Die Kenntnis über die Nachrichten sind in vielerlei Hinsicht wie der Besitz eines Schulabschlusses - es muss nicht unbedingt bedeuten, jemand ist intelligenter als andere, aber wir verwenden es als eine Art Sortiermechanismus. Um nicht als dumm zu gelten, ist es obligatorisch, zu Beginn des Tages die Schlagzeilen zu scannen, um gewinnend im Gespräch eingreifen und den eigenen Status halten zu können.
     
  • Hoffnung, dass etwas Spannendes, Weltveränderndes passiert: Die meisten von uns leben ein langweiliges, vorhersehbares, 9-5 Leben. Obwohl ein Teil von uns nicht in einen Krieg ziehen will oder sich eine Katastrophe wünscht, hofft ein anderer Teil im Geheimen, dass etwas wirklich Großes passieren wird. Viel Leid sind Ergebnisse von großen Tragödien und Konflikte, aber sie bringen auch Neuheit, Aufregung, Vereinigung und das Gefühl einer größeren Bedeutung und Zweck.
     
  • Um uns selbst zu entkommen: Eintauchen in weltweiten Dramen hilft uns, die eigenen Probleme zu vergessen. Wenn wir durch die Links auf einer Nachrichten-Website scrollen, wirkt das wie eine Art Betäubungsmittel für das Gehirn. Aus dem gleichen Grund schauen viele die Fernsehnachrichten. Auch wenn sie vorgeben, informativ und damit geistig anregend zu sein, sind es doch im Grunde perfekte Hintergrundgeräusche, wenn wir unsere Sorgen vergessen möchten.
     
  • Die Angst etwas zu verpassen: Die Welt dreht sich heute schneller als je zuvor - Regierungen werden in nur einer Woche gestürzt, Politiker fallen über Nacht aus der Gnade und dazwischen passieren ständig neue technologische und wissenschaftliche Fortschritte.

Kein Wunder, dass wir uns davor fürchten, uns könnte eine Art von Entdeckung entgehen, die unser Leben für immer verändern könnte. Tief in uns allen schlummert das Gefühl, dass, wenn wir nur die richtige Ernährung, Schlaf Zeitplan oder Planung App finden, würden wir endlich in der Lage sein, unsere Ziele zu erreich und vielleicht sogar der Sterblichkeit entkommen.

Das Erleben der Welt

Wenn wir die Nachricht wie eine moderne Religion sehen, dann ist der Glaube an unaufhörlich Fortschritt die Nahrung. Wir wenden uns an die Nachricht in der Hoffnung auf frische Enthüllungen über glücklichere und längere Lebenszeit. Es vermittelt uns Sicherheit, wenn wir ständig bescheid wissen.

Die Frage ist nicht, ob Sie die Nachrichten zu konsumieren, sondern wie viel, und welche. Ziel ist eine bewusste Absicht, anstatt einer kompletten Enthaltung.

Nachrichten sind nur eine Informationsquelle unter vielen. Sobald Sie sich bewusst über die wirklich Gründe für Ihr eigenes Konsumieren über die Nachrichten werden, können Sie die Quelle wählen.

Es gibt kein one-size-fits-all Rezept dafür, wie viel Platz man den Nachrichten geben sollte. Ich selber scanne die Schlagzeilen einer Nachrichten-Website, um 1) in der Lage zu sein, mit meinen Mitmenschen ein Gespräch über aktuelle Ereignisse zu führen und 2), um zu sehen, ob es irgendwelche Themen gibt, die für mich relevant sein könnten.

Während die Wahrheit der Nachrichten meistens eine Lebensdauer von 24 Stunden haben, bleiben Bücher oft für mehrere Jahre, sogar Jahrhunderte relevant. Ich kenne keinen einzigen wirklich kreativen Menschen, der Nachrichten-Junkie ist: Kein Schriftsteller, kein Musiker, Mathematiker, Mediziner, Wissenschaftler Architekt oder Maler. Wenn Sie alte Lösungen suchen, dann sind Nachrichten sicher ein guter Pool an Ideen. Wenn Sie nach neuen Lösungen suchen, dann lassen Sie es besser.

Zugleich bieten Bücher nicht nur eine Ausbildung in einem bestimmten Thema, sie bieten auch den Kontext - die vielfältigen mentalen Modelle - die mir erlauben, einen größeren Sinn in dem zu sehen, was in den Nachrichten passiert.

Fazit

Die Gesellschaft braucht investigativen Journalismus - aber in einer anderen Art und Weise als es bisher der Fall ist. Investigativer Journalismus ist ohne Frage immer relevant. Wir brauchen Berichterstattung, die unsere Institutionen polizeilich überwacht und die Wahrheiten enthüllt. Aber diese wichtigen Erkenntnisse müssen nicht in Form von Nachrichten-Feeds ankommen. Artikel und Bücher, die sich ganzheitlicher mit den verschiedenen Themen beschäftigen, wären eine gute Option.

Ich habe mich selber auf eine Art Entzug gesetzt: Seitdem habe ich weniger Angst, denke mehr nach, habe mehr Zeit und mehr Aha-Momente. Ich gebe zu, es ist nicht einfach, aber es lohnt sich.

Weiterführende Links

Artikel: Warum so negativ? Konstruktiver Journalismus in Deutschland
Johnston, M. (2011): The psychological impact of negative TV news bulletins: The catastrophizing of personal worries. British Journal of Psychology: Vol 88
Gielan, M. (2015): Broadcasting Happiness: The Science of Igniting and Sustaining Positive Change. BenBella Books: Dallas.